Der Wahlkampf ist die beste Gelegenheit, die Kunst der Rede zu üben: Wenn der „Sprecher des Abends“ gesprochen hat, kann der Wähler in der Diskussion von seinem Recht der freien Meinungsäußerung nach Herzenslust Gebrauch machen. Man macht allerdings meistens die Beobachtung, daß sich auf Versammlungen immer nur ein sehr geringer Prozentsatz des Publikums – höchstens zwei Prozent – zum Wort meldet. Die restlichen 98 Prozent begnügen sich damit, „sehr richtig“ zu schreien oder „aufhören“, wenn sie etwas nicht richtig finden. Manchmal hört man im Register der kollektiven Stellungnahmen auch „Pfui“. Aber wenn es schließlich zur Diskussion kommt, wagen sich nur sehr wenige aus der Anonymität hervor, um coram publica zu begründen, warum sie „Pfui“ oder „sehr richtig“ gerufen haben. Sind die 98 Prozent etwa zu dumm oder zu faul oder glauben sie, mit ihren Beifalls- oder Mißfallenskundgebungen schon das Wesentliche gesagt zu haben, getreu dem Rezept „In der Kürze liegt die Würze“? Es liegt anders, auch die 98 Prozent möchten reden, aber sie haben Hemmungen. Für die Versammlungsleiter ist das natürlich ein glücklicher Zustand. Es würde ja Marathon-Diskussionen geben, wenn alle so hemmungslos wären wie die 2 Prozent. Für die Demokratie hingegen ist das ein unglücklicher Zustand. Viele Zuhörer werden unbefriedigt nach Hause gehen, weil sie das, was sie vier Jahre lang auf dem Herzen hatten, nicht los wurden. Sie machen sich selbst Vorwürfe über ihre mangelnde Zivilcourage und ärgern sich, daß sie eine schöne Gelegenheit verpaßt haben, sich von ihren innerpolitischen Spannungen durch die Rede zu befreien. Sie werden bis zur nächsten Wahl weiterhin als „gehemmte“ Demokraten einherwandeln.

Hemmungen sind es also, die die mangelhafte Beteiligung am rhetorischen Geschehen der Demokratie verursachen. Erfreulicherweise gibt es ein sehr einfaches uraltes Mittel dagegen. Man muß reden lernen, genau so wie man Autofahren lernt. Schon die Griechen und Römer wußten das. Hauptfach an ihren Universitäten war die Rhetorik. Plato, Aristoteles und Cicero schrieben gelehrte Abhandlungen darüber. Es gab kunstvolle rhetorische Systeme, die noch bis ins späte Mittelalter hinein gelehrt wurden. Heute vermitteln die Universitäten zwar sehr viel mehr Wissen, aber ihre Studenten lefnen nicht, wie man dieses Wissen wirkungsvoll anbringt. Woher es kommt, daß der hochgebildete Akademiker in der politischen Auseinandersetzung sehr häufig dem Parteifunktionär unterlegen ist. Die Funktionäre werden im Reden gedrillt. Sie werden schlagfertig gemacht, damit sie alle Argumente sofort parieren können. Ich entsinne mich einer politischen Versammlung, auf der ein kommunistischer Student vor etwa fünfzig nichtkommunistischen Studenten aller Fakultäten sprach. In der Diskussion gelang es den fünfzig Studenten nicht, den einen Studenten rhetorisch in die Enge zu treiben. Im Gegenteil: der Kommunist setzte alle fünfzig schachmatt. Nicht etwa, weil er die besseren Gedanken hatte, sondern ganz einfach, weil er gelernt hatte, wie man mit dem Wort umzugehen hat, um den Gegner auszustechen. Engländer würden besser mit ihm fertiggeworden sein, denn an ihren Universtäten gibt es schon seit langem Debattierklubs, in denen sich die Studenten in der Kunst der Rede üben. Viele große englische Parlamentarier sind aus diesen Klubs hervorgegangen.

Auch in Deutschland gibt es neuerdings manche Vereinigungen, in denen das Diskutieren geübt wird und in denen man reden lernen kann. In diesen Tagen veranstaltete eine Hamburger „Redner- und Erfolgsschule“ eine Redeschlacht. Sie verfolgt, wie schon der Name sagt, zwei Ziele: sie bildet ihre Schüler in der Redetechnik aus und gibt ihnen damit ein Mittel zur „erfolgreicheren Lebensgestaltung“ in die Hand. Maxime: „Lerne reden und du hast mehr Erfolg.“ Am Anfang allen Reden: steht die Enthemmung. Das geschieht in fröhliche! und spielender Weise. Der Aspirant muß zum Beispiel mit strahlendem Gesicht und so laut wie möglich sagen: „Es ist heute ein schöner Sommertag.“ Aber er muß es nicht nur laut sagen, er muß es auch mit Emotion sagen. Ohne Begeisterung zündet die Rede nicht. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, laut zu sprechen, hat bereits einen großen Teil aller Hemmungen überwunden. Mut haben zur eigenen Stimme – das schafft Selbstvertrauen. Allerdings hat nicht jeder von Natur aus eine laute Stimme. Auch dafür ist gesorgt. Man versuche einmal folgende „Stimmkraftübung“: tief einatmen und „Bö“ sagen und dabei die Luft solange wie möglich anhalten. Man wird zwar nicht von heute auf morgen ein Stentor. Aber Übung macht auch hier den Meister. Man kann sich auch zu einem Stimmkraftchor vereinigen. Das ist noch wirkungsvoller. Nur verständige man vorher den Obermieter.

Besonders wirkungsvoll in der Erziehung zur Redegewandtheit ist das Gesellschaftsspiel. Auf jener Veranstaltung zum Beispiel wurden drei Rednergruppen gebildet. Jede Gruppe bestand aus einem „Kapitän“ und vier Mann Gefolgschaft. Eine Gruppe vertrat die „Systematiker“, die andere die „Phantasten“ und die letzte die „Lebenskünstler“. Das Publikum lieferte bereitwillig die Themen, über die dann Stegreifreden gehalten wurden. Der thematische Bogen spannte sich von der „Abfallverwertung“ bis zur „Schwiegermutter“. Das Gaudium dieser Übung kann man sich leicht vorstellen. Ein Gesellschaftsspiel, das sich für lange Winterabende besonders empfiehlt.

Ein guter Redner muß auch immer in der Lage sein, eine gute Festrede zu halten. Es darf ihm nicht wie jenem Kapitän gehen, der an Bord eine Trauerrede vor versammelter Mannschaft zu halten hatte. Lange stand er vor dem Leichnam, der dem Meer übergeben werden sollte. „Meine Freunde“, hub der Kapitän an, „Meine Freunde“ begann er von neuem, „Meine Freunde“ sagte er noch einmal und dann, nach einer Pause angestrengten Nachdenkens: „Smiet den Kerl rinn.“ Einem guten Redner gehen die Worte nie aus.

Es braucht also niemand mehr Hemmungen zu haben, wenn er’s nur einmal über sich bringt, das Reden zu lernen. Manche, und nicht nur die Politiker, müssen sogar für ihren Beruf reden lernen. Nicht alle Verkäufer sind Naturbegabungen. Darum führen große Firmen schon lange Kurse für ihre Angestellten durch. Der Erfolg bleibt nicht aus. Wie „einträglich“ reden sein kann, hat sicherlich jeder schon einmal erfahren, der sich von der Rhetorik eines Straßenverkäufers zum Kauf eines Hühneraugenentferners hat hinreißen lassen, obwohl kein tatsächliches Bedürfnis bestand ... Und hier zeigt sich ein besonderer Wesenszug der Rhetorik: nicht der Inhalt einer Rede ist oft entscheidend, sondern allein der Zauber der Sprache. Von der Rhetorik zur Demagogie ist es daher häufig nur ein kleiner Sprung. Und damit sind wir wieder beim Wahlkampf angelangt, in dem wir uns besonders vor den „Zauberern“ der Rhetorik hüten müssen, die zwar gut, doch nichts Gutes reden...

K. C. Kowalewski