Von Ernst Krüger

Wenn die New Yorker am 3. November ihren neuen Oberbürgermeister wählen, dann spielt bei der Entscheidung, ob sie ihre Stimme dem Demokraten Wagner, dem Republikaner Riegelman oder dem Liberalen Halley geben sollen, ein Mann eine Rolle, der seit sechs Jahren in Sing Sing sitzt. Dieser Mann ist Joseph Fay, der, bevor er wegen Verschwörung und Erpressung zu 8 1/2 bis 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, einer der Vizepräsidenten der Internationalen Gewerkschaft der Bauingenieure und Bautechniker war. "Joe", wie er von seinen Freunden genannt wird, hat in diesem Wahlkampf die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit weit mehr auf sich gezogen, als alle in Freiheit befindlichen Gewerkschaftsführer der Vereinigten Staaten zusammen.

Und das kam so: Während des Wahlkampfes Sam ein Reporter auf den Gedanken, bei der Gefängnisverwaltung in die Liste der Besucher Fays Einsicht zu nehmen. Dabei stellte es sich heraus, daß sich unter den Besuchern der stellvertretende Gouverneur und Führer der Republikaner im Senat, Wieks, der frühere Richter am Obersten Gericht, Bleakley, und viele andere Politiker und Gewerkschaftsführer, vornehmlich aus den Reihen der Republikaner, befanden. Diese Feststellung löste einen politischen Sturm aus. Kaum hatte Gouverneur Dewey erklärt, er werde die Angelegenheit seines Stellvertreters Wide dem Senat unterbreiten, erfuhr die Öffentlichkeit, daß dem Begnadigungsausschuß von vielen Politikern und Gewerkschaftsführern Gesuche um Freilassung Fays zugegangen seien. Unter diesen Gesuchen befand sich auch ein Schreiben des republikanischen Kandidaten für den Posten des Gouverneurs des Staates New Jersey, Troast, in dem dieser ausführte, er habe Fay "jederzeit bereit und in der Lage gefunden, seine außerordentlichen Fähigkeiten einzusetzen, wenn es sich darum handelte, die Arbeiten an Bauvorhaben nicht durch Streiks unterbrechen zu lassen".

Für diese "Fähigkeit" war der Gewerkschaftsführer Fay seit langem bekannt. Sie brachte ihm viele Jahre hindurch einen reichen Dollarsegen, bis das Glück ihn im Jahre 1943 verließ. Damals stellte nämlich der Staatsanwalt fest, daß Fays System, Bauunternehmern eine Streikversicherung gegen Zahlung einer Prämie in Höhe von zwei bis drei Prozent der Auftragssumme zu geben, reine Erpressung war. Fay wurde verurteilt, weil er zusammen mit einem anderen Vizepräsidenten der Gewerkschaft von neun Baukonzernen, die an dem Bau des Delaware Aquädukts und Wasserreservoirs beteiligt waren, nicht weniger als 725 000 Dollar "Streikversicherungsprämien" erpreßt hatte.

In Sing Sing wurde er bald der am meisten besuchte Gefangene. Hunderte von Bauunternehmern, einschließlich derjenigen, die als Zeugen in der Gerichtsverhandlung gegen ihn ausgesagt hatten, vereinigten sich mit hohen Beamten und obersten Führern der gewerkschaftlichen Dachorganisation AFL, um für Fay einen Gnadenerlaß zu erwirken. Das Phänomen, daß ein Mann, der seit sechs Jahren im Gefängnis sitzt, dennoch einen beherrschenden Einfluß in seinem früheren Arbeitsgebiet hat, ist nach Ansicht der Mitglieder des Komitees zur Bekämpfung von Verbrechen nur dadurch zu erklären, daß Männer, die Fay viel zu verdanken haben, auch heute noch in Schlüsselpositionen des New Yorker Baugewerbes sitzen.

Die unfreiwillige "Publicity" hat Joe nur Nachteile eingebracht. Gouverneur Dewey veranlaßte seine Verlegung von Sing Sing in die abgelegene Strafanstalt in Dannemora, wo er für seine Freunde nicht mehr so leicht zu erreichen ist. Dort muß Joe nun abwarten, ob seine republikanischen Freunde, oder aber die Demokraten oder die Liberalen siegen, die ihn sehr zu seinem Leidwesen in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes gestellt haben.