Mann hinter den Kulissen“ ...„Graue Eminenz der Bundesrepublik“ ... „Finanzmagnat im Schatten“ – das ist eine kleine Auswahl von Titeln, die einige deutsche Zeitungen dem Bundestagsabgeordneten und Kölner Bankier Robert Pferdmenges zuteil werden ließen. Irgend etwas muß an diesem Mann sein, was den romantischen Sinn der Autoren beflügelt. Vielleicht ist es sein Vermögen – die Pferdmenges sind schon seit einigen Generationen wohlhabende Leute, vielleicht ist es sein besonderes Verhältnis zum Bundeskanzler, also die Nähe zur Macht. Daß Pferdmenges es war, der während der letzten vierzehn Tage vor der Kanzlerwahl bei Dr. Adenauer auf der Bühler Höhe war, just in der Zeit, als der Kanzler über die Zusammensetzung seiner neuen Regierung mit sich zu Rate ging, mag das Interesse noch gesteigert haben.

Natürlich ist Dr. Pferdmenges keine „Graue Eminenz“. Das weiß auch die Opposition sehr gut. Fragt man einen führenden Sozialdemokraten: „Was haben Sie eigentlich gegen ihn?“, dann sagt er: „Menschlich gar nichts.“ – Na, und sonst? Ja, Pferdmenges habe seinerzeit den Reichskanzler Brüning zu einem deflationistischen Wirtschaftskurs bewogen, während man damals mit einer großzügigen Kreditpolitik vielleicht Hitler hätte den Wind aus den Segeln nehmen können. – Nun, über derlei Sachen läßt sich streiten; es ist auch schon lange her. Aber jetzt? – Der SPD-Führer meint, Pferdmenges hätte andere deutsche Vertreter für die Montan-Union durchsetzen und den Bundeskanzler wirtschaftspolitisch besser beraten sollen. – Dazu aber kann man wirklich nur sagen: Wenn die Wirtschaftspolitik der Regierung in den letzten Jahren auf den Ratschlägen von Pferdmenges beruht haben sollte, dann kann man ihm nur gratulieren. Die Wähler jedenfalls haben das am 6. September getan; auch einige alte SPD-Leute dürften dabei gewesen sein.

Immerhin, in der SPD hat der Pferdmenges-Mythos nicht seine Heimat. Er selbst, der all die über ihn verhängten Titel mit Humor trägt, hat eine einfache Erklärung für ihre Entstehung: Eine aufs Totale ausgehende Propaganda, sagt er, bedarf der Figuren, die nun entweder absolut gut oder absolut böse sein müssen. Als er nach dem Kriege Handelskammerpräsident in Köln wurde, machten die Kommunisten prompt ihn (und dazu Abraham Frowein aus Wuppertal) zum Popanz ihrer antikapitalistischen Propaganda. So kam er durch die Kommunisten zu seinem „Ruhm“, der dann nach allen Richtungen ein wenig abfärbte und ausstrahlte. Dazu kam sein altes freundschaftliches Verhältnis zu Adenauer und sein CDU-Mandat im Bundestag.

Die wenigsten freilich wissen, daß seine Beziehungen zum Bundeskanzler nicht aus der Politik oder der Wirtschaftspolitik stammen. An einem Karfreitag vor vielen Jahren fuhr der evangelische Kirchenälteste von Köln, Dr. Robert Pferdmenges, an einem Fußballplatz vorbei und fand es nicht richtig, daß an einem so hohen protestantischen Feiertag ein Spiel ausgetragen wurde. Das schrieb er dem damaligen Kölner Oberbürgermeister Dr. Adenauer, der ihm sofort antwortete, daß er den Vorfall bedaure und in Zukunft für die Achtung der protestantischen Gefühle sorgen werde. Aus diesem Briefwechsel entwickelte sich im Laufe der Zeit eine persönliche Freundschaft, in die auch Frau Pferdmenges eingeschlossen ist, deren gelegentlich offenes Wort bei Dr. Adenauer meist ein ebenso offenes Ohr findet; manche Leute sagen sogar, der Bundeskanzler habe vor niemandem Angst – außer vor ihr.

Adenauer weiß, was er an Pferdmenges hat: einen Ratgeber, der mit seinen 73 Jahren sehr viel common sense mit Weisheit und Mäßigung des Alters verbindet und der an Posten und Geschäften weniger interessiert ist als irgendein anderer. Denn was er, außer Last und Mühe, daraus gewinnen könnte, das hat er ohnedies längst.

Übrigens ist sein Vermögen nur zum Teil ein Familienerbe, das meiste hat er selbst verdient. Mit 28 Jahren hatte er ein Jahreseinkommen von 100 000 Mark, und das war nun wirklich etwas, wenn man an die Kaufkraft des Geldes und an Steuern vor dem ersten Weltkrieg denkt. (Heute sagt er: „Wenn einer reich ist, dann meinen die Leute gleich, er hat gestohlen!“) Seither ist mancher Sturm über die deutsche Wirtschaft gegangen, aber Pferdmenges selbst ist in seinen Prinzipien der Alte geblieben. Manche sagen, er sähe aus wie ein Bankier aus dem Märchenbuch, allerdings aus einer Zeit, in der die Märchenbücher noch nicht von Sozialdemokraten geschrieben wurden. Kredit gibt er in erster Linie auf Grund des persönlichen Eindrucks, den der Kreditbewerber macht, und er meint: „Da kommt einer, der möchte gern einen Kredit – dann hör ich mir dat eso an und kann dat Jefühl, dat is ene ordentliche Mann, und dann kritt dä och dat Jeld...“ Die Bilanzen seiner 3ank (S. Oppenheim & Co.) zeigen jedenfalls, daß das System richtig ist (zumindest, solange Pferdmenges es handhabt).

Aber Pferdmenges ist längst über die Grenze hinausgewachsen, welche die privatwirtschaftlichen und die nationalökonomischen Gesichtspunkte trennt. Sein Anliegen ist die Gesundung des Kapitalmarktes, der die Investitionen finanziert und der gerade diejenigen Investitionen finanziert, die richtig, notwendig und ertragversprechend sind: „Aktie und Industrieobligation müssen wieder zu ihrem Recht kommen, das ist um so notwendiger, als bisherige Finanzierungsquellen wie die ERP- oder MSA-Hilfe und die Investitionshilfe künftig ganz oder zum größten Teil wegfallen ... Die drückende Steuerlast kann nur gemildert werden, wenn die öffentliche Hand künftig mehr als bisher darauf verzichtet, mit Hilfe eines hohen Milliardenbetrages an Kapitalsubventionen Investitionen zu finanzieren, die sie – als öffentliche Hand – nicht unbedingt zu finanzieren braucht. Der Zeitpunkt ist gekommen, die Kapitalbildung in all ihren formen durch Verzicht auf Kapitalsubventionen und dementsprechend durch allgemeine Steuerentlastung wesentlich zu verstärken.“

Mit solchen Forderungen und Ratschlägen werden sich nicht nur Bankiers einverstanden erklären. Überhaupt sollte man es nicht kritisieren, wenn ein Bankier einen Staatsmann berät. Gefährlich ist es eher, wenn die Bankiers, insbesondere die einer Zentralnotenbank, auf die Ratschläge der Staatsmänner hören... E. St.