Von abends acht bis eine Stunde nach Mitternacht dauerte in Kiel der heiße Kampf. Über tausend Zuhörer, viele Studenten, aber auch viele Kieler Bürger füllten den Speiseraum der Mensa in der Neuen Universität und standen nicht auf, bevor der umsichtige und noble Schiedsrichter das Wortgefecht für diesmal mit den Worten beendete: „Zweierlei hat den heutigen Abend erfreulich gemacht. Das eine: daß tausend Menschen ihre Aufmerksamkeit fünf Stunden einem wissenschaftlichen Problem gewidmet haben, das weder industriell auszuwerten noch politisch auszumünzen ist. Das andere: daß Pastor Spanuth mit seiner Atlantis-Hypothese den Wissenschaftlern von zwölf Disziplinen Gelegenheit gegeben hat, die Methoden ihrer Arbeit an einer konkreten Frage zu erproben und die Ergebnisse öffentlich bekanntzumachen. Dafür müssen wir ihm danken – auch wenn wir ihm nicht folgen können.“

Was geschehen konnte, um dem Pastor von Bordelum den ungleichen Kampf – einer gegen zwölf, ein Außenseiter gegen zwölf Fachleute, ein Begeisterter gegen zwölf Skeptiker, eine Lebensarbeit gegen zwölf Fußnoten – zu erleichtern, war geschehen. Seine These, daß Platons Atlantisburg auf dem jetzigen „Steingrund“ bei Helgoland gelegen habe, fand nicht einen Freund. Aber ihm selbst, Jürgen Spanuth, Forscher aus Leidenschaft, erwiesen alle zwölf (oder doch fast alle) den Respekt, der auch dem Irrenden gebührt, solange er keine anderen Absichten hat als die, einer Frage auf den Grund zu gehen. „Mit Platon war ich befreundet“ sagte Aristoteles, „mit der Wahrheit bin ich noch mehr befreundet.“ Das war die Basis, von der aus die zwölf Gegner Spanuths sprachen. Es wird auch seine Basis bleiben müssen. Die fünf Stunden in der Mensa waren die kritischen Stunden für ihn. Kann er die Gegengründe der zwölf nicht entkräften, so muß er von der Hoffnung vieler Jahre redlichen Abschied nehmen.

Seine Situation ist fast tragisch. Er müßte können, was heute kein einzelner mehr kann: er müßte auf der Höhe von zwölf verschiedenen Wissenschaften sein, die alle von seiner Hypothese berührt werden. Die Hypothese vom Nordsee-Atlantis ist ein brillanter Einfall gewesen, und Spanuth hat sie durch eine Kette scharfsinniger und geistreicher Kombinationen in seinem nun schon berühmten Buch „Das enträtselte Atlantis“ für viele (darunter auch den Verfasser dieser Zeilen, vgl. Nr. 14 und 43 der ZEIT) einleuchtend zu machen gewußt. Aber eine plausible Vermutung ist noch kein stichhaltiger Beweis. Sie muß geprüft werden – und das kann wiederum bei einer so komplizierten Kette kein einzelner. Darum war es Spanuths große Chance, daß Kieler Professoren aus allen „einschlägigen“ Fächern die Prüfung unternahmen. Diese Prüfung hätte (vom Willen der Prüfenden her) gut für Spanuth ausgehen können, ja, mehr als einer der Examinatoren hätte ihm das gern gegönnt. Aber sie ging schlecht aus. Spanuths Beweiskette hat – wir werden es gleich sehen – zwölf Glieder. Jedes Glied wurde einzeln geprüft. Das Ergebnis war 0 : 12 gegen seine Atlantistheorie.

Zunächst der „Steingrund“, jene Untiefe bei Helgoland, auf der Spanuth diesen Sommer Ringwälle der Atlantisburg entdeckt zu haben glaubte. Der Hamburger Ozeanograph Bohrende hatte fast gleichzeitig (es war ein Zufall) den Steingrund vermessen lassen: die Echogramme zeigen keinen Ringwall, sondern eine flache Abdachung wie bei allen Untiefen der Nordsee. Spanuths Taucher förderten zwar Steine zu Tage, an denen der Bordelumer Pastor Bearbeitung oder doch Transport durch Menschen zu erkennen meinte. Die Kieler Geologen Wetzel und Gripp jedoch legten ganz gleichgeformte Steine aus einem frischen Steinbruch in Nordjütland vor und demonstrierten, daß die „Atlantis-Steine“ (die sie bereits bei Spanuth in Bordelum gesehen hatten) schon seit der Eiszeit auf dem Steingrund liegen, von Gletschern dorthin transportiert. Es bleibt die Frage: Könnte bis 1200 v. Chr. die Atlantisburg dort gelegen haben, wo Spanuth sie vermutet? Der Kieler Geograph Schott verwies darauf, daß der Steingrund schon um das Jahr 2000 v.Chr. so tief unter dem Meeresspiegel gelegen hat wie heute. Der Steingrund scheidet also als Platz der Atlantisburg aus. Gab es aber überhaupt im Nordseeraum Steinburgen zu jener Zeit, der Bronzezeit? Der Kieler Historiker Jankuhn antwortete: alle Bauten im nordischen Raum waren noch bis weit in die Eisenzeit aus Holz.

Aber Burg oder nicht Burg – Spanuth glaubt andere gewichtige Anhaltspunkte für die nordische Lage von Atlantis zu haben, dessen Bewohner er mit den eben um 1200 v. Chr. von Pharao Ramses III. geschlagenen und auf den Reliefs seines Tempels in Medinet Habu abgebildeten „Nord- und Seevölkern“ gleichsetzt. Dort sehen wir Ochsenwagen, Krieger mit Griffzungenschwertern, Rundschildern und Hörnerhelmen, Segelschiffe. Nichts davon, so zeigte der Kieler Prähistoriker Schwarmes, weist auf Schleswig-Holstein. Schwerter und Schilder sind mitteleuropäisch, die Hörnerhelme und die Segelschiffe mittelmeerisch. Und die Ochsen, so ergänzte der Kieler Zoologe Kagelmann, sind Buckelrinder, vom Zebu abstammend und nur im Orient als Zugtiere bekannt. Die von Ramses III. Geschlagenen können nicht aus dem nordischen Raum gekommen sein. Das wichtigste Bindeglied Spanuths hält nicht, was es versprach.

Ägypten ist aber aus zwei Gründen für Spanuths Hypothese entscheidend: außer durch die Reliefs und Inschriften von Medinet Habu durch den Umstand, daß der Sprecher in Platons Dialogen „Timaios“ und „Kritias“ seinen Bericht von Atlantis auf ägyptische Priester zurückführt, die Solon vom Atlantervolk und seinen Kriegszügen erzählt haben sollen. Hier kommt die Ägyptologie ins Spiel. Ihr Vertreter, der Hamburger Professor Otto, hielt Spanuth nun aber vor, daß die Inschriften keinerlei Schluß auf die Herkunft der „Nordvölker“ (Norden von Ägypten aus, also „vom anderen Ufer des Mittelmeeres her einfallend“) zuließen, daß der Name Atlantis auf ihnen nicht vorkommt – und auch, daß die Ägypter schon seit 3000 v.Chr. nach Jahren rechneten, nicht nach Monaten. Da es nun bei Platon heißt, die Atlanter seien „vor 8000 Jahren“ ins Mittelmeergebiet eingefallen, kommt für Spanuth alles darauf an, daß die Zeit der Schlacht Ramses III. (1200 v. Chr.) und die des Atlantis-Berichtes übereinstimmen. Mit „8000 Monaten“ käme man ungefähr auf 1200 v. Chr. – aber leider entspricht das nicht der ägyptischen Zeitrechnung, und so gibt es keine haltbare Brücke zwischen Medinet Habu und Platons Erzählung.

Stück für Stück sind so die Angaben dieser Erzählung von der historischen Wirklichkeit abgerückt. Weder können Platons „Atlanter“ die „Nordvölker“ Ramses III. gewesen sein, noch kamen diese von der Nordsee, noch ist hier eine Königsburg gewesen – was bleibt von Atlantis? Der Kieler Piatonforscher Diller gab die Antwort: Atlantis muß als freie Erfindung Platons aufgefaßt werden, der selber nichts Historisches hat mitteilen, sondern ein Gleichnis für die Unbesiegbarkeit des idealen Staates hat geben wollen. Ganz abgesehen davon, daß bei Platon Atlantis nicht vor, sondern nach dem großen Kriegszug der Atlanter zerstört wird.