Der Luftangriff im April 1945 hat in Würzburg nicht nur viele der schönsten Kirchen und Wohnhäuser vernichtet, er hat vor allem das barocke Stadtgefüge unwiederbringlich zerstört, das städtebauliche Meisterwerk des großen Balthasar Neumann, der zu allen seinen umfangreichen Kirchen-, Schloß- und Klosterbauten dreißig Jahre lang bis zu seinem Tode (1753) auch noch das Amt des Würzburger Stadtbaumeisters versah. Aber an einer Stelle hat sein Genius sogar über den Vernichtungskrieg triumphiert: die Brandbomben die in Bündeln auf die Residenz fielen, haben dem größten Wunder dieses Bauwerks, dem Treppenhaus mit der gewaltigen, 12 000 Kubikmeter überwölbenden, von Tiepolos Fresko als Himmel gestalteten Decke nichts anhaben können.

Balthasar Neumanns Ruhm hat steile Kurven erlebt. Zu seinen Lebzeiten feierte ihn nicht nur Franken, die Wahlheimat des Tuchmachersohn! aus Eger, sondern ganz Europa als größten Baumeister der Zeit, und Kurfürsten wie Kardinäle schätzten sich glücklich, wenn der „Obristleutnant der Fränkischen Kreisartillerie“, Geschützgießer von Profession und Sachverständiger im Festungsbau, von seinem Fürstbischof die Einwilligung erhielt, für sie ein Sommerschloß in Brühl oder in Bruchsal zu entwerfen und die Leitung des Baus zu überwachen. Als aber wenige Jahre nach Neumanns Tode Winckelmann das Evangelium von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ der Griechen verkündete, geriet die ganze barocke Kunst in Mißkredit. Immerhin hat noch der „kunstliebende Klosterbruder? Wackenroders, der 1797 von Berlin aus die deutsche Romantik einläutete, sich an Vierzehnheiligen und anderen Neumannschen Kirchen die Begeisterung für die Musikalität der katholischen Religion eingeben lassen. Erst das Biedermeier verkannte die Werte völlig und riß Neumanns umfangreichsten Sakralbau, die Kirche des Benediktinerklosters Münsterschwarzach, kurzerhand ein. In Franken selbst blieb die Überlieferung lebendig; man zeigte Neumanns Wohnhaus in der Würzburger Franziskanergasse, sein Gartenhaus vor den Weinbergen von Randersacker, man schrieb ihm im Volksmunde jede schöne Kirche des Landes zu. So hatten die Kunsthistoriker, als sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter Führung von Georg Dehio Neumanns Größe wiederentdeckten, mancherlei Mühe mit der Feststellung, wie er gelebt, wie er gearbeitet und was er gebaut hatte. Die Meinungen schwankten lange Zeit hin und her, und einige Gelehrte gingen sogar soweit, Neumann sein berühmtestes Wert, die Würzburger Residenz, abzusprechen und ihn nur als eine Art Bürogehilfen dabei anzuerkennen.

Heute nun, zweihundert Jahre nach seinem Tode, hat sich der Ring geschlossen. Alles erreichbare dokumentarische Material ist gesammelt und durchforscht. In den erhaltenen Räumen der Würzburger Residenz zeigt eine Gedächtnisschau Bildnisse, Briefe, Entwürfe, Modelle, Bauakten, Großfotos und andere Dokumente, von denen manche erst aus Amerika zurückgeholt werden mußten, und der Leiter dieser Ausstellung, der Würzburger Museumsdirektor Max H. von Freeden kann in seiner Einleitung zu dem Bildband des Deutschen Kunstverlages „Balthasar Neumann, Leben und Werk“ (Aufnahmen von Walter Hege) feststellen, es sei „heute unbestritten, daß das Würzburger Schloß, wie es vor Augen steht, vor allem Neumanns Werk ist, daß er nicht nur die ersten, für alles Spätere grundlegenden Entwürfe lieferte, sondern aus der Fülle aller einströmenden Ideen und Wünsche ein einheitliches Ganzes werden ließ“.

Von der Kunstwissenschaft aus ist die Erkenntnis von Neumanns Genialität zuerst 1913 ins allgemeine Bewußtsein gedrungen, als Wilhelm Pinder in dem Bande „Deutscher Barock“ der Blauen Bücher zum erstenmal Fotos von Würzburg, Vierzehnheiligen, Neresheim und Werneck zeigte und mit den feurigen Worten seiner Einleitung ganze Generationen von Wanderern aller gebildeten Schichten für diese Bauten begeisterte, in denen der deutsche Barock gipfelt. Wer jetzt nach Franken kommt, braucht sich nicht mehr mit Dehios „Handbuch der Kunstdenkmäler“ in der Tasche mühsam zu den einzelnen Bauten Neumanns durchzufragen, sondern er findet an jedem Ort Kenner, die von Neumann zu erzählen wissen.

Denn Neumanns Bauten sind nicht Museumsprunkstücke. Die strahlende Heiterkeit ihrer Innenräume, die polyphone Musik ihrer Säulenordnungen, Gewölbe, Kuppeln und Umgänge nehmen heute wie vor zweihundert Jahren das flutende Leben katholischer Frömmigkeit in sich auf, das sie bei ihrer Erschaffung widerspiegelten.

Ingeborg Hartmann