Drei Jahrzehnte hat die Freundschaft zwischen Lou Andreas-Salome und Rilke gedauert, von 1897 bis zu des Dichters Tod. Als 1951 der nachgelassene „Lebensrückblick“ Lous erschien, wurde der Schleier des Geheimnisses, der bis dahin über dieser Beziehung gelegen, gelüftet: viele, später auf Gott bezogene Gedichte des „Stundenbuchs“ waren ursprünglich, so stellte sich heraus, an Lou gerichtet. Wie intensiv; aber die Anteilnahme Lous an Rilke, wie groß ihr Einfluß auf sein gesamtes Schaffen war, läßt sich nun erst erkennen, wo ihr Briefwechsel in einer sorgfältig edierten, kritischhistorischen Ausgabe von Lous Altersfreund und Nachlaßverwalter Ernst Pfeiffer in einem stattlichen Bande vorgelegt wird (Rainer Maria Rilke – Lou Andreas-Salome: Briefwechsel. Max Niehans Verlag Zürich und Inselverlag Wiesbaden; 651 S. und 6 Bildtafeln, Leinen 27,50 DM).

Nachdem schon kürzlich das Buch von Peter Demetz über „René Rilkes Prager Jahre“ Rilkes Reifen. zum dichterischen Beruf mit dem besonderen Maß von Ehrgeiz erklärte, den ihm die Mutter einimpfte, lassen jetzt die Äußerungen des Dichters gegenüber der Freundin Lou fast über den gesamten Zeitraum erkennen, wie schwer er es mit sich selber hatte, vor allem in menschlicher Beziehung. Rilke hat geradezu nach Beistand verlangt. „Keine Sonne will ich sehen außer Dir! Mein klarer Quell!“

Schon 1901, als die körperliche Beziehung endete, hatten sie sich gelobt, nur in der Stunde der Not einander zu schreiben. Doch Rilke befand sich, im Widerstreit zwischen sich und der Wirklichkeit des Lebens, die er theoretisch so heiß ersehnte, schon bald und oftmals in der „Stunde der Not“. Lou ist hart mit ihm; aber ihre Härte ist die einer Mutter, die ihr Kind liebt. Schon in einem „Letzter Zuruf überschriebenen Brief (1901) mahnt sie ihn zur Kraft aus sich selbst; sie kennt seine labile Nervenstruktur, seine Lebensangst, weiß, daß nur der Wille zur Gesundheit gesund macht. Als sie später, angetrieben durch Rilkes Leiden, Mitarbeiterin Sigmund Freuds geworden ist, lehnt sie eine psychoanalytische Behandlung im Falle Rilke klar ab, um nicht das Schon-Begonnene zu verschütten, und schreibt ihm am 13. 1. 1913: „Ich glaube, daß Du leiden mußt, und es immer wirst. Niemand neben Dir würde dem abhelfen können ...“ Ja, wenig später, auf einer gemeinsamen Reise, jagt sie ihn förmlich in Dresden von sich fort nach Paris und schreibt ihm dahin: „Du weißt ja, wie es war, und daß ich Dir nur helfen wollte.“

In seinen letzten Schweizer Lebensjahren lernte Rilke Frau Auguste („Gudi“) Nölke kennen. Zu ihr, ihnen drei Kindern und der japanischen Erzieherin Asa fand Rilke damals schnell ein freundschaftliches Verhältnis. Er ließ sie teilnehmen an seinem Werk und schrieb ihr von 1919 bis 1924 an die 50 Briefe (Rainer Maria Rilke: Die Briefe an Frau Gudi Nölke. – Insel-Verlag 1953, 207., Ln. DM 12,–). Er gibt sich in ihnen ganz natürlich, und jene sonst oft in seinen Briefen lästige unpersönliche Gestelztheit fällt hier ganz fort: als lebenszugewandter, die Praxis des Alltags meisternder Mensch spricht er zu einem durch die Zeitumstände in mancherlei Schwierigkeiten geratenen Mitmenschen. Christian Otto Frenzel