Der Stuka-Kommodore hat heute kein Geschwader mehr

Si tacuisset! Aber nein, er mußte von sich reden machen. Und so ist es denn höchste Zeit, daß die wenigen Menschen, die ihn genau kennen und von seinen bewunderns- wie seinen bemitleidenswerten Eigenschaften wissen, jetzt nicht mehr schweigen. Es geht um Hans-Ulrich Rudel, den einst höchst dekorierten Soldaten der deutschen Wehrmacht, der heute Ehrensold-Empfänger in Argentinien ist. Einst Oberst und Kommodore des Stuka-Geschwaders „Immelmann“, ist er heute Kandidat der rechtsradikalen DRP für den Bundestag. Er steht (da Naumann, Dr. Goebbels’ ehemaliger Staatssekretär, ausgeschaltet wurde) an der Seite von Hans Grimm; dem Autor des Buches „Volk ohne Raum“, und dem schon letzthin im Bundestag tätigen Abgeordneten von Thadden. In dieser rechtsradikalen Troika Scheidt Rudel der noch am ehesten vertrauenerweckende Mann. Tritt Thadden als der gepflegte Ritter ohne Tadel auf (voll nationaler Gefühle, obwohl er laut Fragebogen einmal für die „Propertay Control“ tätig war, die doch die englische Dienststelle zur Beschlagnahmung deutscher Vermögen war), so gibt sich Grimm als der besorgte Vater, an dessen Herzen Germania weint. Rudel aber erscheint als Vorbild der modernen Kämpfergeneration, als Sprecher der Soldaten.

Sein Ruhm stammt aus der Gemeinschaft der III. Gruppe „Stuka 2“, aus der Zeit, da er ein paar Dutzend Leute täglich um sich hatte, unter denen einer war, ohne dessen Kameradschaft er nichts unternehmen konnte. Ergo –: Wer Rudel heute auftreten sieht und ihn, umgeben von der Gloriole seines Kriegsruhmes, behaupten hört, er spräche im Namen aller Frontsoldaten – „ich fühle die Verpflichtung“, sagte er, „die Gedanken der überwältigenden Mehrheit der ehemaligen Soldaten auszusprechen!“ –, der hat allen Grund zur Frage, wie Rudels Kameraden aus den Kriegsjahren über sein Auftreten denken.

Bei seinem besten Kameraden der Kriegsjahre ist er vor Jahresfrist aufgetaucht und hat, ohne lange Begrüßung, an ihn die Frage gerichtet: „Ich will wissen, wo du stehst.“ Ein anderes Mal war im Gefolge Rudels ein fremder junger Mann, eine Art von Adjutant, dessen Vokabular folgendermaßen lautete: „Jawoll, Herr Oberst“ und „Wie meinen Herr Oberstabsarzt?“ – Aber während Rudel noch seinen Titel „Oberst“ verteidigte, war der „Herr Oberstabsarzt“ ganz einfach der Dr. Ernst Gadermann, Arzt in Eppendorf und Dozent an der medizinischen Fakultät der Hamburger Universität geworden ... Und Rudel ging zu einem anderen Kameraden, der nach ihm der erfolgreichste Flieger des Geschwaders war und der wohl die gleichen Chancen gehabt hätte, nach Argentinien zu gehen, wie er. Er aber war in Deutschland geblieben, hatte in Dreck und Öl gelernt, wie er mit Automotoren umzugehen hatte, und wenn’s ihn auch manchmal schwer ankam, so hatte er durchgehalten. Jetzt erschien Rudel bei ihm, und das erste politische Gespräch schlug die alte Kameradschaft in Trümmer. Wer ist noch von Kapitänen der berühmten dritten Gruppe im Geschwader da, die Rudel führte? Einer lebt in Göppingen –: Nichts mit dem Rudel von heute! Einem anderen, der nach dem Kriege begann, als Maurerlehrling auf einem Bau zu arbeiten, ist das Bild des Kommodore durch Rudels politische Nachkriegseskapaden so getrübt, daß er’s nicht über sich bringt, ihm die übliche Form der Anrede zu schenken, nicht einmal die eines „Herrn“ Rudel. – Als die ehemaligen Mitglieder des Geschwaders zu einem Treffen zusammenkamen, setzten sie dem ebenfalls erschienenen einstigen Oberst für die Ansprache einen Text auf: Das und nichts anderes solle er reden! Und so geschah’s denn auch. Und sie fragten ihn: „wie machen Sie das eigentlich, so zwischen Argentinien und Deutschland hin und her zu reisen, wo doch so ein Her- und Rückflug mehr als 3000 DM kostet?“ Und Rudel blieb die Antwort schuldig. Dies alles, meinen wir, sollten die ehemaligen Soldaten des letzten Krieges wissen, ehe sie in den Vorwochen der Bundestagswahl sich aufmachen, Hans-Ulrich Rudel als Sprecher der „überwältigenden Mehrheit der Soldaten“, als ihren Sprecher, reden zu hören...

Es fällt uns verdammt nicht leicht, dies alles an die Öffentlichkeit zu bringen und zu schildern, wie ein zwar kurzsichtiger, aber inwendig nobler Mensch, mit dem man im Kriege einmal auf Gedeih und Verderb verbunden war, nach dem Kriege in Unordnung geriet, so daß er nun als politischer Commis voyageur von Buenos Aires aus durch die Dörfer und Städte des Bundesgebietes zieht. „Soll er doch!“ – so war die erste Reaktion seinerKameraden. „Hören wir nicht hin. Er hat die Nachkriegszeit nicht durchgehalten. Er weiß von nichts.“ Dies – offengestanden – war auch meine Meinung. Jetzt aber, da er sich dazu aufschwingt, vom Podium seines – verdienten – Soldatenruhmes im Namen des „wahrhaft deutschen Volkes“ zu reden, wäre es allzu zarte Rücksicht, ja, politische Verantwortungslosigkeit, dazu zu schweigen.

Am Anfang der Rudelschen Karriere schien es, als sei dieser damals junge Flieger zur Erfolglosigkeit verurteilt. Ein verschlossener, eigenbiödlerischer Mensch, der scheu allen Vergnügungen auswich, nie Alkohol trank, nicht rauchte und nur seinen Sport trieb. Sein Ehrgeiz war grenzenlos und nur auf das Fliegen konzentriert. Aber sein Stern ging nicht über Nacht auf. Um so mehr war er um die Anerkennung seiner Leistung bemüht, und es wirkt grotesk, daß man in seinem Buch „Trotzdem“, dessen Titel grammatikalisch richtig ja „Dennoch“ heißen, müßte und das in Buenos Aires erschien, folgende Story lesen kann: Gadermann, der Mitflieger Rudels in der (zweisitzigen) Ju 87 hatte einen Jäger abgeschossen, der, wie sich herausstellte, ein prominenter sowjetischer Flieger war. Rudel hatte im Kurvenkampf sein Bestes getan. Die feindliche Maschine stürzte brennend ab. Im Text Rudels heißt es jedoch: „Hat Gadermann sie abgeschossen oder ist sie runtergefallen, weil ihr die Strömung bei diesen engsten Kurven abriß? Mir soll es gleich sein.“ – Aber niemals war ihm gleich, wem Anerkennung zufiel, ihm oder einem anderen.

Klarer Sieg – doch wie?