Von Christian E. Lewalter

Nicht wenige, die Ende der zwanziger Jahre jung waren oder mit der Jugend lebten, werden sich des Internats-Romans „Nacht und Tag“ erinnern als einer sehr sensiblen, gar nicht dezidierten, eher melancholischen Schilderung der seelischen Atmosphäre in einem deutschen Landschulheim. Sein Verfasser, der Berliner Peter Mendelssohn, war damals kaum zwanzig Jahre alt. Heute ist er als Peter de Mendelssohn eine Figur der internationalen Publizistik, ehemaliger alliierter Presseoffizier in Berlin, Essayist, Reisekorrespondent, englischer Staatsbürger, der ein sehr geschmeidiges Deutsch schreibt. Kein Remigrant, sondern eher ein Kosmopolit, über den Nationen, aber strikt west-alliiert und immer noch, wie 1945 in Berlin, ungebrochen in der Überzeugung, daß es ihm aufgetragen sei, die junge Generation in Deutschland auf den Weg zurückzuführen, von dem ihre Väter 1933 abgewichen waren. Mögen die meisten seiner Kollegen von damals die Re-education als démodè ansehen, Peter de Mendelssohn läßt von ihr so wenig wie von dem anmutigen französischen Adelsprädikat, das er seinem bürgerlichen Namen vorangestellt hat. „Der Jugend neuerlich Manieren des Geistes: und des Herzens anerziehen, ohne die ein normaler, unblutiger Umgang nicht möglich ist“ –, darauf kommt es ihm an. Und um ganz deutlich zu machen, wie „Manieren des Geistes“ nicht sein sollen, legt er uns vier große kritische Essays über Zeitgenossen vor, die es seiner Ansicht nach von 1933 bis 1945 und auch nachher an den rechten Manieren haben fehlen lassen: Knut Hamsun, Jean Giono, Ernst Jünger und Gottfried Benn. (Peter de Mendelssohn, „Der Geist in der Despotie. Versuche über die moralischen Möglichkeiten des Intellektuellen in der totalitären Gesellschaft“. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung (Walter Kahnert), Berlin-Grunewald, 282 S.).

Es ist ein polemisches Buch, selbstverständlich, aber es ist auch das Buch eines musischen Menschen, obwohl es „moralische Möglichkeiten“ zum Thema hat. Darum ist es fern von der peinlichen Pedanterie und dem massiven Pharisäertum, das seine Kollektivmeinungen für absolute Wahrheiten ausgibt und sich bei der Behandlung so strittiger Figuren in Einstufungen nach Spruchkammerart ergeht. Mendelssohn stuft nicht ein, er stuft ab. Die Reihenfolge der vier Persönlichkeiten ist durch die Rangfolge des Respekts bestimmt, den Mendelssohn jeder von ihnen widerfahren läßt. Dieser Respekt gilt jeweils einem dichterischen Ingenium, das Mendelssohn (besonders im Fall Hamsun) mit der Objektivität eines berufenen Literaturkritikers zu porträtieren versteht, und gibt seinen negativen moralischen Werturteilen etwas Schmerzliches. Der Leser spürt, es tut dem sensiblen Ankläger in der Seele weh, daß er nicht das Amt des Verteidigers übernehmen konnte. Trotzdem sieht er sich genötigt, bei allen vier Angeklagten zu dem Schluß zu kommen: sie haben, jeder auf andere Art, vor dem Nationalsozialismus versagt. Versagt nicht aus Charakterschwäche – das wäre uninteressant –, sondern aus Schwäche der Urteilskraft, aus Verranntheit in liebgewordene Wunschbilder. Vorsagt also nicht als Menschen, sondern als schöpferische Geister. Das Forum, vor das Mendelssohn sie, die Angeklagten (und uns, die Geschworenen) fordert, ist also wirklich kein Justiztribunal, sondern der Gerichtshof der Moral –, jener Gerichtshof, vor dem wir allesamt, nach dem Wort des Paulus, „des Ruhms ermangeln“. Nicht ausgenommen die Ankläger.

Was gibt Mendelssohn, der – wir wiederholen es – wenig von einem Pharisäer hat, die Unbefangenheit, so eindeutig zwischen rechtem und falschem Verhalten angesichts der Despotie zu unterscheiden? Er selbst hat, wie er einleitend erzihlt, 1933 ganz impulsiv (nicht durch Verfolgung genötigt) die „Kirschen der Freiheit“ gepflückt und die Position bezogen, von der aus er nun plädiert. Für ihn waren die Fronten klar – so klar wie etwa für Leonhard Frank. Beide standen „links, wo das Herz ist“. Wenn aber einer nicht links stand, waren die Fronten dann auch so klar? Mendelssohns Jugend fiel in die zwanziger Jahre; der erste Weltkrieg gehört seinem Erlebnishorizont noch nicht an, um wieviel weniger die Zeit vor 1914. Für Giono und Jünger ist aber gerade der erste Weltkrieg entscheidend gewesen, für Hamsun und Benn die Welt um 1900. Alle vier hatten um 1933 bestimmte eigene Gedanken über die Krise der abendländischen Zivilisation, über Möglichkeiten der Zukunft, über das Verhältnis von Macht und Geist – Gedanken, die sich nicht politisch nach Freund und Feind orientierten, wie es die Vorstellungen Hitlers und die konträren Vorstellungen der „Linken“ taten. Hitlers Auftreten bedeutete für jene vier also keineswegs eine Aufforderung zu dezidiertem Ja oder Nein. Seine Richtung lag gleichsam windschief zu ihren Erwartungen, war mehrdeutig. Die weitere Entwicklung blieb, mit Mißtrauen, zu beobachten.

Für diese so andersartige Konstellation fehlt Peter de Mendelssohn das Organ, der historische Sinn. Der Gedanke, Hitler könnte ein Symptom für eine Krankheit der Kultur gewesen sein, die auch andere, noch heute sehr fühlbare Symptome hat (zum Beispiel die rapide Nivellierung nach unten, das Verhätscheln des Massengeschmacks, die Sucht nach kollektiven Ekstasen und nach Pseudo-Religionen) – dieser Gedanke kommt ihm gar nicht. Für ihn ist die nationalsozialistische Herrschaft (kurz „die Despotie“ genannt, als ob es nur diese eine gegeben hätte und gäbe) ein Urphänomen des Bösen, eine unableitbare, primäre Tatsache. Er erwähnt (was anläßlich von Ernst Jünger doch nahegelegen hätte) Spenglers Prophezeiung des „Cäsarismus“ so! wenig wie Nietzsches Voraussage der „produktiven Barbarei“. Daß Hitler gerade infolge der aufgeblasenen Mittelmäßigkeit seines Denkvermögens gewisse Tendenzen der modernen Welt wie Zwangsläufigkeiten realisierte, nimmt Mendelssohn so wenig wahr wie das Schlimme-e, daß auch nach Hitler dieses Verhängnis der Mittelmäßigkeit fortwirkend Möglichkeiten in Determinationen verwandelt. So kann er allen Ernstes von Jünger behaupten, dieser habe „mit der Prägung des „Begriffs ‚Totale Mobilmachung‘ der totalen Mobilmachung erst eigentlich Existenz und Greifbarkeit verliehen“. Als ob Ernst Jünger als erster die Totalisierung des Krieges vorausgesehen, als ob nicht Jacob Burckhardt schon 1872 erkannt hatte, daß im zwanzigsten Jahrhundert „der Militärstaat Großfabrikant werden“ müsse. Man kann gegen Burckhardt, Spengler und Jünger (den Jünger des „Arbeiter“ und der „Totalen Mobilmachung“) einwenden, daß solche pessimistischen Voraussagen den Widerstand des Menschen gegen die Geschichte nicht hoch genug veranschlagen –, aber Tatsache ist doch, daß dieser Widerstand bis 1933 sich nicht geregt hat (auch bei der Linken nicht, die zwar Hitler ablehnte, aber mit Moskau sympathisierte) und daß jene Voraussagen eingetroffen sind, und gewiß nicht deswegen, weil sie gemacht worden waren.

Jüngers Schriften bis 1934 (und neuerdings wieder der „Waldgang“) sind Diagnosen der Zeit. Sie beschrieben Figuren, die Jünger als die kardinalen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckt hatte: den „Soldaten“, den „Arbeiter“, den „Waldgänger“ (den trotz allem Einzelnen). James Burnham entdeckte eine weitere Figur: den Manager. Ist er darum schuld am Managertum? Gewiß, jede gute soziologische Analyse ist in sich selbst „wertfrei“ (wie Max Weber gezeigt hat) und bezieht nicht moralisch Stellung. Aber auch für sie gilt Oscar Wildes Wort, daß „Moral sich immer von selbst versteht“. Mußte Jünger eigens sagen, daß weder der „Soldat“, noch der „Arbeiter“ ohne die Tugenden der Rechtlichkeit, der Kamerad-Schädlichkeit, der Pflichttreue, kurz: ohne die „Manieren des Herzens“ möglich sind? Sobald die Nationalsozialisten klar zu erkennen gaben, daß sie von diesen Tugenden nichts zu halten gedachten, trennte Ernst Jünger sich von ihnen (und Gottfried Benn tat desgleichen, während Hamsun und Giono zu wenig von ihnen wußten, um ihre Amoralität durchschauen zu können). Mußten aber Jünger und Benn deswegen verwerfen, was sie vorher über die Situation der Kultur gedacht hatten? Mußten sie es bereuen, daß sie eine Weile den Durchbruch besserer Instinkte für möglich gehalten hatten? Mendelssohn rügt sie, weil sie nicht abschwören und bereuen. Er beschuldigt Jünger, dieser entwerte die „moralischen Präzisionen“, obwohl doch das, was Jünger an den Nazis vermißte (und was er in den „Strahlungen“ einmal als „Ritterlichkeit“, „Ehre“ und „altgermanischen Anstand“ bezeichnet), haargenau dasselbe ist wie das, was Mendelssohn die „Manieren des Herzens“ nennt, nämlich jenes vom Takt gelenkte Beachten moralischer Spielregeln, das auch im zwanzigsten Jahrhundert den Gentleman vom Rabauken unterscheidet.

Diese selbstverständliche Moralität erweist sich ganz besonders dann als intakt, wenn ich es mit einem politischen Gegner, einem „Feind“, zu tun habe. In dieser Hinsicht hat Mendelssohn weder Jünger noch Benn etwas vorzuwerfen. Wie aber steht es mit ihm selbst? Eine Bemerkung seines Buches macht den Leser stutzig. Sie betrifft Jean Giono. Giono, Meuterer an der Verdunfront 1917, und seitdem ein so radikaler Pazifist, daß er noch 1939 auf die Frage, was er tun werde, wenn Deutschland Frankreich angriffe, die Antwort gab: „Was ist das Ärgste, was uns geschehen kann, wenn Deutschland Frankreich überfällt? Daß wir Deutsche werden. Was mich betrifft, so bin ich lieber ein lebender Deutscher als ein toter Franzose“ – Giono also hatte 1942 eine Arbeit in Chateaubriants „Gerbe“, einer „kollaborierenden“ Zeitung, veröffentlicht. Als Antwort warfen Maquisards am 12. Januar 1943 eine Bombe vor sein Haus, „offensichtlich dazu bestimmt“ (wie Mendelssohn sagt), „den Schöpfer des Panturle und des Bauche d’Or ums Leben zu bringen.“ Dieser offensichtliche Mordversuch hindert aber Mendelssohn nicht, die Schuld dafür bei dem Opfer zu suchen. „Es fällt uns schwer, nicht mit dem Bombenwerfer zu sympathisieren“, sagt er wörtlich. Giono hatte sich, in törichter Unkenntnis, zum „Werkzeug der Barbaren“ gemacht. „Vom Herzen verraten, übt der Geist Rache. Angesichts der Anmaßung des Herzens greift er zum ungeistigsten aller Auskunftsmittel, der Bombe. Giono, der Dichter, hatte kein Recht, überrascht zu sein.“ Sind das die „Manieren des Geistes“, die die Re-education der „verrohten deutschen Jugend“ wieder anerziehen will? Dieser „Geist“ erschlug 1944 den großen Bildhauer Aristide Maillol und richtete in zwei Monaten 100 000 Menschen hin, weil sie als Kollaborateure denunziert worden waren ...

So despotisch kann die Moral werden, wenn sie es verabsäumt, sich ihre Voraussetzungen klar zu machen.