Als verführte junge Menschen aus Westdeutschland von einem bolschewistischen Jugendtreffen in Ostberlin zurückkamen und ihnen an der Zonengrenze das kommunistische Propagandamaterial von der Bundespolizei abgenommen wurde, begann in der Sowjetzone ein wüstes Geschrei gegen die „westdeutschen Barbaren“. Bertolt Brecht witterte ein Geschäft, setzte sich hin und dichtete, genau wie im tausendjährigen Reich der beflissene Anacker stets die politischen Großtaten des eben vergangenen Tages in flammende Verse bannte; nur daß man – leider – Bertolt Brecht nicht nachsagen kann, er sei so talentlos, daß er es nötig hätte, so billigen Erfolgen nachzujagen. Sodann rief Brecht seinen Freund Paul Dessau, gab ihm das Manuskript, und Dessau komponierte. Das Ganze nannte man „Herrnburger Bericht“, ein Chorwerk von Bertolt Brecht und Paul Dessau. Im Auszug sei dieses „Werk“ von Künstlern, die bei ihrem Anspruch, auch bei uns gehört zu werden, dem Westen Mangel an Toleranz vorwerfen, hier wiedergegeben. W. N.

Sie kamen vom Friedenstreffen

in ihrer Hauptstadt Berlin,

zehntausend, und sie wollten

wieder nach Hause ziehn.

Zu Herrnburg hinterm Schlagbaum

beginnt der Bonner Staat;

Bluthunde streichen schnuppernd

um Fallgrub’ und Stacheldraht.

Die Bonner Polizisten

sie halten Kind und Kind,

sie wollen kontrollieren,

ob sie nicht verpestet sind.

Auf daß sie nicht anstecken

das ganze deutsche Land

mit einer großen Seuche,

Friede genannt.

Polizist:

Was gab es denn zu schauen,

was ihr daheim nicht seht?

Jugend:

Junge Männer und junge Frauen

von der Arbeiter- und Bauernfakultät.

Polizist:

Was hatten sie zu zeigen,

was ihr daheim vermißt?

Jugend:

Neue Werke, die volkseigen

und darinnen Werkstudent und Aktivist,

usw. usw.

Großer Chorrefrain:

Erzählt den Brüdern und Schwestern, daß

wir aufgebrochen sind.

Was soll uns die Wurst von gestern

und vom vorigen Jahr der Wind?

Schneid dir dein Haar,

so schön’s auch war,

jetzt kommt ein neues Jahr!

Die Herren Unterdrücker

sind tot wie der alte Mond,

und die Kriecher und Bücker

sind auch schon abgelohnt.

Schneid dir dein Haar usw.

Zu uns die neuen Gedanken.

Alles zu uns, was jung!

Und ein Gruß von Josef Stalin

und ein Gruß von Mao Tse-tung!

Schneid dir dein Haar usw.

Und noch folgender Chor:

„Hoch zu Bonn am Rheine sitzen zwei kleine

böse alte Männer, die die Welt nicht mehr verstehn.

Zwei böse Greise, listig und leise, möchten gern

das Rad der Zeit nochmals rückwärts drehn.

Schuhmacher, Schuhmacher, dein Schuh ist

Zu klein,

in den kommt ja Deutschland gar nicht hinein.

Adenauer, Adenauer zeige deine Hand!

Um dreißig Silberlinge verkaufst du unser Land!“

Kommentar überflüssig.