Der Graphiker Carl Otto Czeschka, der am 22. Oktober 75 Jahre alt wird, gehört zu den heute selten gewordenen Künstlern, die es verstehen, mit ihrem geistigen Gestaltungsvermögen in die Welt des praktischen Lebens hineinzuwirken. Sie bereichern das Bild des Alltags um ästhetische Werte, und das kann mehr bedeuten, als bloßes künstlerisches Spintisieren unter dem selbstgefälligen Zeichen des Part pour Part oder gar des Part pour les artistes, das in unseren Tagen so gängig ist. Man könnte ihm, dem einstigen Mitbegründer der „Wiener Werkstätten“, den sich Hamburg 1907 an seine neu aufzubauende Kunstschule holte, an der er volle 35 Jahre lehrte, einen hervorragenden „Kunstgewerbler“ nennen, wenn diese Bezeichnung nicht gerade von den Verächtern aller angewandten Kunst beinahe als Schimpfwort gebraucht würde, obwohl „Gewerbe“ hier nicht im Sinne des Geschäfts, sondern im Sinne des Handwerks gemeint ist. Die großen Künstler der Vergangenheit hielten sich mit Stolz für Handwerker, und das mit Recht.

Czeschka ist aus der Akademie der bildenden Künste in Wien hervorgegangen, an der er die Malerei studierte. Sein Weg führte ihn dann als Lehrer an die Wiener Kunstgewerbeschule, dann arbeitete er für die Hof- und Staatsdruckerei und schuf neben zahlreichen gebrauchsgraphischen Werken als Meisterstück der Buchillustration seine damals Aufsehen erregenden Zeichnungen zu den „Nibelungen“. Künstlerische Buchgestaltung, Entwürfe für Schmuck, Silbergeräte, Gewebe, Stoffmuster, Keramiken, Glasfenster, Ehrenurkunden sprechen von seiner Vielseitigkeit, deren Ergebnisse ihm mehrfach Staatspreise eintrugen. Selbst die Ausstattung der Verpackungen von Industrieerzeugnissen verschmähte Czeschka nicht. Auf der anderen Seite bezeugen Schöpfungen wie der große Gobelin (der kürzlich in der Hamburger Ausstellung „Bildteppiche aus sechs Jahrhunderten“ zu sehen war) seinen Rang auch als „zweckfreier“ Gestalter. S. R.