Von den deutschen Politikern, die nach dem Zusammenbruch von den Besatzungsmächten eingesetzt würden, haben wenige so freudig gedient Wie Dr. Wilhelm Högner, heute bayerischer Minister des Innern und stellvertretender Ministerpräsident. Er kam gern nach Deutschland zurück. Als er im Juli 1933 als 45jähriger ins Exil ging, war er zwar Landgerichtsrat, Mitglied des Reichstags und des bayerischen Landtags gewesen, aber der breiten Öffentlichkeit war sein Name kein Begriff. Nach zwölf stillen Jahren in Innsbruck und Zürich, wo er in die leidenschaftliche Diskussion um die Zukunft Deutschlands kaum eingriff, erinnerten sich nur noch wenige seiner Existenz. Bis auf den amerikanischen Geheimdienst, das Office of Strategie Services.

Selbst für damalige Verhältnisse, als Ämter in Deutschland noch billig waren, ging Högners Karriere rasch. Eine kurze Zeit organisierte er in München den Neuaufbau der Sozialdemokratischen Partei. Dann, als Ministerpräsident Fritz Schäffer mit dem zu deutschfreundlichen General George S. Patton den Morgenthau-Boys weichen mußte, wurde er im September 1945 über den Kopf von Botschafter Murphy hinweg als Schaffers Nachfolger eingesetzt.

Als Sozialdemokrat deutsch, ja international gesinnt, hatte Högner Deutschland verlassen. Als er zurückkam, war er zugleich ein bayerischer Partikularist. Daß dies geschah, daß zwei entgegengesetzte, ja, einander ausschließende Überzeugungen sich in einem Kopfe vereinen konnten, ist ein Phänomen politischer Akrobatik, das noch heute viel Staunen erregt. Selbst den Parteigenossen ist er zuweilen unheimlich. Schluß mit Högners „weiß-blauer Sozialdemokratie“ forderte Waldemar von Knöringen auf dem Parteitag in Rosenheim 1949, und Kurt Schumacher drückte es deutlicher aus! „Ihr habt „war schöne Männer in eurer Regierung“, sagte er, „aber so schön sind sie auch wieder nicht, daß die Franzosen euch deswegen euer Defizit bezahlen.“

Wilhelm Högner, der sich inzwischen in Caux moralisch stärken ließ, blieb unerschüttert. Er findet das Unnatürliche natürlich. Als ihn ein deutscher Politiker beim Länderrat fragte, wieso ein Sozialdemokrat Separatist sein könne, antwortete er schlicht: „Weil mir Bayern san.“

Jedenfalls entsprach seine Haltung aufs Glücklichste der Vorstellung, die die Morgenthau-Boys in den ersten Nachkriegsjahren von einem „guten Deutschen“ hatten. Man vertraute Högner die Aufgabe an, eine bayerische Verfassung zu entwerfen. Was er zustandebrachte, ging selbst den Amerikanern gegen den guten Geschmack. Das Wort „Deutschland“ kam im ersten Entwurf nicht vor, und General Lucius D. Clay sah sich veranlaßt, authentisch festzustellen, daß Bayern nicht das Recht habe, die Teilnahme an einer deutschen Regierung zu verweigern.

So wurde Högner um seine, wie man behauptet, schönste Hoffnung betrogen: Präsident eines souveränen Bayern zu werden. Er erlebte den Triumph, daß der Landtag das Bonner Grundgesetz ablehnte. Aber was half es? „Die alliierten Mächte haben es in der Hand“, erklärte er resigniert, „Bayern auch gegen seinen Willen in einen westdeutschen Gesamtstaat hineinzuzwingen.“ Man begreift, daß er mit Neid auf seinen glücklicheren Zwillingsbruder Hoffmann in Saarbrücken blickte, der sich der Protektion einer skrupellosen Besatzungsmacht erfreut.

Da die CSU im Landtag des Jahres 1946 eine absolute Mehrheit hatte, mußte Högner dem Ministerpräsidenten Hans Ehard weichen. Aber er wurde Justizminister. Denn daß er etwas vom Recht versteht, bewies er, als er dafür sorgte, daß der Grundsatz nulla poena sine lege nicht in die bayerische Verfassung kam. Wenn überhaupt, dann gehöre er ins Strafgesetzbuch, denn, so sprach der gelehrige Schüler, da könne man ihn abändern. Und wo bliebe sonst die Entnazifizierung? Auch für diese ist Högner in Bayern verantwortlich.