Im düstern Nitschewo des Bolschewismus ist nun auch Rudolf Herrnstadt versunken. Sein Herr und Meister war Lawrentij Berija gewesen. Als seine Gewalt zerbrach, wurde auch Herrnstadt mit kalter Hand weggewischt. Er war eine der bürgerlichen Zwischenfiguren gewesen, die sich dem Sowjetsystem mit Haut und Haaren verkauft hatten. Theodor Wolff, der große Chefredakteur des „Berliner Tageblattes“, hatte den jungen Herrnstadt in die Redaktion geholt und sandte den begabten Journalisten als Korrespondenten nach Prag. Hier entwickelte er sich zu einem Salonbolschewisten, der zugleich die Klugheit besaß, gute Beziehungen mit Benesch zu unterhalten. Sein Wunsch, den Moskauer Korrespondentenposten zu erhalten, ging schließlich in Erfüllung, aber er blieb dort nicht lange und übersiedelte noch vor 1933 nach Warschau. Als Goebbels in die Wilhelmstraße einzog, wurde Herrnstadt ein Opfer der Rassegesetze. Als Intellektueller hätte er den Weg nach dem Westen finden können. Herrnstadt aber blieb in Warschau und wurde Agent des sowjetischen Geheimdienstes. Berija hatte ihm eine besondere Aufgabe zugewiesen: er mußte die Deutsche Botschaft in Warschau beschatten.

Bei Kriegsausbruch war Herrnstadt ins Baltikum gegangen, nach der Annektion des Gebietes durch die Sowjets ging er nach Innerrußland und nahm dort zunächst als tschechoslowakischer Journalist, von Benesch warm empfohlen, eine Korrespondententätigkeit auf. Später bekannte er, daß er in der Sowjetunion gelernt habe, sowjetisch zu denken und zu argumentieren. Herrnstadt baute mit an dem weitverzweigten Netz des sowjetischen Spionagedienstes in Europa, das später durch das von der Gestapo erfundene Tarnwort „Rote Kapelle“ bekannt geworden ist. Eine lange Kette von Spionen flog auf, als ein sowjetischer Agent, der mit dem Fallschirm abgesetzt worden war, in Berlin mit einer Liste in der Tasche verhaftet werden konnte.

Unter ihnen Ilse Stöbe, die Geliebte Herrnstadts, eine ehemalige Sekretärin Theodor Wolffs, die Herrnstadt nach Warschau geholt hatte. Sie bezahlte ihre Tätigkeit für Herrnstadt mit dem Galgen.

Im Netz der Fäden, die Herrnstadt in Warschau schon geknüpft hatte, hing auch der frühere Legationsrat an der Deutschen Botschaft in Warschau und spätere Leiter der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin, v. Scheliha. Herrnstadt hatte erkannt, daß Scheliha ein etwas weicher Mann war, der dem Kartenspiel frönte. In Warschau lebte er großzügiger, als es ihm seine Mittel erlaubten. Herrnstadt gab ihm das nötige Geld für Informationen aus Referentenbesprechungen. Dabei unterschrieb Scheliha eine Quittung, mit der er im Kriege erpreßt wurde, seine Materiallieferungen fortzusetzen. Nach einer Reise in die Schweiz – dort hatte sich Scheliha mit Polen getroffen – wurde er verhaftet. Mitte Dezember 1942 wurde er in Plötzensee gehängt.

Im Juni 1941 hatte Herrnstadt ein neues Aufgabengebiet erhalten: Er mußte Kontakte mit gefangenen deutschen Offizieren aufnehmen. Als Hitlers Kriegsglück sich im Osten wandte, und in den Gefangenenlagern das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ gebildet wurde, wurde Herrnstadt Chefredakteur der Lagerzeitung mit dem gleichen Titel. Er erinnerte sich nun seiner bürgerlichen Vergangenheit und versuchte durch die Heraufbeschwörung des York-Geistes von Tauroggen Offiziere für eine spätere Zusammenarbeit mit den Sowjets zu gewinnen. Mit der Roten Armee zog Herrnstadt 1945 dann in Berlin ein. Hier wurde er Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, die angeblich überparteilich sein sollte, von Herrnstadt aber im kommunistischen Geiste geleitet wurde. Von hier wechselte er zum SED-Zentralorgan, dem „Neuen Deutschland“, über.

Als Zeitung „neuen Typs“ wurde das „Neue Deutschland“ von Herrnstadt nach Prawda-Votbild aufgebaut. Er war Chefredakteur, blieb aber immer noch einer der wichtigsten Agenten Berijas. Über die ganze Sowjetzone hinweg wurde ein System von Volkskorrespondenten, sogenannten VK-Männern, aufgebaut. Schon 1950 erklärte er stolz, daß er über zehntausend Spitzel geworben habe. Herrnstadt überwachte gleichzeitig die ostdeutschen Journalisten. Auf einer Tagung der SED gab er zu, daß die VK-Männer auch den Auftrag hätten, die eigenen Genossen zu überwachen.

Die Stricke des Netzes, das er in fast zwanzig Jahren gelegt hatte, haben sich um seinen eigenen Hals zusammengezogen. Er ist den Weg so vieler gegangen, die sich mit dem Gewaltsystem des Kreml verbunden haben. Er ist ein typischer, aber kein außergewöhnlicher Fall. Da er die Menschenwürde verachtete – wir zitieren das berühmte Wort Chateaubriands –, trug er selbst den Todeskeim schon in sich. E. R.