Von Wilhelm Bittorf

Genau dreißig Sätze und 51 Zeichnungen hat James Thurber, der amerikanische Humorist, gebraucht, um seine Ansicht über Männer und Frauen, Hunde und Blumen, Soldaten und den Lauf der Geschichte parabolisch in seinem Buch „Die letzte Blume“, darzulegen. Zugleich sind sie ein so düsterer Kommentar zur Hinfälligkeit sterblichen Tuns und ein so hoffnungsvolles Bekenntnis zur Unverletztlichkeit des Menschen, daß kein Fühlender bei ihrem Anblick seine Ergriffenheit wird unterdrücken können. Der Verdacht, den man schon bei der Lektüre der ersten beiden (bei Rowohlt erschienenen) Sammlungen von Thurbers Geschichten („Rette sich, wer kann“ und „Achtung! Selbstschüsse“) empfand, findet sich aber am schönsten in Thurbers bei Simon & Schuster, New York, erschienenen Selbstbiographie The Thurber Album bestätigt: Thurbers sicherer Sinn für die unentwirrbare Konfusion des Daseins ist eine der lustigeren, erlösenderen Ausdrucksformen letzter Weisheit in der Gegenwart.

Seit zwanzig Jahren schreibt Thurber die vielleicht heitersten Fabeln, Satiren, Reportagen, Märchen, Anklagen, Skizzen und Erinnerungen unserer Zeit und hat obendrein die Welt mit tausenden seiner skurillen Zeichnungen übersät; der „Thurberismus“ (etwa zu behaupten, Leif Erikson sei bis nach Amerika gefahren, weil die steife Takelage eines Wikingerbootes das Wenden des Fahrzeugs ungeheuer kompliziere) hat sich zum nahezu einzigen belebenden Element intellektueller Konversation, ja zu einer befreienden Denkgewohnheit entwickelt, so daß die Amerikaner ihrem Urheber den Rang einer Einmann-Institution zumessen – doch er ist immer noch einer der am schwersten zu definierenden (und liebenswürdigsten) Zeitgenossen.

Hager, ruhelos und fast erblindet, lebt er ganz für sich – denn dies ist keine Welt für Humoristen –, und wird sich nie in ein System der üblichen kritischen Maßstäbe einpassen lassen, ohne daß wesentliche Teile von ihm abgehackt werden müßten. Nur an James Thurber persönlich ist aufzuspüren, was seine Figuren – den Tagträumer Walter Mitty wie das perplex-problematische Ehepaar Monroe – so komisch, so traurig, so trostreich macht.

Wer Thurbers überwältigend lustige Berichte aus seinem Elternhaus – die er in seiner Selbstbiographie erzählt –, etwa „Die Nacht, in der das Bett zusammenbrach“ – liest, braucht sich nicht zu wundern, wo sein Instinkt für die Wirrnis menschlicher Motive geweckt und geschärft worden ist. Seine Familie war eine Kollektion abgründiger Sonderlinge: Da war der Großvater, der im amerikanischen Bürgerkrieg als Offizier gedient hatte und sich im friedlichsten Alltag immer wieder von mordgierigen Rebellen bedroht wähnte (obwohl der Verdacht besteht, daß er nur so tat); der milde, geduldige Vater, der 30 Jahre lang für politische Ämter kandidierte, ohne je gewählt zu werden; die ausgelassen-theatralische Mutter, ständig zu exorbitanten Streichen aufgelegt; und der ältere Bruder William, von dem Mama Thurber einst erklärte: „Er ist doppelt so verrückt wie James, nur kann er es nicht zu Papier bringen.“ Diese Prototypen vieler seiner Gestalten lebten in Columbus, der provinziellen Hauptstadt des „Buchweizen“-Staates Ohio, im tiefsten äußeren Frieden, in einer festgefügten, frommen, unerschütterten Gesellschaft. Nichtsdestoweniger handelten sie irrational und höchst erratisch, von Idiosynkrasien mehr als von Vernunft beeinflußt, unablässig groteske kleine Katastrophen auslösend. Sie trauten dem Frieden um so weniger, je länger er dauerte, erwarteten im Unterbewußtsein ständig das große Verhängnis; einmal sogar rannten alle Leute von Columbus auf ein völlig lächerliches Überschwemmungsgerücht hin (es war Hochsommer, und der Fluß lag weit unterhalb der Stadt) panikartig durch die Straßen.

Die Stadt Columbus in Ohio und die unberechenbaren Gespenster seiner Verwandten und Mitbürger haben seit damals nicht aufgehört durch Thurbers unruhigen Geist und seine Geschichten spuken. Er war ein scheuer melancholischer Jüngling – durch einen unglücklichen Pfeilschuß seines Bruders hatte er sechsjährig ein Auge verloren –, und er schien sich, grüblerisch auf Nebensächlichliches konzentriert, durch die Universität und seine späteren Aufgaben als Reporter einer Heimatzeitung zu wursteln. Aber er beobachtete die Leute und ihr Benehmen und sammelte die Eindrücke in seinem unwahrscheinlich guten Gedächtnis.

Seine erste Frau schleppte den Widerstrebenden nach New York, wo sich gerade eine originelle satirische Wochenschrift, „The New Yorker“, aufgetsn hatte. Die erste Arbeit, die dort von ihm veröffentlicht wurde, befaßte sich mit einem Mann, der in eine Drehtür eingeklemmt worden war. Männer, Frauen, Hunde und Eisbären in ähnlichen, meist aber noch viel diffizileren Klemmen, waren fortan der exklusive Gegenstand seiner Bemühungen – zumal James Thurber sich nach seinem eigenen Eingeständnis selbst als Gefangener eines endlos komplizierten Dilemmas fühlte. Dieses Gefühl trägt seinen Humor: Wie alle rechtgesonnenen Männer sehnt er sich nach der höheren Freiheit und Ordnung, ist aber hoffnungslos gefangen in einen unzulänglichen Körper, irregeleitet von einen fehlbaren Geist, der nur Selbsttäuschungen hervorbringt, unterdrückt von der weiblichen Diktatur des Praktizismus, molestiert vom tückischen Schwarm der Kleinigkeiten. Das ist die Neurose: erzeugende Spannung, die sich in den Physiognomien der von Thurber beschriebenen und gezeichneten Figuren spiegelt, in allen Variationen erschreckten Staunens, pathetischer Ratlosigkeit, grimmigen Mißtrauens und nervöser Bösartigkeit Doch das wirkt ungeheuer belustigend, denn Thurbers Humor ist die mit urbaner Gelassenheit gemeisterte Komik einer Tragik, die sich im Trivialen erschöpft (und deshalb in der Essenz doppelt Start erschüttert).