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II. Die Lokomotive und die Zigarettenpackung – Geschichte eines Mannes, der Ideen hat

Von Raymond Loewy

Als Raymond Loewy, der nach Amerika eingewanderte Franzose, auf den Gedanken kam, Formgestalter zu werden – ein nie dagewesener Beruf –, gaben ihm prominente Freunde eine Empfehlung an Mr. Clement, den allmächtigen Chef der Pennsylvania-Eisenbahn-Gesellschaft in Philadelphia. "Ich möchte zeigen, was ich kann", sagte Raymond Loewy, "am liebsten an einer Lokomotive." – "Suchen Sie eine bessere Form zu finden für die – Abfalleimer, die auf unserem Pennsylvania-Bahnhof in New York stellen", erwiderte Mr. Clement, der sich in der Folgezeit als sein Gönner erwies.

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Auf der Rückfahrt im Zuge von Philadelphia nach New York war ich so aufgeregt, daß ich kaum illsitzen konnte. Daheim angekommen, ging ich gleich zum Pennsylvania-Bahnhof und peilte drei Tage lang die Lage mit den Abfalleimern. Stundenlang beobachtete ich die Reisenden, die Ausleerer, die Passanten bei ihrem Umgang mit denBahnhofsabfallbehältern. Dabei lernte ich eine Menge. Dann setzte ich mich zu Hause an mein Zeichenbrett. Nach ein paar Tagen waren einige Entwürfe reif, und ich reiste wieder nach Philadelphia. Diesmal oekam ich Clement nicht zu sehen, aber irgend jemand fand einen der Entwürfe gut, und ein paar Exemplare wurden ausgeführt. Sie wurden an Brennpunkten des New-Yorker Bahnhofsverkehrs aufgestellt, und ich paßte auf, wie sie sich im Betrieb bewährten. Nach ein paar Tagen wurde ich aufs neue nach Philadelphia beordert und in Clements Büro geschickt. "Was macht der große Abfalleimerspezialist?", fragte er. – "Mir geht’s gut", erwiderte ich; "aber wie geht’s den Abfalleimern?"

Darauf machte er es sich in seinem Sessel bequem und hielt mir einen langen Vortrag über die Franzosen, über den Krieg und ein Dutzend andere Themen, nicht zu vergessen über die französische Küche. Von meinen Abfalleimern sagte er keinen Ton. Schließlich wurde meine Spannung unerträglich, und ich fragte noch einmal: "Mr. Clement, wie ist es mit den Abfalleimern?" – "junger Mann", sagte er darauf, "bei dieser Eisenbahn unterhalten wir uns nie über Probleme, die schon gelöst sind." Er winkte seine Sekretärin heran, nach der er unterdes offenbar geklingelt hatte: "Schicken Sie Hankins mal her und sagen Sie ihm, er soll ein Bild von der Lokomotive mitbringen."

Schweigen. M. W. Clement lehnte sich in seinem Sessel zurück. Es war wie bei unserer ersten Unterredung. Dann kam Hankins. "Darf ich Sie mit Loewy bekannt machen? Unser Abfalleimerzauberkünstler.

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Hankins warf mir unter buschigen Augenbrauen einen Blick zu, sagte nichts und tat nichts. Er sah ablehnend und verdrossen aus. "Zeigen Sie ihm mal das Bild!", sagte Clement.

Auf der Photographie, die Hankins zeigte, sah man eine neue gigantische Lokomotive, ein wahres Ungetüm. Ich sah mir das Bild genau an und versuchte, trotz meiner Erregung ruhig zu scheinen. Dann erklärte mir Clement: "Das ist eine gute Lokomotive. Wir haben versuchsweise erst einmal eine gebaut. Wir werden noch mehr davon bauen. Gefällt Ihnen daran etwas nicht?"

Mir gefiel manches nicht, aber ich mochte nicht mit der Sprache heraus. Schließlich konnte ich sie in Gegenwart des Mannes, der sie vermutlich konstruiert hatte, nicht zu scharf kritisieren. Aber gut sah sie wirklich nicht aus. Sie war nicht wie aus einem Guß. Teile, die zusammengehörten, schienen nicht aufeinander abgestimmt. Ihr Stahlgehäuse war ein Flickwerk aus zusammengenieteten Einzelteilen. Sie wirkte unfertig und plump.

"Sie sieht kraftvoll und handfest aus", sagte ich. "Aber ich glaube, sie läßt sich noch verbessern. Ich würde mir dies Photo gern mal für ein paar Tage ausborgen."

"Kann er’s haben?", fragte Clement. Hankins nickte widerstrebend. "Machen Sie sich dran, Loewy!", ermunterte mich Mr. Clement, "keine Hemmungen!"

Als ich ging, war ich wie betäubt. Während der Fahrt nach New York zurück hatte ich die Aufnahme der Maschine schon genau studiert. Zuerst dachte ich an Vereinfachung. Ich wollte diesen Männern beweisen, daß ich kein langhaariger Künstler war, der eine 6000-PS-Lokomotive "fein" zu machen versucht, sondern ein wirklichkeitsnaher Gestalter mit Sinn für Zweckmäßigkeit. Als erstes würde ich vorschlagen, das Gehäuse zu schweißen, statt zu nieten. Damit sparte man Zehntausende von Nieten, vereinfachte das Aussehen und senkte die Herstellungskosten. Meine Mitarbeiter und ich stellten den Entwurf fertig, machten eine großartige Zeichnung mit Sturmwind und allem; ich fuhr nach Philadelphia, und dann kam die große Sitzung mit Clement und Hankins.

Der Entwurf erregte Sensation und – Entsetzen. Eine geschweißte Lokomotive? Was für eine Schnapsidee! Der denkt wohl, er entwirft Automobile? Wirklich, Nerven haben manche Leute! Ich legte die Ohren an und hoffte, daß ich den Orkan überstehen würde. Die Sitzung war kurz, und ich kehrte nach New York zurück, ohne zu wissen, was los war. Lange keine Nachricht. Ich reiste noch einmal nach Philadelphia. Ohne Resultat. Ich fuhr wieder hin, immer noch nichts. Niedergeschlagen ging ich in die Konstruktionsabteilung, um einem technischen Zeichner guten Tag zu sagen, der mir bei meinem Entwurf geholfen hatte. Ich war wie vom Blitz getroffen. Was erblickte ich auf dem Reißbrett? –

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Eine Werkzeichnung zu meiner Lokomotive!

Fred Hankins kam auf mich zu. "Wir werden Ihren Entwurf in voller Größe ausführen. In ein paar Wochen nehme ich Sie gern mal mit nach Wilmington, dann sehen wir uns das Modell zusammen an. Immer mit der Ruhe, Loewy!" Aber ruhig beiben, das überstieg jetzt meine Kräfte.

Wir fuhren nach Wilmington zur Werkstatt. Die Lokomotive, dreißig Meter lang, war herrlich. Allen Arbeitern gefiel sie, was immer ein gutes Zeichen ist, und auch ich fand wenig zu kritisieren, obwohl ich mir alle Mühe gab. Nur an Einzelheiten war noch etwas zu korrigieren. Hier eine Krümmung, da ein falscher Reflex, da eine Fensterecke, ein eingelassener Handgriff und so weiter. Ich hatte Isolierband und bunte Kreide mitgebracht.

"Ich hätte noch ein paar Anregungen", sagte ich zu Hankins. "Es wäre das beste, wenn ich sie hier gleich am Modell zeigen könnte, statt auf der Zeichnung. Macht es Ihnen was aus, wenn ich gleich an die Arbeit gehe?" – "Machen Sie nur!"

Ich zog die Jacke aus, nahm ein paar hohe Leitern zu Hilfe und brachte meine Änderungen an. Die Arbeiter beobachteten mich, wie ich da oben auf dem Modell hockte, Klebeband anbrachte, Kreidestriche zog und Anweisungen auf das Gehäuse schrieb. Die Änderungen waren offensichtlich Verbesserungen, und alle begriffen, daß ich wußte, was ich tat.

Im Laufe der Zeit wurden 75 solcher Lokomotiven mit einem Kostenaufwand von 18 Millionen Dollar gebaut. Nach Jahren stellte sich heraus, daß man durch das Schweißen Millionen Dollar gespart hatte. Außerdem war die Instandsetzung der Maschinen durch das Fehlen der Nieten und die glattere Oberfläche wesentlich erleichtert worden. Die Schweißtechnik für Lokomotiven hat sich inzwischen allgemein durchgesetzt.

Allmählich wurde ich als Formgestalter fast täglich zu Beratungen bei irgendeinem neuen Problem herangezogen. Wieweit sich das erstreckte, war nicht jedesmal vorauszusehen, aber interessant war es immer. Es konnte alles Mögliche sein: die Farbe eines Fährdampfers, die Aufmachung einer Menükarte, ein neuer Signalturm, eine Brücke über den Potomac, eine Kaffeetasse oder der Entwurf für ein Bronzetablett als Geschenk für einen leitenden Angestellten, der in den Ruhestand ging.

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Immer versuchten wir, Phantasie mit Zweckmäßigkeit zu verbinden. Zu unseren interessantesten Gestaltungsaufträgen gehörte die Stadtplanung einzelner Gebiete einer großen Metropole an der Ostküste und die Ausstattung ganzer Expreßzüge, wie des "Spirit of St. Louis", des "Admiral" oder des "Broadway Limited". Selbst die Zahnstocherbehälter haben meine Mitarbeiter und ich entworfen.

An einem Herbsttag im Jahre 1940 kam ein gut angezogener, stämmiger, gesund aussehender Herr mittleren Alters unangemeldet in unser Büro. Sein Chauffeur kam mit. "Ich heiße Hill", sagte er. "Ich möchte Mr. Loewy sprechen."

Miß Peters, meine Sekretärin, führte ihn herein. Er trat, ohne ein Wort zu sagen, ein, sah mich prüfend an und sagte: "Ich bin George Washington Hill. Ich habe mit Ihnen zu sprechen." Darauf zog er sich in aller Ruhe sein Tweedjackett aus, wobei ein Paar großartig bestickte Hosenträger zum Vorschein kamen. Zu meiner Sekretärin gewandt, sagte er: "Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich den Hut aufbehalte?" Helen Peters lächelte ihn süß an. Ich aber starrte fasziniert auf den Filzhut, ein verwittertes Etwas, in dessen Krempe Angelhaken zum Forellenfangen und künstliche Fliegen staken.

"Mein Freund Albert Lasker hat mir erzählt", sagte er, "daß Ihnen die Lucky-Strike-Packung nicht gefällt. Sie meinen also, daß Sie eine bessere entwerfen könnten." – "Das kann ich. Wetten wir?" – "Um wieviel?" – "Fünfzigtausend Dollar!"

Einen Augenblick besah er sich schweigend durch die Glastüren die Blumen auf der Terrasse. Dann nahm er einen Notizblock vom Schreibtisch, notierte etwas mit Bleistift und schob den Zettel vor mich hin. Auf ihm stand: "14. März 1940: Lucky-Strike-Packung, Vorschuß 20 000 Dollar. Bei Annahme der Arbeit 30 000 Dollar dazu. G. W. H."

"Was sagen Sie nun?" – "Ausgezeichnet, Mr. Hill, und besten Dank!

Er stand auf, zog sein Jackett wieder an, ging langsam auf die Tür zu, verbeugte sich vor Helen Peters und wandte sich noch einmal nach mir um. "Wann sind Sie fertig?"

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"Oh, das weiß ich noch nicht. Irgendwann an einem schönen Frühlingsmorgen werde ich in der Stimmung sein, eine Zigarettenpackung zu entwersen. Ich rufe Sie an." – Wir gaben uns die Hand, und George Washington Hill verschwand mit seinem Chauffeur.

Gegen Abend kam der Chauffeur mit einem kleinen Päckchen zurück. Es enthielt eine Stange Luckys und Washington Hills Karte mit ein paar Worten: "Legen Sie sich das unter Ihr Kopfkissen und träumen Sie schön. G. W. H."

Eines Tages im April hatte ich Lust, mich der Sache anzunehmen. Ich machte ein paar Entwürfe. Sie gefielen mir, und dann stellten wir ein paar Probepackungen her. Ich rief Hill an, und er sagte: "Warten Sie, ich komme gleich!"

Er zog sich das Jackett aus und sah sich die Muster genau an – ich hatte die Wette gewonnen. Er hatte allerdings auch noch ein paar Ideen, die er ausprobieren wollte. Ich ließ buntes Papier, Feder, Tusche, Pinsel, Schere und Leim kommen und breitete es vor ihm aus. Er fing gleich an, Papierstreifen, rote Kreise, goldene und grüne Bänder auszuschneiden und probierte damit alle möglichen Kombinationen durch. Stundenlang dauerte das, und er sagte kein Wort dabei. Mr. Hill war offensichtlich glücklich damit. Ich ließ ihn in Ruhe, arbeitete an meinem Schreibtisch weiter und diktierte zwischendurch meiner Sekretärin.

Endlich richtete er sich auf, sah sich seine Arbeit nachdenklich an und schob dann den ganzen Kram beiseite. "Die Sache geht in Ordnung, Loewy. Sie haben den Auftrag." Dann ging er – zufrieden und mit aller Welt versöhnt.

Auch heute vermag ich noch nicht zu glauben, was ich seitdem alles über Hill, diese legendäre Figur, seine angebliche Rücksichtslosigkeit, Gewalttätigkeit und geschäftliche Brutalität gelesen habe. Ich habe Hill als freundlichen Herrn mit überragender Intelligenz und Phantasie in Erinnerung. Einen Mann mit Empfindsamkeit, Feinheit und "savoir-faire". Ich weiß, wie unbeliebt ich mich mit dieser Feststellung bei sehr vielen Leuten mache, aber ich bleibe dabei.

Wer von Verkaufspsychologie und Verpackungsentwürfen wenig Ahnung hat, braucht einige Erläuterungen zu dem Lucky-Strike-Problem. Es hat sich bei vielen Gelegenheiten gezeigt, daß es sehr riskant ist, das Aussehen einer eingeführten Ware abzuändern, deren Anblick dem Käufer längst vertraut ist. Wenn man es richtig macht, ist der Erfolg sofort da und von Dauer. Die Ware gewinnt Leben und wirkt wie neu. Aber um das zu erreichen, darf man auf keinen Fall das Erkennungsbild der Packung zerstören, das man der Öffentlichkeit wie im Fall Lucky Strike mit einem Kostenaufwand von mehreren hundert Millionen Dollar eingehämmert hat. Jeder Fehler kann sich hier verheerend auswirken. Außerdem darf man die Packung nur schrittweise abändern. Zwei oder mehr Zwischenstufen sind ratsam, bevor die endgültige Lösung erreicht ist.

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In diesem Falle haben wir einige Verbesserungen erzielt. Bei der ursprünglichen Form erschien der berühmte rote Kreis – die Zielscheibe – nur auf der einen Seite der Packung. Die andere Seite war für den Herstellervermerk, die Wiedergabe amtlicher Vorschriften, Seriennummern und Angaben, die niemanden interessieren – bestimmt. Diesen ganzen Text verbannte ich auf die Schmalseiten der Packung, so daß auf der Rückseite Platz für eine zweite rote Zielscheibe blieb. So ist auf jeder Packung, die flach auf dem Tisch liegt oder auch weggeworfen wird, unweigerlich der Markenname zu erkennen.

Seit das neue Muster entworfen wurde, sind über 50 Milliarden Packungen verkauft worden. Das Lucky-Strike-Zeichen ist also ohne zusätzliche Werbekosten 25milliardenmal zusätzlich gezeigt worden. Außerdem sieht die Lucky-Strike-Packung, die früher dunkelgrün war, dank des untadeligen Weiß nicht nur sauber aus, sie ist es auch. Sie vermittelt ganz automatisch den Eindruck von Frische des Inhalts und peinlich sauberer Herstellung. Die Verkaufsergebnisse bestätigten die Richtigkeit unserer Überlegungen.

Ich sehe den Tag schon kommen, an dem alle Arten von wohlbekannten Packungen zeitweilig einen Auffrischungsprozeß durchmachen werden, zum Vorteil für Hersteller und Verbraucher. Und nicht zuletzt für die Formgestalter.

Meine Arbeit hat mir im Laufe der Jahre einige erwartete, aber erfreuliche Anerkennungen eingetragen. Die British Royal Society of Arts ernannte mich zum Fellow und verlieh mir den Titel Royal Designer to Industry (königlicher Industriegestalter). 1941 wurde ich vom amerikanischen Justizministerium ausersehen, in einer "Von-Küste-zu Küste"-Sendung als Sprecher der naturalisierten Amerikaner eine Rundfunkansprache zu halten, in der ich folgendermaßen vorgestellt wurde: "Das Justizministerium der Vereinigten Staaten verbreitet eine Rundfunksendung für alle Amerikaner. Als Sprecher haben wir einen Mann zu Gast, der den heutigen amerikanischen Lebensstil wesentlich beeinflußt hat, Raymond Loewy, den Formgestalter."

Ich hatte versucht, ein guter Amerikaner zu sein und meinen bescheidenen Anteil zu der Größe dieses Landes beizusteuern. Nun sah ich, der Versuch war nicht umsonst gewesen. In rascher Folge wurde ich Mitglied des Beratenden Ausschusses der New-Yorker Unterrichtsbehörde, Mitglied der Gesellschaft für die Gestaltung industrieller Zweckformen und später auch ihr Präsident. Am Tage des Einmarsches der amerikanischen Truppen in Paris erwies mir das amerikanische State Department die Ehre, mich am Rundfunk als amerikanischen Bürger in der Sprache meiner alten Heimat zu den Franzosen sprechen zu lassen. Ich wurde auch – eine Seltenheit für einen naturalisierten Amerikaner – vom Präsidenten der Vereinigten Staaten in Privataudienz empfangen. Tatsächlich habe ich auch während des Krieges nicht aufgehört, als Formgestalter zu arbeiten.

Nur nicht ohne Lippenstift!

Die Produktion für den zivilen Bedarf mußte ja trotz aller Engpässe – Mangel an Arbeitskräften, an Rohstoffen und selbst an Maschinen – weiterlaufen. Gestaltungsmodelle anzufertigen, ohne daß man Stahl, Kupfer, Zinn, Zink oder Blei zur Verfügung hatte, war kein Pappenstiel. Ebensowenig war es eine leichte Aufgabe, ihnen ein anständiges Aussehen zu geben, ohne daß man Lack, Anstrichfarbe oder Firnis verwenden konnte. Selbst Modellierton stand lange auf der Bewirtschaftungsliste, und was sonst übrigblieb, war herzlich wenig.

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Man nehme zum Beispiel die lächerlichen Hülsen für Lippenstifte! Auf den ersten Blick schien das eine recht nebensächliche Angelegenheit. In Wirklichkeit aber waren sie für die Stimmung der Bevölkerung keineswegs unwichtig. Ohne Lippenstift wären die amerikanischen Frauen dem Pessimismus und düsteren Stimmungen bestimmt leichter anheimgefallen. Wir gingen also ans Werk. Nach tageund nächtelangen Experimenten stellten wir schließlich nicht nur eine einfache Lippenstifthülse, sondern sogar eine mit Federverschluß her, ohne irgendwelches Metall zu verwenden. Sie funktionierte bestens, und der Fabrikant verkaufte während des Krieges mehrere hundert Millionen.

Schon 1942 aber wurde klar, daß die Industrie Vorkehrungen treffen mußte, für die G.I.’s nach dem Kriege ebenso rasch wieder Arbeitsplätze zu schaffen, wie sie von den Streitkräften entlassen wurden. Außerdem mußte die Wirtschaft schon jetzt daran denken, wie nach dem Kriege die gefährliche Lücke zwischen der auslaufenden Rüstungsproduktion und der vollständigen Umstellung auf den zivilen Bedarf überbrückt werden konnte. Als der Krieg zu Ende war, hatten wir es beispielsweise geschafft, für Studebaker die Entwicklung einer neuen Karosserie so weit voranzutreiben, daß die Werkzeugschlosser und Stanzer sofort arbeiten konnten. Meine Gestalter und Zeichner, die das fertiggebracht hatten, waren entweder längst über die Altersgrenze hinaus und ergraute Familienväter oder Körperbehinderte. Die Arbeit wurde ohne Verwendung "kritischer Rohstoffe" und natürlich ohne Ahnung davon geleistet, was für Automobilformen nach dem Kriege modern sein würden. Wir vertrauten unserem eigenen Urteil und hatten Glück. Wir tippten richtig. Studebaker brachte sein neues Nachkriegsmodell ein ganzes Jahr eher als die Konkurrenz heraus.

1951 machte ich einen Besuch in Deutschland bei den Rosenthal-Porzellanwerken. Und das kam so:

Jimmy Dunbar aus Chikago hatte den Einfall, Silberzeug von Tür zu Tür verkaufen zu lassen. Natürlich wird das in einer sehr vornehmen Art getan, durch Damen oder Verkäufer, die ihre Kunden nur nach vorheriger Anmeldung besuchen. Als nächstes beschloß Dunbar, auch Tafelporzellan auf die gleiche Art zu verkaufen, und so kamen mein Mitarbeiter und ich ins Geschäft. Für Dunbars Firma Easterling haben wir vier Formen entworfen; hergestellt wurde das Porzellan bei Rosenthal in Selb. Sicherlich machte das Aussehen des in Amerika entworfenen Porzellans Rosenthal zunächst neugierig, als es durch seine deutschen Fabriken ging, denn es sah gewiß nicht so aus wie das Porzellan, das seit Jahrhunderten in altvertrauten Größen, Formen und Mustern hergestellt wurde.

Philip Rosenthal kam nach Amerika. Er wollte selbst sehen, wie das Easterling-Tafelgeschirr einschlug. Er verpflichtete mich vertraglich, eine ganze Serie Porzellangeschirr zu gestalten, das jene Amerikaner anspräche, die nicht unbedingt Kenner der Stilformen europäischen Tafelporzellans sind. Eins war dabei sicher: die Amerikaner verlangten die gleiche handwerkliche Qualität und die Feinheit, die seit jeher am guten deutschen Porzellan geschätzt wird. Aber in bezug auf Formen und Muster hat in den Vereinigten Staaten so etwas wie eine Revolution stattgefunden. Der Geschmack des amerikanischen Kunden ist sicherer geworden.

Im Februar 1951 kam Philip Rosenthal also nach Amerika, um mit mir zu verhandeln, wie er und Jimmy Dunbar offenbar schon einige Jahre vorher verhandelt hatten. Diesmal zogen wir eine Drei-Firmen-Gemeinschaft auf – Raymond Loewy Ass. als Gestalter; Rosenthal-Porzellan als Hersteller; Joseph I. Block als Vertriebsgesellschaft. Im April 1953 wurde das Continental-Porzellan – so heißt das amerikanische Rosenthal-Porzellan – auf den Markt gebracht; zwei völlig neue Formen und achtzehn Muster, alle in Weiß mit Silber- oder Golddekor. 28 bedeutende Warenhausgesellschaften in den Vereinigten Staaten übernahmen das Continental-Porzellan. Fraglos hat sich Rosenthal damit den amerikanischen Markt erschlossen. Bei der Entwicklung des neuen Porzellans enthielten sich unsere Gestalter konsequent aller abseitigen oder theatralisch wirkenden Formen. Ausgefallene, eigenwillige Formen veralten. Continental-Porzellan ist ausgewogen in der Gestaltung, klassisch in den Proportionen und zeitnahe im Stil.

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Über Formgestaltung in der Industrie liegen erst wenige Bücher vor, wahrscheinlich weil die Sache so neu ist. An erster Stelle ist hier Lewis Mumfords ausgezeichnetes Werk "Technik und Zivilisation" zu nennen. Es behandelt das Thema mit solcher Gründlichkeit, daß für andere Autoren kaum noch Stoff übriggeblieben ist. Dieses Buch empfehle ich gewöhnlich Adepten der Formgestaltung, die sich etwas Hintergrundmaterial verschaffen wollen. Es kann ihnen sehr nützlich sein.

Auch Farben sind ein bedeutender Gestaltungsfaktor und vorteilhaft anwendbar. Einige wirken abstoßend: Purpurrot, Lila, Schwefelgelb oder bestimmte Töne von Grün. Andere dagegen fördern – und das ist kein Witz – beispielsweise die Verdauung. Ein Forscher hat an Tausenden von Meerschweinchen, die das gleiche Futter erhielten, untersucht, in welchem Maße die Nahrung assimiliert wurde, wenn die Tiere in verschiedenen Käfigen saßen. Dabei stellte sich heraus, daß bestimmte Farben, vor allem rote Töne, die Verdauung praktisch ganz aufhören ließen, während andere den Assimilationsvorgang wesentlich beschleunigten.

Die Vorliebe für bestimmte Farben ist von Gegend zu Gegend verschieden. Cremefarbene Automobile verkaufen sich besser in Miami, Los Angeles und Dallas als in Pittsburgh, Philadelphia und Chikago.

Und die Bilanz?

Beim Handelsverkehr mit überseeischen Ländern können gerade in dieser Beziehung böse Schnitzer passieren und den Fabrikanten erhebliches Lehrgeld kosten. Am bekanntesten ist der Fall einer großen Firma, die Hunderttausende von Haarbürsten mit weißen Griffen nach China schickte. Die Bürsten waren absolut unverkäuflich, denn Weiß ist in China die Farbe der Trauer ...

Im September 1949 waren dreißig Jahre seit meiner Ankunft in Amerika vergangen. Wie sieht die Bilanz aus? Habe ich meine gute Tat getan? Bei einer Untersuchung hat sich kürzlich herausgestellt, daß die nach den Gestaltungsgrundsätzen von Raymond Loewy Ass. hergestellten Industrieerzeugnisse einen Wert von drei Milliarden Dollar im Jahr erreichen. In dieser Summe steckt nicht nur das Vertrauen, das die amerikanische Industrie in uns setzt; sie bedeutet auch eine soziale Verantwortung.

All unsere Kraft, unsere Intelligenz und unsere Begabung ordnen wir einem lebenswichtigen Ziel unter, der Kostensenkung bei Industrieerzeugnissen. Damit erreichen wir zweierlei: Ankurbelung der Beschäftigung und zunehmende Versorgung der weniger bemittelten Menschen mit lebensnotwendigen Dingen.

Das ist Demokratie der Tat. Amerika hat mich mit so viel Anstand und Gerechtigkeit behandelt, daß ich versuchen will, meinen bescheidenen Beitrag an Einsicht und Dankbarkeit so gut wie nur möglich zu leisten. Samuel Gompers hat einmal gesagt: "Mit Verlust zu arbeiten, ist das größte Unrecht, das der Unternehmer seinen Arbeitern zufügen kann." Ich will darauf bedacht sein, daß unsere Kunden nicht in Schulden geraten...