II. Die Lokomotive und die Zigarettenpackung – Geschichte eines Mannes, der Ideen hat

Von Raymond Loewy

Als Raymond Loewy, der nach Amerika eingewanderte Franzose, auf den Gedanken kam, Formgestalter zu werden – ein nie dagewesener Beruf –, gaben ihm prominente Freunde eine Empfehlung an Mr. Clement, den allmächtigen Chef der Pennsylvania-Eisenbahn-Gesellschaft in Philadelphia. „Ich möchte zeigen, was ich kann“, sagte Raymond Loewy, „am liebsten an einer Lokomotive.“ – „Suchen Sie eine bessere Form zu finden für die – Abfalleimer, die auf unserem Pennsylvania-Bahnhof in New York stellen“, erwiderte Mr. Clement, der sich in der Folgezeit als sein Gönner erwies.

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Auf der Rückfahrt im Zuge von Philadelphia nach New York war ich so aufgeregt, daß ich kaum illsitzen konnte. Daheim angekommen, ging ich gleich zum Pennsylvania-Bahnhof und peilte drei Tage lang die Lage mit den Abfalleimern. Stundenlang beobachtete ich die Reisenden, die Ausleerer, die Passanten bei ihrem Umgang mit denBahnhofsabfallbehältern. Dabei lernte ich eine Menge. Dann setzte ich mich zu Hause an mein Zeichenbrett. Nach ein paar Tagen waren einige Entwürfe reif, und ich reiste wieder nach Philadelphia. Diesmal oekam ich Clement nicht zu sehen, aber irgend jemand fand einen der Entwürfe gut, und ein paar Exemplare wurden ausgeführt. Sie wurden an Brennpunkten des New-Yorker Bahnhofsverkehrs aufgestellt, und ich paßte auf, wie sie sich im Betrieb bewährten. Nach ein paar Tagen wurde ich aufs neue nach Philadelphia beordert und in Clements Büro geschickt. „Was macht der große Abfalleimerspezialist?“, fragte er. – „Mir geht’s gut“, erwiderte ich; „aber wie geht’s den Abfalleimern?“

Darauf machte er es sich in seinem Sessel bequem und hielt mir einen langen Vortrag über die Franzosen, über den Krieg und ein Dutzend andere Themen, nicht zu vergessen über die französische Küche. Von meinen Abfalleimern sagte er keinen Ton. Schließlich wurde meine Spannung unerträglich, und ich fragte noch einmal: „Mr. Clement, wie ist es mit den Abfalleimern?“ – „junger Mann“, sagte er darauf, „bei dieser Eisenbahn unterhalten wir uns nie über Probleme, die schon gelöst sind.“ Er winkte seine Sekretärin heran, nach der er unterdes offenbar geklingelt hatte: „Schicken Sie Hankins mal her und sagen Sie ihm, er soll ein Bild von der Lokomotive mitbringen.“

Schweigen. M. W. Clement lehnte sich in seinem Sessel zurück. Es war wie bei unserer ersten Unterredung. Dann kam Hankins. „Darf ich Sie mit Loewy bekannt machen? Unser Abfalleimerzauberkünstler.