Von Martin Rodewald

Juni 1952 in der Davis-Straße: Wir haben auf Kreuzkursen die Treibeisfelder westlich Kap Desolation durchquert – Eisfelder, die der kalte ostgrönländische Polarstrom, wie ein Riesenfinger um die Südspitze Grönlands herumfassend, hier wieder nordwärts driften läßt, als wolle er sie in die Eisheimat zurücknehmen und vor der Schmelze im warmen Atlantik bewahren. Doch auch das Atlantikwasser strömt längs der untermeerischen Kante des Grönlandsockels nach Norden, mischt sich dem Polarwasser und läßt, im Bunde mit den nagenden Kräften der Sonne und des Wellenschlags, die Schollen und Blöcke des Eises zu bizarr zerklüfteten Gebilden zerfallen. Das Wasser wird frei. Aber eisig wie die Elbe im Dezember, dabei von einem stumpfen, fast schwarzen Blau, erscheint es: lebensfeindlich, tot und unbewohnt. Der leise Zweifel, daß hier "etwas zu holen" sei, legt sich erst, als der prallgefüllte "Steert" des Schleppnetzes unseres Fischdampfers quirlend an die Seeoberfläche schießt und wenig später der Kabeljau tonnenweise aus dem Büdel aufs Vordeck prasselt.

Als ich vor rund 30 Jahren eine geographische Seminararbeit über Grönland zu verfassen hatte, stand darin nichts von "Grönland-Kabeljau". Es konnte auch nichts von ihm darin stehen, einfach weil es ihn noch nicht gab. Besser: Es fing gerade an, ihn zu geben, und er drang in wenig mehr als einem Jahrzehnt 1000 Kilometer nach Norden vor, wurde vor Westgrönland heimisch, laichte und vermehrte sich. Heute ist der Kabeljaufang nicht nur der bei weitem wichtigste Erwerbszweig der grönländischen Bevölkerung, es kommen auch die Fischer aus Island und England, von Norwegen, Frankreich und Portugal, die Färinger und dazu jetzt die Deutschen, um an der Ernte des Meeres jetzt teilzuhaben.

Dies vielzitierte Beispiel von den Folgen der Klimaschwankung unseres Jahrhunderts ist in der Tat eines der besten, der Jahrhunderts Trotzdem: wenn man als Witterungskundiger das Trotzdem: wetter dort oben erlebt, den zähen Nebel, der um die gestrandeten Eisberge wallt, die Kühle von wenig über 3 Grad zur Sonnwendzeit, wenn man seine Messungen vergleicht mit dem, was über frühere Temperaturwerte des Meeres und der Luft in Tabellen und Büchern steht, so ist eigentlich wenig oder nichts von einer Änderung zu konstatieren. Und da haben wir schon eine Eigenart der Erwärmung des Polargebiets: sie zeigt sich deutlich nur im Winterhalbjahr und am stärksten im Mittwinter.

Wäre ich statt im Juni im Januar dort gewesen, so wäre das Bild wahrscheinlich ein ganz anderes gewesen. Der Klimatologe als "Normalist" vergleicht allerdings die Mittelwerte 30jähriger Zeiträume miteinander, denn er will das Klima und seine Änderungen und nicht die kurzfristigen Schwankungen erfassen. Da ist nun z. B. das 30-Jahre-Mittel der Januar-Temperatur von Jakobshavn an der Westküste Grönlands vom Zeitraum 1882–1911 bis heute (Zeitraum 1924–1953) von –19 auf –13°, also um volle 6 Grad, angestiegen. 6 Grad: das ist – vergleichsweise – genau die Differenz zwischen mittlerer Januar- und mittlerer Apriltemperatur in Hamburg! Kalte Januare von –20 bis –25°, wie sie in Jakobshavn bis 1925 alle zwei bis drei Jahre im Durchschnitt vorkamen, scheinen seitdem einfach nicht mehr möglich zu sein. Jedenfalls treten als äußerste Mittelwerte nur mehr solche um –18° ein.

Daß "die Bäume nicht in den Himmel wachsen", zumindest nicht so rasch, gilt auch für Klimaänderungen. Im Naturgeschehen zieht gewöhnlich eine actio die reactio nach sich; es bauen sich selbsttätig Regulative ein, die einseitigen Entwicklungen vorbeugen oder sie wenigstens bremsen. So etwa werden die immer wieder sich erhebenden Kassandrarufe, die eine Versteppung Mitteleuropas als bevorstehend ankündigen, in der Regel bald wieder durch die nachhaltigen kalten Duschen des Himmels selber zum Schweigen gebracht. Ich schlage meinen Neujahrswetterrückblick 1951 auf und finde die bezeichnende Stelle:

"Nehmen wir Südwestdeutschland und die Schweiz: hier wirkte sich in den Nachkriegsjahren die Neigung zu Wärme und Dürre besonders aus. Von den sechs wärmsten Jahren, die Basel im Verlauf von 125 Jahren hatte, fallen allein fünf in die kurze Spanne von 1943 bis 1949! Ungewöhnliche Sommerhitze und Niederschlagsarmut führten zu einem nie erreichten Tiefstand des Bodensees; der Wasserstand der Schweizer Seen sank bis zu zwei Meter unter den Normalstand. Aber nach einem sehr gewitterreichen Wachstumssommer 1950, einer seltenen Mischung von Wärme und Feuchtigkeit, brachte der November 1950 jetzt in Südwestdeutschland und der Schweiz einen solchen Regenreichtum und eine solche Neuschneefülle in den Alpen, wie sie in den letzten 70 bis 90 Jahren kaum jemals oder überhaupt nicht in einem Monat erreicht worden waren. Davos und Arosa verzeichneten am Morgen des 23. November einen Neuschneefall von 78 bzw. 85 cm; in Neuenburg fiel ein Monatsniederschlag von 379 Liter pro Quadratmeter – 100 Liter mehr, als je ein Monat in 87 Jahren erreicht hatte!"

Bei Betrachtungen über die Klimaänderung wird gewöhnlich die Erwärmung Spitzbergens als Paradepferd vorgeritten, wobei dann noch vielfach verschwiegen wird, daß die zitierten Werte den Winter betreffen. Das führt leicht dazu, daß sich der Zeitgenosse ein falsches Bild von der Größe der Änderungen macht. In Mittelengland zum Beispiel, für das Prof. Gordon Manley vom Bedford College, London, unlängst eine Temperaturreihe von 1698 bis 1952 veröffentlichte, waren die 30-Jahr-Perioden 1911–40 und 1921–50 zwar die wärmsten der letzten 250 Jahre, aber der Temperaturanstieg in der jüngsten Erwärmungszeit betrug dabei nur 1/2 Grad Celsius!

"Nur" 1/2 Grad? Man muß anderseits bedenken: Wenn das 30jährige Temperaturmittel 1/2 Grad höher liegt als in einem früheren 30jährigen Zeitraum, so ist nicht einfach jeder Tag um 1/2 Grad wärmer gewesen, auch nicht jeder Monat und jedes Jahr, sondern diese Erwärmung ist in bestimmten Zeitabschnitten der 30 Jahre konzentriert, muß infolgedessen, um die "normalen" und zu kalten Zeitabschnitte zu kompensieren, erheblich größer sein als 1/2 Grad. So ist ein Halbgrad, in den täglichen Schwankungen ein Nichts, klimatisch schon eine bedeutsame Änderung. In Island, wo die klimatische Änderung einen vollen Grad ausmacht, ist das anscheinend die stärkste mittlere Änderung seit dem Mittelalter: Flächen, die hier ehemals unter Kultur waren und 600 Jahre unter Gletschereis begraben lagen, sind damit wieder frei geworden.

Die Engländer haben gelegentlich die letzten 300 bis 500 Jahre als Little Ice Age, als "Kleine Eiszeit", bezeichnet. Nicht nur das Meereis bei Island und Grönland, auch die Gletscher in Skandinavien und den Alpen waren von 1600 bis 1900 viel ausgedehnter als im Mittelalter. Wenn, nach Dr. Fritz Hamm Witzenhausen an der Werra vor 1226 alljährlich zwei Fuder Weinzehnten an den Mainzer Erzbischof lieferte, oder wenn im Jahre 1363 dem Herzog Rudolf von Bayern auf der Marienburg in Westpreußen ein von Thorner Weinbergen stammender Wein kredenzt wurde, nach seinem Bericht "ein süffiger Trank, von dem einem die Schnauze klebt", so illustrieren solche leicht zu vermehrenden Beispiele einen klimatischen Zustand, den wir noch nicht wieder erreicht haben.

Aber die Frage, ob mit der gegenwärtigen Klimaschwankung die "Kleine Eiszeit" zu Ende geht, ist durchaus gestellt. Eine Prognose ließe sich vielleicht geben, wüßten wir die Ursachen der säkularen Erwärmung. Hier jedoch gibt es bisher nur Spekulationen ohne Beweis.

Soviel läßt sich vielleicht sagen: Da das Wasser ein ausgezeichneter Wärmespeicher ist und heute die Oberflächenschichten des Nordatlantik und der europäischen Randmeere viele tausend Billionen Kalorien mehr enthalten als zur Zeit unserer Väter und Großväter, so erscheint ein plötzlicher Abbruch der Wärmetendenz wenig wahrscheinlich. Der Gesamteindruck überwiegt, daß die klimatische Evolution weitergeht – nicht ohne angenehme und unangenehme Wetterkapriolen nach dieser und jener Seite, als eine fruchtbare Zeit für die meteorologischen "Apokalyptiker". Aber interessant auch für die Normalisten.