Von Nicolaus Sombart

Oft kommen Franzosen – pariserische Franzosen natürlich – nach Deutschland. Sie sehen die Bundesrepublik; und was ist ihre Feststellung?

„Ohne Berlin scheinen die Deutschen dazu verurteilt, das Volk ohne Großstadt zu sein. Die Entscheidung, daß Bonn zur Kapitale der Bundesrepublik gemacht wurde, besiegelt dieses Schicksal gewissermaßen, und man versteht die Gefühle des Patrioten, der Konrad Adenauer gerade dies nicht verzeihen kann ...“ Und die Franzosen denken an die Zeit, da Paris nicht ihre Hauptstadt sein konnte.

Und doch ist Bonn alles andere als eine Art von Vichy. Der Beschluß, den Sitz einer deutschen Regierung dort aufzuschlagen, ist trotzdem eine historische Entscheidung von erstem Rang, vielleicht vergleichbar dem Entschluß der französischen Könige, ihre Residenz von Blois nach Paris zu verlegen. Eine Fahrt durch das Ruhrgebiet genügt, daß dieser Eindruck bestätigt wird. Bonn allerdings als „Hauptstadt“ zu bezeichnen, ist nicht mehr als eine törichte, altfränkische Sprachgewohnheit. Bonn ist bestenfalls ein Stadtteil – ein Appendix jenes gewaltigen Vielstädtekomplexes am Schnittpunkt des Rheins und der westeuropäischen Steinkohlenlager, dessen Maßstäbe den altertümlichen Begriff der Stadt längst gesprengt haben.

Wenn Franzosen in Deutschland weilen, erleben sie staunend, daß das Gebiet von Duisburg nach Dortmund und von Bad Godesberg nach Recklinghausen ein einziger großer, in sich geschlossener Siedlungsverband ist. Nicht nur unter Wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist es als „Kraftfeld Rhein-Ruhr“ eine Einheit; auch unter soziologischem Aspekt bietet diese neue Form des menschlichen Zusammenlebens, die bisher in der Geschichte ohne Beispiel ist, eine eigenartige Geschlossenheit. Vielleicht müßte man trotz aller Vorbelastung dieses Begriffes von einem Siedlungskombinat sprechen.

Seine Besonderheit übersieht man nirgends so gut wie im Flugzeug. Nur aus dieser Perspektive vermag man diese überdimensionalen Bezüge wahrzunehmen. Da zeichnen sich die vier Städtereihen ab: nördliche und südliche Emscher-Reihe mit Recklinghausen und Gelsenkirchen; die Hellweg-Reihe mit Duisburg, Essen und Dortmund; die Ruhr-Reihe mit Witten; jeweils nach Produktions- und Verarbeitungsgraden verschieden gestaffelt. Da sind die Handlungs- und Verwaltungszentren Düsseldorf und Köln. Und da ist weiter südlich, in das Stromtal vorgeschoben, die Vorstadt Bonn... Bonn, von dem aus man quer durch diese ganze Städtelandschaft bis Dortmund mit der Straßenbahn fahren kann.

Gewiß, es ist ein häßliches Siedlungskombinat von geradezu chaotischer Ungeschlachtheit – zumindest in französischen Augen. Imponierend sind einstweilen nur die Dimensionen, und doch lassen sich an dieser Frühform kommender Wirklichkeiten schon gewisse Tendenzen über den „Endzustand“ ablesen. Im Gravitationsraum Rhein-Ruhr versteht man plötzlich, was der Städtebauer, der, wie Fritz Schumacher sagte, alle „sozialen, volkswirtschaftlichen und technischen Kräfte, die unser Leben lange in getrennten Bahnen durchzogen, zu einer neuen Einheit zusammenfaßt“, für Möglichkeiten und Aufgaben in der Zukunft haben wird. Der unbändige Dynamismus, der im Ruhrgebiet waltet, ist offensichtlich mehr als ein materielles Phänomen. Schlagworte wie „das deutsche Wunder“, „der Wiederaufbau“ charakterisieren nicht nur Nachkriegserscheinungen. Es handelt sich ja gar nicht nur um den Wiederaufbau dieser Ortschaft oder jener Fabriken, sondern immer schon um die Entstehung neuer sozialer Strukturen im Rahmen jener Überstadt, von der her Paris einmal so erscheinen wird, wie Würzburg oder Dresden aus der Perspektive von Groß-Berlin ...