Lesen die Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren noch Jugendbücher? Darüber müßte man tatsächlich einmal eine Umfrage machen. Sie würde wohl ergeben, daß der Begriff "reifere Jugend" einen anderen Inhalt bekommen hat, als zu der Zeit, in der man ihn prägte. Die weiblichen Jahrgänge 1936 und 1937 stehen den Problemen ihres eigenen zukünftigen Lebens innerlich viel näher, sie sind nicht mehr in eine besondere "Jugendwelt" abzuriegeln, sie empfinden schon den Widerstreit von Illusion und Wirklichkeit. Sie greifen darum auch schon zur großen Literatur und erwarten sich Orientierung von ihr. Sie lesen Hermann Hesse, Gertrud von Le Fort, Friedrich Georg Jünger.

Einer eigens für sie geschriebenen Literatur stehen sie nicht mehr naiv gegenüber. Sie neigen dazu, sich für unterschätzt zu halten und verlangen ernst genommen zu werden. Trotzdem haben viele Eltern den berechtigten Wunsch, ihren Töchtern im Übergang alte Erzählungen in die Hand zu geben, die auf ihre Fragen verständig und ohne altfränkische Umstände eingehen. Einige solcher Bücher aus der Produktion von 1953 seien hier empfehlend angezeigt:

Martha Maria Bosch beweist mit zwei neuen Büchern, daß ihr Fabulierkunst und Takt in hohem Maße eigen sind, die beiden Hauptbedingungen für diese Aufgabe. Christine, die Titelheldin ihres "kleinen Romans für junge Damen" ist eine Achtzehnjährige (die jungen Leserinnen sehen gern zwei oder drei Jahre voraus!), die, elternlos, aus dem Haus ihres pedantisch-korrekten Onkels und Vormunds ausreißt, weil ihr dort keineLiebe entgegengebracht wird. Sie weiß noch nicht, daß Liebe nur der empfängt, der sie gibt. Aber sie lernt es in einem Jahr voll bunter Erfahrungen und findet ihren Platz, als sie erkennt, daß sie ihrer kleinen Schwester die Mutter ersetzen muß. Martha Maria Boschs andere Heldin, Ulrike (aus der Erzählung "Ulrike meistert ihr Schicksal", gleichfalls im Kreuz-Verlag, Stuttgart), hat ihre Lehrzeit als Verkäuferin in einem großen Warenhaus beendet. Widerstrebend nimmt sie eine Stellung in der Schweiz an und wird dort Zeugin des Schicksals einer unehelichen Mutter, die ihre Kollegin ist. Durch dieses Erlebnis gereift, kann sie mit den mancherlei Schwierigkeiten, die zu Hause auf sie warten, fertig werden.

Für viele junge Mädchen ist die Traumwelt, die der Film fabriziert, ein Stück ihres Lebens, das sie auch in den Tag begleitet. Sie identifizieren sie ahnungslos mit der Welt der Filmleute. Dem Mädchen Sibylle in Liselotte Beyers "kleinem Filmroman Sibylle (Erich Schmidt Verlag, Berlin-Bielefeld-München) vergeht diese Illusion, als sie vor die Realität der Filmarbeit gestellt wird und erkennen muß, daß dazu mehr gehört als gutes Aussehen und Begeisterung. Ein instruktives und hilfreiches Buch für alle, die von der Filmomanie angesteckt sind.

Camping, die große Mode, gerade für die Teenagers! Ein Mädchenbuch, das davon handelt, ist aus mancherlei Gründen aktuell. Erich Wustmann hat eins geschrieben. Es heißt "In die Welt mit Palette und Zelt" (Adam Reitze Verlag, Worpswede). Die Siebzehnjährigen Yvonne und Heidi, Verkäuferin und Kunstschülerin, trampen Sommer für Sommer mit ihrem Faltboot, das ihnen der Zufall geschenkt hat. Sie campen, wo es sie hintreibt, an der Nordsee, in Schweden, in Finnland. Sie sind tapfer und anständig, wissen sich in jeder Lage zu helfen – kurz, sie sind ein wenig idealisiert, aber patent und gewinnend.

Der Realistik, die die junge Generation heute verlangt, kommt es zustatten, wenn ein Autor so eng mit dem Raum seiner Fabel verwachsen ist wie Hermann Neumeyer mit der "Heimat auf Hohenried" (Ensslin & Laiblin Verlag, Reutlingen). Seine "Geschichte zweier junger Menschen" beginnt an dem Tag, wo ein verwaistes Flüchtlingskind in einem Schwarzwalddorf Aufnahme sucht und findet. Sie endet wie ein modernes Märchen: Liese, das Waisenkind vom Riesengebirge, bekommt den größten Bauernhof geschenkt, und ihr treuer Gefährte Anton, der Waldbauernbub, wird einmal der Bauer werden. Dazwischen liegen schwere Zeiten, Armut, Hunger und Obdachlosigkeit, die furchtlos durchgestanden werden müssen.

Allen diesen Büchern ist gemeinsam, daß sie den falschen "jugendlichen" Ton vermeiden und ihre Leserinnen nehmen als das, was sie faktisch sind: intelligente junge Menschen. Das gilt ganz besonders auch für Cili Wethekams Familienkomödie "Ein Loch im Dach" (Carl Schünemann-Verlag, Bremen), die eine elternlose, aber von der ältesten Schwester resolut gebändigte Geschwisterschar auf lustigen Umwegen über ein Loch im Dach, einen Hundekauf, ein Ärztesprechzimmer und eine Ballettschule in Onkel Josua einen neuen Papa finden läßt. Hier werden die Tischgespräche aufgeweckter Oberschulkinder amüsant und treffend aufgezeichnet, so daß Leser und Leserinnen sich vergnügt wiedererkennen werden.