Die achte Regierung de Gasperi hat ein sehr kurzes Leben gehabt: am 16. Juli wurde sie gebildet, am 28. Juli stellte sie sich dem Parlament vor und erlitt eine Niederlage. Gegen sie wurden 282 Stimmen gezählt, für sie 263, und daher ist kein Zweifel, daß ihr Schicksal von den 37 Abgeordneten entschieden wurde, die sich der Stimme enthielten und unter denen gerade die Vertreter derjenigen Parteien waren, die am 7. Juni bei den Wahlen mit den Christlichen Demokraten im Bündnis gestanden hatten.

Der Betrachter fühlt auch nicht die geringste Genugtuung bei dem Hinweis, daß das Geschehene während des Wahlkampfes schon vorauszusehen war. Damals wurde schon gesagt, es zeichne sich, wenn die Konstellation der Parteien so ausfallen würde, daß keine wie immer geartete Regierung über eine sichere Mehrheit verfügen könne, genau wie in Frankreich eine unaufhörliche Folge von Regierungskrisen am Horizont ab und damit das nicht geringe Risiko einer sofortigen abermaligen Befragung der Wähler, die in einem noch schlimmeren Chaos werde enden können.

Das Heikle an dem schnellen Sturz der ersten Regierung nach den Wahlen liegt nicht darin, daß der Mann de Gasperi gescheitert ist, sondern darin, daß die gesamte Situation sich als sehr bedenklich erweist. Von dem Augenblick an, in dem de Gasperi sich entschloß, das fatale Wahlgesetz mit der Mehrheitsprämie durchzudrücken, leitete er eine ganze Reihe von Fehlern ein, die ihm verhängnisvoll geworden sind. Dieses Gesetz wäre ja nur dann gerechtfertigt gewesen, wenn es das sichere und legale, das heißt vom Parlament gebilligte Mittel hätte sein können, den kommunistischen Sumpf einzudämmen. Aber niemand scheint vorausgesehen zu haben, was kommen mußte, wenn der Fall der Prämienzuteilung nicht eintreten würde. Wenn man sich darüber Gedanken gemacht hätte, wäre man zu dem Ergebnis gekommen, daß das Gesetz überflüssig war, und Italien wäre nicht in die heutige Lage geraten.

Diese Lage hat folgendes Seltsame: Sie ist von politischen Gruppen herbeigeführt worden, die sich beim Wahlkampf mit den Christlichen Demokraten verbündet hatten, da sie damit rechneten, daß auch sie von der famosen Prämie Vorteil haben würden. Nun aber, wo die Prämie ins Land der Träume entglitten ist, sieht sich de Gasperi mit kaltem Zynismus von seinen Verbündeten aus den anderen drei Parteien im Stich gelassen.

Unerhört ist vor allem die Haltung des Sozialistenführers Saragat, der in den Spalten seiner Zeitung La Giustizia scharfe Kritik an den Christlichen Demokraten übt, mit denen er doch bis dahin so eng verbündet gewesen war. Saragat ist eine Art Parsifal, dem die Politik zum Verhängnis geworden ist, wie jenem der Zauberer Klingsor. Sowie er in den Zaubergarten kommt, verwirren sich ihm die Sinne, er phantasiert, er wird heute von Gedächtnisschwäche befallen und morgen von Reue, und am Ende wirft er dann Pietro Nenni vor, dieser spiele das Spiel Palmiro Togliattis, ohne zu bedenken, daß er selbst, Giuseppe Saragat, das Spiel Pietro Nennis spielt, den er im übrigen gönnerhaft und mitleidig behandelt. Es wäre für alle Beteiligten viel besser gewesen, wenn Saragat sich rechtzeitig darüber klar geworden wäre, daß Politik nicht für alle taugt. So wandelbar und elastisch sie nämlich auch sein muß, sie verlangt eine Klarheit des Blickes und eine Festigkeit des Charakters, die Saragat fehlen und schon immer fehlten. Immerhin tröstet er sich mit Recht damit, daß die Liberalen – die sogenannte „intellektuelle Elite der Nation“ – sich keineswegs anders verhalten als er. Sie wollen es nicht wahr haben, daß sie das bißchen an Boden, was sie im Lande noch hatten, durch eigene Schuld verloren haben, weil sie immer zwischen rechts und links, zwischen Monarchie und Republik, hin- und herschwankten und keinerlei Mut aufbrachten, die liberalen Errungenschaften zu erhalten. Jetzt tun sie so, als sei de Gasperi der einzig Verantwortliche an ihrem und Italiens Unglück.

Unter den Gegnern de Gasperis ist zunächst die Rechte zu nennen –, und dabei sind wir bei dem zweiten schweren Fehler, den er begangen hat. Wahrscheinlich hat er in der letzten Zeit, als er sich so sehr bemühen mußte, seine Stellung an der Spitze der Regierung zu halten, kein Gefühl mehr für den Pulsschlag des Landes gehabt. Das ist entweder seine eigene Schuld oder die Schuld derer, die ihn hätten informieren müssen Aber auch hin den Falle ist er nicht entlastet, denn schließlich wählt ja ein Regierungschef seine Mitarbeiter selbst aus.

Während des Wahlkampfes hat de Gasperi immer wieder betont, die Gefahr käme von der äußersten Rechten, und als „äußerste Rechte“ bezeichnete er die Monarchisten und die Neofaschisten, von denen er sagte, sie seien anti-demokratisch, womit er gleichzeitig zu behaupten schien, daß die Kommunisten und die Nenni-Sozialisten gute Demokraten und also minder gefährlich seien. Sein Fehler lag in folgendem: die äußerste Rechte war eine Gefahr für seine Partei, weil die Monarchisten und die Neofaschisten nur den Christlichen Demokraten Wählerstimmen wegschnappen, konnten. Aber sie war keine Gefahr für Italien.