Amexikanische Multimillionäre sind stehende Figuren in vielen Romanen des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. Alle stammen, literarisch gesehen, von einem einzigen Urvater ab. Das war Charles T. Yerkes, der Chikagoer Finanzkönig um 1900, der seine auf gewagteste Weise erworbenen Millionen in imitierten französischen Schlössern anlegte und mit seinen Geliebten von goldenen Tellern aß. Ihn hat Theodore Dreiser schon um 1912 in seinen beiden früheren Romanen „Der Financier“ und „Der Titan“ porträtiert. Dreiser, in den elendesten Verhältnissen als eines von dreizehn Kindern einer verarmten Familie deutscher Abstammung aufgewachsen, mußte sich als Journalist mit allen Seiten des sozialen Lebens in jenen Jahren der aufkommenden industriellen Großmacht Amerika befassen. Er beschrieb die Entrechteten, die Gestrandeten, die Hoffnungslosen und ebenso auch die Erfolgreichen, die Neureichen, die „Mikados“. Er schokierte die Leser und die Kritiker, weil er weder als moralischer Ankläger noch als Sozialreformer auftrat, sondern sich jeder eigenen Meinung enthielt und auch in den krassesten und brutalsten Geschehnissen immer nur die Fügungen eines unbarmherzigen Schicksals umriß. Er verstand sich selbst als einen modernen Tragiker und nannte daher auch sein berühmtestes Werk „Eine amerikanische Tragödie“.

Das literarische Urteil, das bis 1925 Dreiser wegen der bisweilen groben und formlosen Breite seines Erzählstils die Anerkennung verweigert hatte, schlug in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens um und pries ihn wegen der unsentimentalen und doch leidenschaftlichen Nüchternheit seiner Menschendarstellung als den Begründer des modernen und wesentlichen amerikanischen Romans. Die europäischen Leser Dreisers haben, wie sich an dem immensen Erfolg seiner übersetzten Bücher gezeigt hat, die Mängel seiner Kunst der Größe seiner Lebensauffassung zuliebe in Kauf genommen.

Am Tage vor seinem Tode (Dezember 1945) schloß er das vorletzte Kapitel eines Romans ab, den er „The Stoic“ nannte und in dem er die letzten Jahre und das Sterben des „Financiers“ und Titanen“ erzählte (deutsch von Paul Baudisch unter dem Titel Der Untentwegte im Diana Verlag, Konstanz-Stuttgart, 404 S.). Frank A. Cowperwood ist mit sechzig Jahren immer noch ein Rebell gegen die bürgerliche Rechtsordnung und gegen die offizielle gute Gesellschaft, die ihn wegen seines nicht ganz einwandfreien Aufstiegs nicht in ihre Reihen aufnimmt. Und weil er ein Rebell ist, wird die zwanzigjährige Berenice, auch sie nicht gesellschaftsfähig, seine Verbündete. Ihre Liebe gibt ihm die Kraft zu seinem letzten großen Eroberungszug: er will die Londoner Untergrundbahnen in seine Hand bringen und so ausbauen, daß sie rentabel werden. Mitten im zähen Kampfe reißt ihn der Managertod aus all seinen Plänen heraus und seine Millionen zerrinnen den Erben unter den Händen. Berenice, für die er der Inhalt ihres Lebens war, findet Trost bei einem Yogi-Lehrer in Indien und erreicht eine hohe Stufe der Selbstüberwindung. Das Elend, das sie in Indien Tag für Tag vor Augen hat, erschüttert sie aber so stark, daß sie das mystische Leben aufgibt, nach New York zurückfährt und dort von ihrer Erbschaft ein Krankenhaus für Mittellose bauen läßt, dessen Kinderabteilung sie selbst leitet.

Dreiser ist konsequent geblieben: soziale Programme hat er auch gegen Ende seines Lebens nicht aufgestellt, und die konventionelle Moral war ihm bis zu seinem Tode verächtlich. Ohne eine Spur von christlichen Doktrinen zeigt er, daß der große Sünder und die Heilige miteinander im Bunde sein können gegen die flache Ängstlichkeit der „Rechtdenkenden“, als deren Prototyp Cowperwoods Frau Aileen vom Dichter so dargestellt ist, daß sie von ihrer Ebene aus völlig im Recht ist und sogar auf die Sympathien des Lesers rechnen kann.

Auch Dreisers letztes Buch beweist: dieser amerikanische Dichter, dem heute der hohe literarische Rang von so angesehenen Kritikern wie Lionel Trilling und T. S. Eliot wieder streitig gemacht wird, ist wohl in Wirklichkeit überhaupt nicht mit künstlerischen Maßstäben zu messen. Er kann sich weder mit dem größten amerikanischen Romancier vor ihm, mit Henry James, noch mit seinem größten Erben, Ernest Hemingway, vergleichen. Und doch hat er als Menschenschilderer nicht seinesgleichen.

i. h.