Der Nestor der deutschen Arbeiterbewegung, der 75jährige Vorsitzende der IG Bergbau, August Schmidt, ist aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Heinrich Imig, sein langjähriger Stellvertreter, Mitglied der Bundestagsfraktion der SPD, 60jährig und seit 33 Jahren Mitglied der Gewerkschaften, nimmt jetzt den Stuhl ein, auf dem August Schmidt seit Wiederbegründung der Bergbaugewerkschaft im Jahre 1946 saß. Auf der Generalversammlung in den Kölner Messehallen nahmen viele der Delegierten mit einer gewissen Wehmut von August Schmidt Abschied. Sie fühlten wohl nicht zu Unrecht, daß mit dem Ausscheiden dieses vorbildlichen und schlichten Arbeiterführers eine neue Epoche für die Bergbaugewerkschaft und ihre 600 000 Mitglieder beginnen werde. Und es mag kaum einen unter ihnen gegeben haben, der nicht mit einer großen Genugtuung zur Kenntnis nahm, daß Schmidt auch von seinem Altenteil aus der Gewerkschaft jederzeit beratend zur Verfügung stehen werde. August Schmidt war vielleicht der letzte aus einer Reihe wirklich „gewachsener“ Persönlichkeiten, ein Mann von umfassender Autoritätsgeltung. In der Generation, die nach ihm die führenden Positionen der Gewerkschaftsbewegung übernommen hat, findet sich seinesgleichen kaum mehr. Jetzt tritt der Typ des Funktionärs immer stärker in den Vordergrund: der Manager-Typ, dessen Bemühen vorwiegend auf die Abgrenzung der fremden, die Erweiterung der eigenen Macht- und Einflußsphären gerichtet ist – auf die Schaffung neuer Gleichgewichtslagen, auf die allmähliche Verschiebung der Gewichte in einem unendlich komplizierten, nur in Gleichnissen der Mechanik und in Abstraktionen zu erfassenden taktischen Spiel um mehr Macht... Den Alten, die nun, wie August Schmidt, das Feld verlassen, war die starre Automatik einer solchen Kampfführung immer fremd; sie entsprach nicht ihrer kraftvoll gewachsenen, originären und (bei allen Ecken und Kanten) doch abgerundeten Wesensstruktur.

Als vor wenigen Wochen die verkürzte Arbeitszeit unter Tage anlief, und zugleich erhöhte Schichtlöhne für den Bergmann, verbesserte Leistungen für die Berginvaliden und Hinterbliebenen vereinbart wurden, meinte August Schmidt, daß dies für ihn der schönste Preis seiner Lebensarbeit gewesen sei. Noch jetzt in Köln wies er daraufhin, daß zum erstenmal in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung, Hand in Hand mit einer Arbeitszeitverkürzung auch eine Erhöhung der Löhne durchgeführt worden sei.

August Schmidt verstand sich auf sein Geschäft. Schon nach dem ersten Weltkrieg, 1919, legten ihm die Kumpels den Spitznamen „Tarif-Schmidt“ zu. Er hatte, selber Bergmannssohn, das karge Leben im Elternhaus nie vergessen, und auch nicht die 17 Jahre Untertagearbeit. Das Streben, eine aktive und starke Vereinigung der Bergleute zu schaffen, hatte sein Wirken von jeher bestimmt, und seit er sich 1902 der Freien Deutschen Bergarbeitergewerkschaft angeschlossen hatte, waren nun wirklich die Sorgen aller Kumpels auch immer die seinen. Von früher Jugend an lautete sein Wahlspruch: „Hol di senkrecht!“ Und diese seine aufrechte Haltung, gepaart mit einem unverwüstlichen Humor und echter Herzensgüte, hat ihm die Verehrung von Millionen deutscher Arbeiter eingebracht. Aber auch im Bürgertum und bei der Unternehmerschaft genießt August Schmidt – ähnlich wie einst Hans Böckler – allgemeine Achtung und Anerkennung.

Diese Achtung hat viel dazu beigetragen, daß da, wo er mit am Verhandlungstisch saß, in den oft so schwierigen sozialen und politischen Auseinandersetzungen stets ein Weg zur Lösung, zur Verständigung und zum Ausgleich gefunden werden konnte. Wo ihm bei dem Bemühen, den Lebensstandard im Bergmannsberuf zu verbessern, die Politik seiner Freunde entgegenstand, da sagte er es offen heraus. Niemals befürwortete er eine Vermischung der Interessen von Partei und Gewerkschaft; ihm war die echte Neutralität der Arbeiterbewegung eine tiefernste Herzenssache. Mit sicherem Gefühl und aus begründetem Wissen heraus warnte er die Gewerkschaften in der Nachkriegszeit immer wieder vor der politischen Betätigung. „Mit Politik sollen sich die Männer beschäftigen, sie sollen sich orientieren, aber sie sollen nicht die Politik des Tages in die Tagesarbeit der Gewerkschaft bringen.“ Das war stets sein Leitmotiv.

Gerade in dieser Frage hat es Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem politisierenden Christian Fette gegeben, dessen Nachfolger Walter Freitag, die gleiche Warnung mit auf den Weg bekam: „Euer Politisieren bedroht den Bestand der Einheitsgewerkschaft und unterhöhlt ihre Fundamente“, rief er beiden zu. Bei Fette kam die Mahnung zu spät. Bei Freitag scheint sie jedoch Gehör gefunden zu haben. „Ich fordere von allen, die in der Gewerkschaftsarbeit tätig sind, parteipolitische Neutralität und religiöse Toleranz. Wenn beides nicht gewahrt wird, geht die Einheitsgewerkschaft zugrunde.“ So formulierte Schmidt, als im August des vergangenen Jahres die Diskussion um diese Kernfrage ihren Höhepunkt erreicht hatte.

August Schmidt steht, wie auch große Teile der Industriegewerkschaft Bergbau, offen und positiv zur Montan-Union, die die SPD ablehnt. Gerade jetzt in Köln erklärte er in seinem Rechenschaftsbericht vor den Delegierten noch einmal: „Wirtschaftspolitisch gesehen bedeutet die Errichtung der Montan-Union einen wesentlichen Fortschritt.“ Mit diesem Urteil bewies der „Alte aus Bochum“ erneut seinen nüchternen und realpolitischen Blick. Gewiß, dieses Urteil ist nicht allgemein in der Bergbaugewerkschaft zu finden. Schmidt hat auch seine Gegner. Das sind unter anderem die „Radikalen“, die keineswegs ausgestorben sind. Im Gegenteil: Zuweilen scheint es, als ob sich der linksradikale Flügel der „Aktivisten“ verstärke. August Schmidt macht sich – ähnlich wie seinerzeit Böckler – deshalb große Sorgen. Reichelt