Von Paul Hühnerfeld

Aus Bekenntnissen ist der europäische Roman entstanden: die Beichte, die Augustin in den "Confessiones" Gott ablegte, war – literarisch gesehen – ein erster Ansatzpunkt zum Roman. Ein besonders enger und reiner Bezug zur Wahrheit haftet deshalb noch heute jedem guten Roman an, so viele andere Lebensbezüge und Ausdrucksmöglichkeiten, so viele theoretische Ästhetik und praktische Unvollkommenheit im Laufe der Jahrhunderte auch in diese Form eingegangen sein mögen: das ging bis zur Verkehrung des Begriffs im Biedermeier, wo es hieß, jemand habe einen "Roman" erlebt, wenn ihm etwas ganz und gar Unglaubliches widerfahren war. Doch eine durch äußere und innere Not erschütterte Zeit hat die Romanciers bald wieder nachdrücklich auf diesen tiefen und besonderen Bezug hingewiesen. Mit fast puritanischem Eifer wurde gerade in den letzten Jahren das Prädikat "verlogen" überall da ausgeteilt, wo die Wahrheit in Romanen nicht auf den ersten Blick zutage trat.

Dieser Übereifer hat sich abgenutzt. Gegen die "nackte" Wahrheit sind die vielen Möglichkeiten, die Wahrheit zu sagen, wieder in ihr Recht getreten: die Poesie, die Ironie, die indirekte Aussage. Geblieben aber ist dem modernen Leser ein feines Gefühl für die verbogene und verlogene Aussage, geblieben ist ein waches Bewußtsein für den literarischen Bezug zwischen Roman und Wahrheit, ein Bewußtsein, das heute im kritischen Leser sogar das Stilgefühl bisweilen zurückgedrängt hat. Drei Bücher nun aus den neuen Herbsterscheinungen werden der Kritik dieser Leser standhalten, weil sie wahr sind – wahr vom ersten bis zum letzten Wort:

Han Suyin: "Alle Herrlichkeit auf Erden" (aus dem Englischen übersetzt von Isabella Nadolny, im Hölle Verlag, Genf).

Am nächsten stehen diese Tagebuchaufzeichnungen der dreißigjährigen Ärztin Han Suyin, Tochter eines chinesischen Vaters und einer holländischen Mutter, dem Ur-Roman, den schlichten Bekenntnissen. Sie setzen ein an einem Märztag des Jahres 1949, als Dr. Han Suyin auf dem Flugplatz von Hongkong landet, festen Willens in ihre vom Bürgerkrieg zerissene Heimat China zurückzukehren Aber es gibt vieles, was sie an dieser Rückkehr hindern will: die chinesischen Emigranten in Hongkong, die sagen: was will Han bei den Roten? War ihr verstorbener Gatte nicht hoher Kuomintang-Offizier? Sie werden sie umbringen. Han Suyin antwortet: "Es sind doch auch Chinesen." Aber: ist sie nicht eine "Europäerin"? Europäisch durch die Mutter, europäisch aber vor allen Dingen durch ihr Studium in London? Und dazu kommt noch: dort, in der hektischen Atmosphäre Hongkongs, verliebt sich die junge Ärztin in einen englischen Korrespondenten. Er wird die große Liebe ihres Lebens. Er ist es denn auch, der ihre endgültige Rückkehr nach China verhindert; zweimal allerdings versucht sie es: einmal hält sie sich für Wochen in dem noch von Tschiangkaischek-Truppen besetzten Tschungking auf (bei der Schilderung dieses Buches gelingen Han Suyin beklemmend dichte Sätze über die Atmosphäre der nationalchinesischen Hauptstadt kurz vor dem Fall). Und dann fliegt sie sogar für Wochen nach Rotchina, erschrockener Zeuge der echten revolutionären Begeisterung und der ersten Exzesse. Sie kehrt zurück nach Hongkong; da bricht der Korea-Krieg aus. Der geliebte Mann fliegt als Kriegskorrespondent an die Front. Er fällt. Und die kleine Mei, Hans Tochter aus erster Ehe, schreibt in ihr Tagebuch: "Ich hatte einen Freund, der wollte meine Mutter heiraten, und meine Mutter wollte ihn auch heiraten. Aber es ging nicht, und nun ist er tot. Das ist schade."

So enden die Aufzeichnungen einer Frau, die darunter leidet, ein "Mischling" zu sein, die hin und her gerissen wird zwischen Gefühlen und Erinnerungen, die Europäerin geworden ist und doch chinesischer sein möchte als die Chinesen. Eine Frau, nicht frei von harten, puritanischen Zügen, die aber vielleicht nur Maskierung sind für ein krankes, empfindsames Herz.

An einem Januarmorgen des Jahres 1948 stürzte sich in der südafrikanischen Hafenstadt Durban ein Inder auf ein kleines Zulumädchen und schlug es nieder. Niemals hat man genau erfahren, warum er das tat: ob er eine persönliche Rechnung mit dem schwarzen Mädchen begleichen wollte, ob irgendein schwelender Rassenhaß in ihm wach geworden war – genug: dieser Schlag löste einen der größten Rassen-Pogrome nach dem zweiten Weltkrieg aus. Die Basutos und Zulus stürmten die indischen Geschäftsstraßen, raubten, schändeten, plünderten und mordeten: weit über hundert Tote gab es, noch ehe die Polizei eingreifen konnte. Diese Unruhen sind der entscheidende Wendepunkt in dem Roman: