Trotz seiner abseitigen Lage ist Westberlin für viele Veranstaltungen der Tagungsort geblieben. In jedem Herbst strömt hier wirtschaftliche und politische Prominenz aus dem In- und Ausland zusammen, um in der "heimlichen Hauptstadt Deutschlands" Gedanken auszutauschen. Berlin ist dann wieder für einige Tage der Ort, an dem nicht nur sein Verhältnis zum Bundesgebiet und zur übrigen Welt, sondern auch die Probleme Westdeutschlands und des Auslandes erörtert werden.

Nicht alles, was hier gesagt wird, ist unbedingt neu. Aber nirgends sonst bietet sich Gelegenheit, die Meinung leitender Persönlichkeiten über die verschiedensten Dinge an einer einzigen Stelle und innerhalb weniger Tage auf, sich einwirken zu Jansen wie hier. Der Bundeswirtschaftsminister erhärtet seine Forderung auf Konvertierbarkeit der Währungen, und in diesem etwas rauheren Klima formuliert er auch deutlich seinen Vorschlag, alle anderen weltwirtschaftlichen Abmachungen zurückzustellen und zunächst Besprechungen zur Neuordnung der Währungen abzuhalten. In Berlin wird auch manches offener ausgesprochen als anderwärts: "Was die Amerikaner können, das können wir auch!" erklärte Erhard im Beisein von Mr. Conant, nicht ohne allerdings hinzuzufügen: "wenn wir die gleichen Prinzipien verfolgen wie sie." Ein gesundes Selbstvertrauen zeigte auch Präsident Berg vom Bundesverband der Deutschen Industrie, als er vor Pressevertretern erklärte, man brauche die Konkurrenz der nordamerikanischen Mittel- und Kleinindustrie nicht zu fürchten, wenn sein Vorschlag auf Aufhebung aller Zölle zwischen beiden Ländern ausgeführt werde. Die amerikanischen Schutzzölle haben denn auch nicht in der Großindustrie, sondern in der Klein- und Mittelindustrie sowie in den Gewerkschaften ihre stärksten Befürworter.

Auch durchaus gegensätzliche Meinungen sind in Berlin geäußert worden. So setzte sich der Bundeswirtschaftsminister für die langfristige Konsumfinanzierung ein, die der Präsident des Bundesverbandes der Industrie unter Hinweis auf die schlechten amerikanischen Erfahrungen der zwanziger Jahre kurz vorher abgelehnt hatte. In einem Punkt waren sich allerdings alle Vertreter der deutschen Wirtschaftspolitik einig, nämlich in der Notwendigkeit, den Aktienmarkt zu fördern. Dabei schlug Vizekanzler Blücher auf dem Deutschen Betriebswirtschaftlertag vor, durch eine Änderung des Reichsbewertungsgesetzes wieder eine Durchschnittsbewertung über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren zuzulassen. Daraus erwartet Blücher eine größere Dividendenstabilität und damit ein zunehmendes Interesse des Sparers für Aktien als Anlagepapiere.

Die Ost-West-Fragen wurden in diesen Tagen u. a. durch eine Schilderung der betrieblichen Organisationsformen im östlichen Wirtschaftssystem durch W. Förster (Osteuropa-Institut an der Freien Universität Berlin) dem Interessenten nähergebracht. Man erfuhr hier, daß der Sowjetbetrieb scheinbar die gleichen Zielsetzungen hat, wie sie der marktwirtschaftlichen Ordnung als "Profitgier" von östlicher Seite vorgeworfen werden, daß z. B. Rationalisierung, Rentabilität, Produktivität durch Mechanisierung, Standardisierung, Typisierung und Normung, Betriebsanalyse, Kennziffern, Plankostenrechnung, Kapazitätsmessung und beschleunigte Umschlagsgeschwindigkeit angestrebt werden, daß aber die Beweggründe nicht in einer individuellen Bedürfnisbefriedigung, sondern in der Sicherstellung eines maximalen Profits im staatlichen Interesse zu suchen sind und daß die "human relations" fehlen.

Diese und andere Konzentrate aus der Fülle der Wirtschaftsprobleme finden nun ihr greifbares Gegenstück auf der Deutschen Industrieausstellung 1953, die am vergangenen Sonnabend eröffnet wurde. Es tut ihrem Ansehen als einer wirtschaftlichen Veranstaltung mit politischem Ziel keinen Abbruch, wenn vorwiegend Erzeugnisse ausgestellt werden, die schon auf irgendwelchen anderen Ausstellungen oder Messen im einzelnen zu sehen waren (dabei darf man allerdings auch nicht übersehen, daß z. B. Werkzeugmaschinen in Deutschland in diesem Jahr nur auf der Deutschen Industrieausstellung in Berlin gezeigt werden). Aber die Konzentration eines so reichen "Sortiments" aus der Investitions- und Konsumgütererzeugung ist wohl an keinem, anderen Platz so vorhanden wie hier.

Der bessere Gesamteindruck, den die Deutsche Industrieausstellung diesmal macht, erklärt sich wohl namentlich daraus, daß man von dem Gedanken der einseitigen Verbrauchsgüterschau des Vorjahres, der dem Niveau der Veranstaltung nicht immer zuträglich war, wieder abgekommen ist. Auch die Kollektivdarbietungen aus Westdeutschland und dem Ausland zeigen in ihrer sorgfältigen Durcharbeitung und Ausstattung viel Interessantes.

Die Deutsche Industrieausstellung ist aber weder die Frankfurter oder Kölner Verbrauchsgütermesse noch die Technische Messe Hannover, sondern eine allgemeine Ausstellung der Industrie Westdeutschlands und Westberlins und 18 anderer Länder. Sie hat wie ihre drei früheren Veranstaltungen den politischen Zweck, das Schaufenster nach dem Osten zu sein. E. S.