Das Bestehen einer Verschwörung ist nicht durch Unstimmigkeiten zwischen einzelnen ihrer Teilnehmer ausgeschlossen. Solche Zwistigkeiten können in jeder beliebigen Bande von Räubern und Dieben vorkommen; deswegen hört aber eine Bande nicht auf, eine Bande zu sein.“ Das sind goldene Worte, die die Machtkämpfe in der Parteihierarchie des Kreml naturgetreu wiederzugeben scheinen. Indessen, so waren sie nicht gemeint. Vielmehr sprach sie der Staatsrat II. Klasse, Generalleutnant Roman Rudenko, als sowjetischer Hauptankläger 1946 im Nürnberger IMT-Prozeß. Und er wird sie wahrscheinlich nicht zu wiederholen wagen, wenn er demnächst, zum Generalstaatsanwalt der Sowjetunion ernannt, den Sowjetfeind, Schuft und kapitalistischen Spion Lawrentij Berija anklagen wird, der doch noch vor kurzem der zweite Mann im Moskauer Führerkollektiv war.

Rudenko kommt aus der Parteikarriere; 1939 nahm er als Delegierter am 18. Parteitag teil. Erst der zweite Weltkrieg gab ihm zu einem militärischen Aufstieg Gelegenheit. In Nürnberg hielt er, noch ängstlicher als es Bolschewisten im allgemeinen zu tun pflegen, mit Angaben über seine Person zurück, so daß die Neugier der Presse unbefriedigt blieb. Die Uniform war der Panzer, der ihn undurchsichtig machte. In seinen Verhören verriet er allerdings Parteischulung und – Parteiniveau.

Der rote General hat in Nürnberg manchmal keinen leichten Stand gehabt. Nicht weil seine amerikanischen und britischen Kollegen milder sein wollten als er – sie gaben ihm nur wenig nach. Sondern weil unvermeidlicherweise Themen zur Sprache kamen, die für die Sowjetunion peinlich waren. Hitler hatte den Krieg in Polen angefangen, aber hatte er nicht vorher ein Abkommen über die Teilung Polens mit Stalin abgeschlossen? Rudenko wurde jedesmal sehr erregt, wenn die Rede auf das deutsch-sowjetische Geheimprotokoll über Interessensphären kam: „Ich möchte den Gerichtshof darauf hinweisen, daß wir hier nicht die Fragen erörtern, die sich mit der Politik der verbündeten Staaten befassen.“ Das Gericht, dem in der Presse soviel Fairneß bescheinigt wurde, ließ tatsächlich das Dokument nicht als Beweismittel zu. Aber durch die Aussagen von Weizsäcker und anderen kam darüber doch eine Debatte zustande. Das Verhalten Rudenkos konnte nur als Bestätigung der Echtheit des Dokuments gewartet werden, von dem er verzweifelt behauptete, daß es gefälscht sei.

Der zweite unangenehme Fall Katyn. Der sowjetischen Lesart folgend, hatte die Nürnberger Anklageschrift die Erschießung der polnischen Offiziere den Deutschen zur Last gelegt. Rudenko sprach von „deutsch – faschistischen Mördern im Walde von Katyn“, deren Schuld durch das sowjetische Material „voll erwiesen“ sei. Dieses Material besagte, daß der Stab des Baubataillons 537 unter Oberst Ahrens die Bluttat verübt habe. Die Verfasser der Anklage konnten nicht ahnen, daß sich in Nürnberg der „Mörder“ Ahrens melden und nachweisen würde, daß er um die fragliche Zeit gar nicht in Katyn gewesen war. Eine andere deutsche Einheit konnten die Russen nicht angeben. So griff Rudenko zu der schon anläßlich der Behandlung des Geheimprotokolls angewandten Drosselungsmethode: er erhob gegen die Ladung weiterer Zeugen Einspruch. Diesmal allerdings ohne Erfolg.

Da die Sowjets starr an ihrer Katyn-Version festhielten – was blieb ihnen auch übrig! –, hätten sie eigentlich die Verurteilung von Ahrens als „Kriegsverbrecher“ verlangen müssen. Darauf verzichteten sie aber. Oberst Pokrowskij, ein Mitarbeiter Rudenkos, erklärte, das Militärgericht könne aus dem beschränkten Raum, den die Sowjetunion diesem Verbrechen in ihrer Anklageschrift gewidmet habe, ersehen, daß sie den Vorfall „nur als eine Episode“ betrachte. Wäre die „Episode“ in Nürnberg mit der gleichen Gründlichkeit behandelt worden wie sechs Jahre später durch das Repräsentantenhaus in Washington, so wäre dem seine moralischen Anklagen nur so herausschleudernden Rudenko wahrscheinlich nichts anderes übriggeblieben, als den Saal zu verlassen.

Der gegenwärtig in das Studium der Berija-Akten vergrabene Generalstaatsanwalt ist sicher, daß es in Moskau Schwierigkeiten von der Nürnberger Art nicht geben wird. Warum wurde gerade ihm der Auftrag übertragen, den ersten sensationellen politischen Prozeß nach dem Tode Stalins durchzuführen? Ist er inzwischen soweit mit der Armee verschmolzen, daß man sagen kann: im Falle Berija richtet die Armee über die Polizei? Oder wurde er ausgewählt, weil seine Nürnberger Erfahrungen ihn dazu geeignet erscheinen lassen, einen Schauprozeß aufzuziehender auch im Westen Eindruck macht? Wie dem auch sei, bei der Berija-Verhandlung wird es keinen Verteidiger geben, der Anschuldigungen zerpflückt, keinen Zeugen, der nicht wunschgemäß aussagt, keinen Richter, der einen Antrag der Anklagebehörde ablehnt, dafür aber womöglich einen Angeklagten, der statt um Gnade, um die Höchststrafe bittet. Die Hauptsache für Rudenko ist, alles so vorzubereiten, daß das Spiel glatt über die Bühne geht und er sich am Schluß befriedigt erheben kann, um „im Namen der Menschlichkeit“ das Todesurteil zu fordern. Jedenfalls hat Rudenko mit diesem Prozeß sein Meisterstück abzulegen. Vielleicht wird ihm damit der Weg zu einer wichtigen politischen Rolle eröffnet. Wyschinsky hat seine diplomatische Stellung damit erworben, daß er als Ankläger die Rivalen Stalins zur Strecke brachte. Auch Malenkow wird wissen, daß Verdienste belohnt werden wollen. H. L.