Von Hans Schaffen

Vor 450 Jahren wurde der Sterndeuter und Wahrsager geboren, der in Goethes „Faust“ mit dem „geheimnisvollen Buch von Nostradamus’ eigener Hand“ zitiert wird.Das Leben und die Schriften des Nostradamus haben in neuerer Zeit das ernsthafte Interesse zahlreicher Wissenschaftler und Schriftsteller gefunden, und selbst die entschiedensten Zweifler vermögen heute nicht mehr Werk und Wirken dieses eigenartigen Mannes als Machenschaften eines Charlatans abzutun.

Nostradamus wurde am 14. Dezember 1503 in Südfrankreich geboren als Sohn des jüdischen Arztes Pierre de Notredame und seiner Gattin Renée, einer Tochter des berühmten Arztes Jacques Jean de Saint-Remy. Bereits im Jahre 1488 war ein Erlaß Karls VIII. ergangen, demzufolge Juden zwischen der Taufe und dem Verlust ihres Vermögens zu wählen hatten. Um in verhältnismäßig ger Sicherheit leben zu können, folgten die Eltern des Nostradamus dem Beispiel der meisten provenzalischen Juden jener Zeit und nahmen die Taufe an. Es ist bezeichnend, daß sie ihren Sohn nach dem Erzengel „Michael“ tauften, da dieser Name sowohl für die christliche als auch für die jüdische Gemeinde annehmbar war. Obwohl damals die getauften Juden sich äußerlich zum Christentum bekannten, blieb ihr intimer gesellschaftlichen Verkehr innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, und jüdische Kultur wie jüdisches Gedankengut wurden von ihnen im geheimen weiter gepflegt und überliefert.

Man kann die Persönlichkeit des Nostradamus nicht im wesentlichen erfassen, ohne ihn in Beziehung zu diesem jüdischen Hintergrund zu sehen. Nostradamus wurde Arzt wie sein Vater und Schwiegervater. Er beendete seine Studien mit den höchsten akademischen Graden seiner Zeit und machte. sich als Arzt von Königen und Fürsten einen großen Namen. Es ging ihm ein großer Ruf als ein aufopfernder und erfolgreicher Bekämpfer der Pest voraus. Wo immer diese Plage wütete, bemühte man sich um seinen Beistand. Obwohl er ein besonderes Desinfektionsmittel erfunden hatte, ist der persönliche Mut, mit dem er sich der Ansteckung aussetzte, bewundernswert, zumal er Frau und Kind als Opfer der Pest verloren hatte. Der Umstand, daß er auch Schönheitssalben herstellte (die von Katharina von Medici benutzt und deshalb Mode wurden), kann seine eigentlichen Leistungen und die Anerkennung seiner ärztlichen Tätigkeit nicht schmälern. Seine Bedeutung als Arzt ist jedoch heute nur insoweit interessant, als sie seinen Charakter beleuchtet.

Es ist der „Prophet“ Nostradamus, der uns heute vornehmlich angeht. Man weiß, daß Nostradamus lange Zeit in jüdischen Kreisen zubrachte, die sich mit der Kabbala und mystischen Zusammenhängen befaßten. Schalschaleth Hakabbalah, die „Kette der Tradition“, ist eine typisch jüdische Schöpfung, die bereits in der frühesten jüdischen Geschichte einen wichtigen Platz, einnahm. Bereits zur Zeit des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus befanden sich im Besitze der Essener Schriften, die eine alte und fortgesetzte kabbalistische Überlieferung beweisen. Wir wissen, wie später die Gnostiker kabbalistische Erfahrungen mit christlicher Mystik verflechten wollten, und daß die Kirche nicht nur die Gnostiker, sondern jede Kundgebung, die Elemente kabbalistischer oder ihr verwandter Mystik enthielt, aufs schärfste anfeindete. Die Folge war, daß die schriftliche Überlieferung der Kabbala unterdrückt, ihr Inhalt aber in dunkle Symbole verkleidet, von den Juden mündlich in vorsichtiger Weise weitergereicht wurde.

Eines steht fest, nach dem Zeitalter des Rationalismus besteht heute die Neigung, die Macht symbolischer Gesten, zwingender Beschwörungen und anderer Mittel wieder zu entdecken, die das Bewußtsein ausschalten und uns in das Bereich des Unbewußten, der „Anima Mundi“ weisen sollen. Die moderne Psychologie, besonders vertreten durch den führenden Schweizer Professor Carl G. Jung, erwartet von der Auswertung der Kabbala, der Alchimie und Mägik früherer Zeiten Erkenntnismittel, die uns verlorengingen und die uns für die moderne psychologische Wissenschaft und Heilkunde von erheblicher Bedeutung sein können. Fraglos war Nostradamus im Besitze solcher magischen Überlieferungen. Seine Wissenschaft – Astronomie und Astrologie waren damals wissenschaftlich wenig differenziert – war mehr als bloße Sternenkunde. Seine Prophezeiungen betreffen Zukünftige Namen und Einzelheiten, die keine Astrologie hätte berechnen können. Man darf wohl glauben, daß sich Nostradamus in visionäre Zustände versetzen konnte. Über seine Gesichte in solchen Zuständen machte er sofort Aufzeichnungen und brachte sie später in Verse nach dem Vorbild antiker Orakel. Zweifellos war ihm auch eine starke Intuition angeboren. Er hatte das „zweite Gesicht“. Es wird von ihm berichtet, daß er auf einer italienischen Reise einem jungen, unbekannten Mönch namens Felix Peretti begegnete. Nostradamus kniete vor ihm nieder und bemerkte, er knie vor seiner „Heiligkeit“. Der Mönch war der spätere Papst Sixtus V.

Der Skeptiker wird ohne Frage über solche Berichte die Achseln zucken, und es gäbe kaum eine ernsthafte Forschung um Nostradamus, wenn wir nicht aus seiner eigenen Feder seine Vierzeiler über die „Jahrhunderte“ vorliegen hätten, die erstaunliche Voraussagen enthalten. Wichtig erscheint, daß Nostradamus schon zu seinen Lebzeiten von den Zeitgenossen als „Prophet“ gewürdigt wurde. Maßgebend jedoch ist, daß der größte Teil der „Jahrhunderte“ bereits im Jahre 1555 im Druck erschien, das heißt: lange Zeit vor den prophezeiten Ereignissen. Die Echtheit der ersten Ausgaben, die sich in anerkannten öffentlichen Sammlungen befinden, ist von allen Buchsachverständigen anerkannt. Wir befinden uns daher bibliographisch auf sicherem Grunde. Allerdings wird manchen Kommentatoren vorgeworfen, sie hätten bei der Auslegung mancher Stellen zuviel Erfindergabe gezeigt, um mit dem Wissen nach dem Ereignis dessen Voraussage zu bestätigen. Eine gewisse „Kommentierung“ der Aussagen des Nostradamus ist allerdings naturgemäß unvermeidbar, da der „Seher“ sich zu seinem Schutze geschickter Wortspiele, Allegorien und Anagramme bediente. Als Beispiel für offensichtliche Anagramme diene folgende Gegenüberstellung: Dinebro für Edinbro, Eiovas für Savoie, Rapis für Paris. Wenn auch oft eine recht lebhafte Phantasie der Kommentatoren zugegeben werden muß, so bleibt doch eine Fülle von Voraussagen, die besonders gegenständlich und ins einzelne gehend sind, und deren Bestätigung in der Wirklichkeit kaum zu leugnen ist. So beispielsweise die genaue Voraussage der nächtlichen Flucht des „gewählten Capet“ und seiner Königin nach Varennes, die Sturm, Feuer, Flut und „Tranchierung“ zur Folge haben wird. Tatsächlich war Ludwig XVI. der erste französische König, der von der Konstituierenden Versammlung durch Wahl bestätigt wurde. Tatsächlich kam er auf seinem Fluchtversuch nur bis Varennes. Tatsächlich entschied diese Flucht sein Schicksal und führte zur „Tranchierung“, nämlich zur Enthauptung durch die Guillotine. Selbst die graue Kleidung des Königs und die weiße der Königin auf dieser Flucht wurde von Nostradamus, wie wir heute wissen, zutreffend vorausgesagt. Nostradamus beschreibt auch das spätere Schicksal des englischen Königs Karl I. mit erstaunlicher Gegenständlichkeit: „Senat de Londres mettront à mort leur rot.“ Sogar die strengsten Kritiker des Nostradamus räumen ein, daß er sowohl die französische Revolution zeitlich und geschichtlich zutreffend wie auch das Schicksal und die Erscheinung Napoleons richtig voraussagte. Wenn er zukünftige Namen nennt, die es zu seinen Lebzeiten noch nicht gab, so sind diese oft ungenau, aber in Schrift und Klang erstaunlich nahe der Wirklichkeit erschaut. Er braucht etwa das Wort „Taurer“ in der Bedeutung des später aufkommenden Begriffes „Tory“. Man nimmt vielfach an, daß das Wort „Tory“ aus dem hebräischen, „Tauroh“, Gesetzeslehre, hergeleitet wurde. Es spricht auch einiges dafür, daß er das Auftreten Hitlers voraussah, auf den er in mehreren Vierzeilern als „Hister“ anzuspielen scheint.