Düsseldorf, im Oktober

Das Schicksal des Theaterstücks ist die Aufführung; ein Drama könnte auch im Buche leben. Diese Binsenwahrheit wurde dem Leser der Atriden-Trilogie von Hans Rehberg schmerzhaft deutlich, wenn man den zweiten Teil vor dem ersten gesehen hatte. Die dramaturgische Desorganisation in der deutschen Theaterhierarchie konnte kaum greller beleuchtet werden als durch diese Tatsache: Das Stuttgarter Staatstheater führte Rehbergs „Muttermord“, den zweiten Abend der Trilogie, in der vorigen Spielzeit auf. („Die Zeit“ berichtete darüber.) Das Düsseldorfer Schauspielhaus holte jetzt als ersten Abend den „Opfergang“ und „Gattenmord“ nach. Zwei Stücke, einheitlich konzipiert und als Zyklus gedacht, wurden auseinandergerissen durch zwei Aufführungen, die stilistisch einander völlig entgegengesetzt waren. Das erste Stück („Opfergang“ und „Gattenmord“), nach dem Leseeindruck das stärkere, führte zur grausamen Entlarvung des Dichters durch eine an sich vollkommene Aufführung. Eine gute, aber nicht im gleichen Maße perfekte Vorstellung des zweiten Teils („Der Muttermord“) hatte jedoch mildernde Umstände für einen szenisch-theatralisch begabten Autor bewirkt, weil in Hans Bauers Stuttgarter Inszenierung der Stil der Rehbergschen Atriden-Variante richtig erfühlt war. Oh, diese Theater!

Gustaf Gründgens wollte für Rehberg persönlich eintreten und behielt sich die vor Monaten abgebrochene Inszenierung bis zu seiner Genesung vor. Nun gelang ihm etwas so Beglückendes, wenn man nur aufs Theater sieht, daß man sich den ganzen Abend fragte: Warum dies ausgerechnet für Rehberg? Plötzlich nämlich war in Düsseldorf die Ranghöhe des Gründgensschen Staatstheaters noch einmal erreicht worden. Unerschöpflich erschien der Regisseur im Finden von Stützen für seine Darsteller, in der Nuancierung eines Pathos, das „aggressiver“ Gründgens-Stil in Reinkultur war. Seit Calderons „Leben ein Traum“ sind seiner Bühnenbildnerin Herta Boehm nicht mehr so „gewählte“ und doch interpretierende Szenenvisionen gelungen. Elisabeth Flickenschildt war in ihrer unheimlich durchfühlten Ruhe eine Klytaimnestra, daß man ihr förmlich die Rolle von Aischylos in die Hand drücken mochte. Gustav Knuth trompetete mit gelassener Selbstlosigkeit die papierensten Sätze ins Haus; sein königliches Naturell als Agamemnon war weder von Rehbergs Sprachtheatralik noch von den peinlichsten Situationen zu erschüttern. Ullrich Haupt wuchtete schließlich, auf Knien „schreitend“, quer über die ganze Bühne, ohne daß dieser Ausdruck der Selbsterniedrigung komisch empfunden werden konnte... Schwere Charakterspieler, wie Gerhard Geisler (Palastvorsteher) und Peter Esser (Thersites), boten groteske Studien, die faszinierten, wenn man nicht auf ihre Worte hörte. Auch aus schwächeren Kräften hatte die Präzisionsregie ein Maximum an schauspielerischem Charakter herausgeholt. Als Rehberg sich dann aber offen in Parallelsituationen zum „Agamemnon“ des Aischylos begab, da hätte man beim Empfang des Siegers am Löwentor zu Mykene den Palastvorsteher niederschlagen mögen und dachte wehmütig an Klytaimnestras gleißende Rede und Kassandras seherische Warnung, die Rehberg durch eine an Plattheit kaum zu unterbietende Kurzfassung ersetzt hat.

Die wenigen neuen Strukturlinien dieser Atridenvariante sind: Ersatz der von Göttern verhängten Schicksalstragödie durch den Geschlechterkampf zwischen „Mannestum“ und Matriarchat, politische Motivierung der Schwäche Agamemnons bei der Preisgabe der Tochter Iphigenie, psychologische Momente in dem heillosen Durcheinander der Familienbeziehungen. Das ist wenig, aber es ist etwas. Und im „Opfergang“, einer vorzüglichen Exposition, hatte Rehberg ja sogar dramaturgisch die Klaue des Löwen gezeigt. Es ist sein Unglück, daß er die Grenzen der eigenen Begabung nicht kennt. Er erliegt den peinlichsten Entgleisungen. Das Beil, das Aigisth zwischen den Schenkeln seiner schlafenden Klytaimnestra den Offizieren zeigt, ist ebensowenig ein dichterisches Sinnbild für das Grausige, Entsetzensvolle heute wie die tierische Brut, die Klytaimnestra als Frucht der illegitimen Verbindung mit Aigisth „warf“. Sollen diese Früchtchen dann auch noch im „Kinderzimmer“ besichtigt werden, dann kann der Hörer nur wie Agamemnon in schallendes Gelächter ausbrechen. In der Düsseldorfer Premiere wurde nicht gelacht. Sie war ein Aufführungserfolg. Daß auch Rehberg erschien, war allerdings ein Irrtum.

Johannes Jacobi