In manchen Punkten hat die deutsche Sprache weniger Glück als andere Sprachen. Zum Beispiel mit dem Wort "Glauben". Wenn etwa der Engländer ausdrücken will, daß er sich einer Sache nicht ganz sicher ist, sondern sein Urteil nur mit Vorbehalt abgeben möchte, dann schiebt er "I think ..." in seinen Behauptungssatz ein. Wir aber sagen in solchem Fall: "Ich glaube" (zum Beispiel: "Es wird morgen gutes Wetter geben, glaube ich"). Wir sagen jedoch "Ich glaube" auch in dem Satz "Ich glaube an den dreieinigen Gott", wo nicht eine Vermutung ausgedrückt werden soll, sondern unbedingte Gewißheit, und wo der Engländer sagt: "I believe..."

Paul Tillich, der deutsche Theologe, lehrt seit 1933 in New York. Er hat sich ganz in die englische Sprachwelt eingelebt. Sein Vortrag in der Hamburger Joachim-Jungius-Gesellschaft ließ das auch daran erkennen, daß er vom Glauben (vom christlichen Glauben) ganz anders sprach als die heute herrschende Richtung der lutherischen Theologie in Deutschland. "Im Glauben stehen, heißt religiös existieren", sagte Paul Tillich, und fügte dann – "als Fußnote, aber ganz, ganz unten" – eine Anmerkung hinzu, die für die theologischen Kollegen unter den Zuhörern bestimmt war: "Glaube ist nicht Für-wahr-halten von etwas Unglaubhaftem. Den Glauben so aufzufassen, hieße, ihn in Intellekt und Willen zu verzerren."

Wer die gegenwärtigen heftigen Dispute in der evangelischen Theologie verfolgt hat, verstand die Anspielung. Diese Dispute spalten nämlich die Theologenschaft in zwei einander ausschließende Richtungen. Die eine, deren Ansicht die Generalsynode der lutherischen Kirche sich zu eigen gemacht hat, verlangt vom Theologen, daß er den Inhalt der Offenbarung als "objektive Tatsächlichkeit" im rationalen Sinne anerkennt wie eine wissenschaftliche Aussage, die die Zustimmung aller Fachgenossen gefunden hat. Für diese Richtung ist, wie Tillich sagt, der Glaube das rationale Für-wahrhalten von etwas, das an sich rational "unglaubhaft", also unwahrscheinlich, ist. Die andere Richtung, die von der Synode ausgeschlossene, weist (mit Kierkegaard) darauf hin, daß der Glaube mehr umfaßt und tiefer reicht als alle Rationalität. Ihre Wortführer in Deutschland sind der Marburger Theologe Rudolf Bultmann und der Tübinger Theologe Friedrich Gogarten (der soeben in einer kleinen Schrift "Entmythologisierung und Kirche", erschienen im Vorwerk-Verlag, Stuttgart, alle Streitpunkte kurz und bündig dargestellt hat). Zu ihnen gesellt sich nun der New Yorker Gast Paul Tillich, der, wie heute keiner sonst in der evangelischen Welt, als Theologe ein philosophierender Denker und als Philosoph ein christlich Ghubender ist. (Seine Bücher "Der Protestantismus" und "Der Mut zum Sein sind jetzt auch in deutsch erschienen im Steingrüben-Verlag, Stuttgart.)

"Ontologie und biblische Religion" hieß das Thema seines großen Hamburger Vortrags. Hier in Kürze sein Gedankengang: Der Mensch, jeder Mensch, wird von der Frage beunruhigt: Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts? Tillich nennt diese Frage die "Seinsfrage". Der Mensch ist "dasjenige Wesen, das die Seinsfrage stellt". Daher ist jeder Mensch, ob er sich nun dessen bewußt ist oder nicht, "von Natur ein Philosoph". Die Philosophen, die wir eigens so nennen, sind jene Menschen, die von der Seinsfrage so leidenschaftlich ergriffen sind, daß sie ihrer Bearbeitung das Leben widmen. Seit der "Entdeckung des Geistes" durch die Griechen ist diese Bearbeitung (auch bei Augustinus, bei Hegel, bei Heidegger) eine rationale Erhellung des Seins. Aber das Sein, nach dem der Philosoph fragt, ist nicht etwas von ihm Abgelöstes. Es ist auch sein Sein. In aller Philosophie ist ein "existentielles" Element. Aber dies ist das Wunder der abendländischen Philosophie: daß das "Existentielle" das Rationale niemals verschlungen hat.

Allem Philosophieren liegt also ein Paradox zugrunde: ich frage nach dem Unpersönlichen, dem Sein, um für mich als Person den Ort im Sein zu finden. Je wahrer ich das Sein erkenne, desto weniger bin ich meiner selbst gewiß. Buddha lehrt deshalb das Aufgehen der endlichen Person in das unendliche Sein. Nietzsche dagegen (um ein abendländisches Extrem zu nennen) identifiziert das Sein mit seiner Person – und zerbricht daran. Die biblische Religion, zeigt Paul Tillich, kann sich zwischen diesen Extremen halten. Sie erkennt, daß das Sein "sich für uns personal macht", daß es als Gott erscheint, als der "persönliche" Gott. Der Gläubige der biblischen Religion, der Jude und der Christ, nehmen die Offenbarung des persönlichen Gottes an. Das, die Annahme des Offenbarten über alles rationale Denken hinaus, ist der Glaube.

Aber die Seinsfrage bleibt und mit ihr das Verlangen nach einer rationalen Erhellung. Zu allen Zeiten haben ängstliche Theologen (nicht Augustin, nicht Thomas, nicht Luther, nicht Pascal, nicht Spinoza) gemeint, das Fragen nach dem Sein, die "Ontologie", zerstöre den Glauben. Aber Paul Tillich zeigt, daß ihre Angst (auch die Angst der Generalsynode) voreilig ist. "Der Gläubige fragt implicit nach dem Sein. Glaube schließt die ontologische Frage ein. Die alte Kirche wußte das."

Für den Glauben sind in der biblischen Religion zugleich das erste und das letzte Wort gesprochen. Die Seinsfrage dagegen – hier stimmt Tillich mit Heidegger überein – bleibt immer offen. "Es gibt keine erlösende Ontologie", sagt Tillich; auch die Ontologie des Thomas von Aquino hat nicht das letzte Wort gesprochen. "Der Glaube umfaßt sich selbst und die ontologische Frage." Er hat den "Mut zur Unsicherheit". Er ist "die Spannung zwischen sich selbst und dem Zweifel".

Mit einem Widerspruch gegen Pascal schloß Tillich seine Meditation: "Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Gott der Philosophen ist der gleiche Gott." Wozu nur noch zu bemerken wäre, daß die "Philosophen", die Pascal meinte, solche waren, die einen Gott rational konstruieren zu können behaupteten. Christian E. Lewalter