Weit Beginn der dreißiger Jahre geistert die von Schacht ausgeklügelte, nur beschränkt verwendbare "Sperrmark" durch die internationale Finanzwelt. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges war die Zahl der darüber in den ausländischen Bankbüros und Handelshäusern umlaufenden sarkastischen Witze nicht gering. Heute empfinden die betroffenen Auslandsgläubiger den gegenwärtigen Zustand noch peinlicher, seit die frühere Differenzierung nach verschiedenen Arten (wie Effekten-, Noten-, Konversions- oder Kredit-Sperrmark) durch die BdL inzwischen recht pauschal (im Hinblick auf die Verwendbarkeit) durch die Unterscheidung zwischen "originärer" und "erworbener" Sperrmark abgelöst worden ist.

Die Kursentwicklung, die die Sperrmark auf der Vertrauenswelle des Jahres 1951 (unmittelbar vor oder noch während der Londoner Schuldenkonferenz) bis rund 78 v. H. des nominellen Wertes hinaufklettern ließ und nun seit geraumer Zeit bis auf etwa 60 bis 61 v. H. zurückgeführt hat, steht in vollkommenem Widerspruch zu der der gesamten Welt so sichtbar gewordenen immanenten und tatsächlichen Wirtschafts- und Finanzkraft Westdeutschlands, von der man noch allenthalben große Dinge erwartet. An vielen Bankschaltern des Auslandes werden den Deutschland-Reisenden für DM-Noten selbst höhere als die bereits angeglichenen "Auszahlungs"-Scheckkurse berechnet (abgesehen allerdings von anderen Plätzen, wie z. B. Zürich), und immer mehr wird draußen die DM als "harte Währung" anerkannt. Schließlich berichtete ja auch kürzlich die Landeszentralbank Hamburg, daß die gesamte Vorjahrsziffer an Sperrmark-Investierungen bereits in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres "erheblich" überschritten sei, wobei man allerdings andererseits den starken Rückgang bei den Investierungen und Darlehnsgewährungen im Jahre 1952 nicht aus dem Auge verlieren darf. Die Frage nach den eigentlichen Gründen für die Erstarrung des Sperrmark-Kurses auf rund 60 v. H. des amtlichen Wertes stellt sich also von selbst.

Zunächst sei auf das vollständige Fehlen statistischer Übersichten für alle in Betracht kommenden Arten von blockierter DM hingewiesen, sowie auf die mannigfaltigen und ständig wechselnden Quellen, woraus diese im Zwischengebiet von Kapital und Geld liegenden Wertmittel fließen (aus Vergütungen, Provisionen, An- und Umschreibungen, Mieten, Beleihungen, den fortdauernd gestiegenen Ansprüchen auf Renten oder Wiedergutmachung, aus Versicherungsprämien, Filmverleih u. a.). Das statistische Dunkel, das über diesem Gebiet liegt, gibt im Auslande zu den verschwommensten Schätzungen der wirklichen Sperrmark-Beträge Veranlassung und wirkt verwirrend. Im Jahre 1950 hörte ich in Amsterdam eine Schätzung von etwa 170 Mill. DM, im Frühjahr 1952 sollten es 300 Mill. DM gewesen sein, und nun spricht man bereits von einer bis anderthalb Milliarden DM außerhalb der Londoner und sonstiger bekannterer Verpflichtungen), die allein in den letzten Jahren in Form von Sperrnark-Beträgen erworben wurden (Der Geamtblock aller Sperrmark-Guthaben wird auf etwa 11 Mrd. DM beziffert). Ferner: das Londoner Schuldenabkommen regelte überhaupt nur den Dienst auf Vorkriegsschulden, nicht aber den Transfer von Erträgnissen auf das Ausländervermögen in Deutschland (von mindestens 7 Mrd. DM). Die heutige Zeit ist – siehe auch deutsche Beispiele wie Bayern-Anleihe, Bosch-Obligationen u. a. – auf echte langfristige Anlagen nur zögernd eingestellt. Der Ausländer nimmt also oft mit 60 v. H. bei schnellem Erlös vorlieb.

Indessen kann man wohl gewichtige Stimmen von draußen vernehmen, worin Verwunderung über das starre Festhalten in den allzu einschränkenden Verwertbarkeitsbestimmungen durch die maßgebenden Frankfurter Instanzen ausgedrückt wird. Eine mehr elastische und den jeweiligen wirtschaftspolitischen Entwicklungen Rechnung tragende Anpassung an die marktwirtschaftliche Grundkonzeption scheint auch darum an der Zeit, um dem anlage->edürftigen Ausländer seine psychologichen Hemmungen zu nehmen. In der Tat wollen sich die verantwortlichen Stellen in Sonn und Frankfurt seit einiger Zeit mit der Frage gewisser Transfer-Erleichterungen für auf Sperrmark-Konten aufgelaufene Vermögenserträgnisse beschaffen, die aus in Deutschland arbeitenden ausländischen Kapitalien stammen. Wie dem auch sei: kein Zweifel, daß das inanzielle Prestige Deutschlands durch die Sperrmark-Politik des "noli nie tangere" eine Einbuße erleidet, James Rubinfeld