Das liebste Buch des Jahres 1953

Wir haben uns bei einer Reihe von Buchhandlungen erkundigt, welche Bücher die besten Verkaufsaussichten für Weihnachten haben. Die Antwort war: Es zeichnet sich noch kein Buch ab, das mit Sicherheit unter die ersten drei "Bestseller" zu rechnen sein wird. Noch also haben wir die Möglichkeit, den "Markt ein wenig zu steuern". Darum haben wir sechs Mitarbeiter und Freunde unserer Redaktion befragt, welches Buch des Jahres 1953 ihnen das liebste sei. So verschieden auch die Antworten von Pascual Jordan, Wolfgang Koeppen, Kurt W. Marek ("C. W. Ceram"), Jürgen Schüddekopf, Friedrich Sieburg und Günter Eich ausgefallen sind – gewiß ist jedes der von ihnen genannten Bücher wert, der Weihnachtsbestseller zu werden:

Pascual Jordan: Der gordische Knoten

Unter dem Schrifttum des abgelaufenen Jahres scheint mir Ernst Jüngers "Gordischer Knoten" von besonderer Wichtigkeit. Hier wird uns gezeigt und bewußt gemacht, worin jene Eigentümlichkeiten menschlicher Daseinsform und Lebenshaltung bestehen, welche verteidigt werden, wenn heute die westliche Welt ihre Freiheit in behaupten strebt.

Uns dies bewußt zu machen, ist zweifellos notwendig. Wenn man auch mit einem gewissen Recht sagen könnte, daß instinktive Entschlossenheit und unwillkürliche Ablehnung uns wesensfremder Formen die wichtigste Unter-• läge der Selbstbehauptung seien, so kann doch eine Klärung der geistigen Grundlagen unserer Stellung nicht entbehrt werden – es genügtnicht (obwohl es berechtigt ist), darauf hinzuweisen, daß die westlichen Lebensformen einen ungemeinen Aufschwung der Wirtschaft und eine turmhohe Überlegenheit des allgemeinen Lebensstandards begründet haben; und selbst die oft zitierte Gewißheit, daß nur ein Milchmann in den frühen Morgenstunden klingelt, ist nur ein einzelner Zug (wenn auch ein wesentlicher) unseres Lebensgefühls.

Die geistige Auseinandersetzung mit der andersartigen Welt des Ostens kann aber auch nicht auf ideologischer Grundlage gelingen. Die drüben zur Grundlage des dortigen Herrschaftssystems gemachte Ideologie ist ja der gleiche Marxismus der auch in der westlichen Welt so verbreitete Zustimmung gefunden hat; und die etwa von Koestler verfochtene These, daß man im Osten der marxistischen Ideologie untreu geworden sei, könnte nur dann für die westliche Welt einen Beitrag zu ihrem eigenen, positiven Selbstverständnis liefern, wenn der Westen das Ziel einer Restauration des "wahren" Marxismus hätte.

Jüngers Schrift greift in ganz andere Tiefen. Sie entwickelt in einer aus der Fülle der Jahrtausende schöpfenden geschichtlichen Schau das bezwingende, mitreißende Bild einer Menschenart, die nur in Europa und seinen Ausstrahlungsgebieten erwachsen ist, und welche von der Erde verschwinden würde, wenn der Westen auf Selbstbehauptung verzichtete.

Wolfgang Koeppen: Mann ohne Eigenschaften

Das liebste Buch des Jahres 1953

Ich habe in diesem Jahr nicht viel gelesen, und die Wahl bestimmte oft der Zufall. Bücher, auf die ich neugierig bin: Mann "Die Betrogene", Wolfe "Geweb und Fels", Fitzgerald "Der große Gatsby" sind noch nicht in meine Hand gekommen. In den Buchläden sah ich alte Bekannte in neuen Kleidern: Kafkas "Amerika", für mich sein schönster Roman; des frühvollendeten Raymond Radiguet "Ball des Comte d’Orgel", ein Buch, das mich in jungen Jahren erregte, und den ersten Band Proust der neuen Übersetzung bei Suhrkamp. Ergriffen hat mich Georg Glaser mit "Geheimnis und Gewalt", seinem ernsten und wichtigen Lebensbericht. Mit dem "Verworfenen Erbe" faszinierte Faulkner wie stets. Und "Die sterbende Jagd" von Gerd Gaiser berührte mich nach anfänglichem Widerstreben wie eine alte Tragödie vom Sterben der Jünglinge.

Das Buch des Jahres aber war mir "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Monate las ich ihn, immer nur wenige Seiten, und immer wieder wurde ich erhoben und war hingerissen von der Luzidität dieses Geistes und seiner dabei doch naiven und darum so wahren Poesie.

C. W. Ceram: Wieder: Ernst Jünger

Welches Buch ich am liebsten las? "Am liebsten" – das heißt doch wohl: mit warmer Anteilnahme, mit Beglückung, zur Zeit der Muse. Da kann ich außer den Eulenspiegel-Geschichten von Don Camillo kaum Neueres nennen, wohl aber viel Altes.

Wenn jedoch die Frage lautete, welches Buch ich für bedeutend halte und welches sich mit der größten – geistigen Erregung lesen läßt, so müßte ich Ernst Jüngers "Gordischen Knoten" nennen. Dies schmale Bändchen scheint mir gegenwärtigster Geist – in der Essenz. Hier geschieht literarisch, was den Naturwissenschaften längst hätte abgesehen werden müssen: Grundlagenforschung. Nichts tut uns mehr not – besonders auf dem Gebiet, das im "Gordischen Knoten" behandelt wird, und besonders mit der Blickschärfe, die auf 150 Seiten zu erschöpfen weiß, womit die heute viel besprochenen soziologischen "Ortsbestimmungen" auf 1500 Seiten nicht fertig werden.

Jürgen Schüddekopf: Ölberge – Weinberge

In dem reichlich peinigend werdenden Prozeß der intellektuellen Gehirnwäsche, der sich vor unseren Augen in Europa abspielt, ist’s noch wichtiger geworden, genau zu sehen, genau zu denken und zu schreiben. Das ist natürlich sehr banal, aber wichtig für die (etwas heikle) Entscheidung der Frage nach dem "liebsten Buch" im Jahre 1953. Es gab, wenn ich’s recht bedenke, viele Bücher, die sehr nahe an diese Vorstellung herankamen. Aber schließlich doch nur eins, von dem rückhaltlos zu gestehen wäre, daß es das "liebste Buch" ist, nämlich Er hart Kästners "Ölberge Weinberge": sein zweites Griechenlandbuch, das mehr als zehn Jahre nach dem ersten zu uns gekommen ist. Auf den zarten und beständigen Bildern des ersten Griechenlandbuches liegt nun wie eine kostbare Goldschicht die denkende Erfahrung eines Mannes, der mutig genug ist, sich zum Mittelpunkt der entsicherten Welt zu setzen. Die glücklichen Zeichnungen von Helmut Kaulbach sind wieder beigegeben.

Das liebste Buch des Jahres 1953

Friedrich Sieburg: Geheimnis und Gewalt

Von den Büchern des Jahres 1953 ist mir "Geheimnis und Gewalt" von Georg K. Glaser das liebste. Allerdings ist die Beschränkung meiner Zuneigung auf 1953 ein wenig willkürlich, denn ich liebe das Werk schon seit einigen Jahren, und daß dies Gefühl sobald erlöschen werde, ist mir unvorstellbar. "Geheimnis und Gewalt" ist zuerst auf Französisch erschienen und dann im Original bei einem mir sonst unbekannten deutschsprachigen Verlag, der dem Buch kaum einen Leser zu gewinnen verstand. Erst jetzt liegt eine würdige deutsche Ausgabe vor, und zwar bei Scherz & Goverts, Stuttgart. Georg K. Glaser hat seinem Buch den Untertitel "Ein Bericht" gegeben, aber was gäbe es Höheres als die vollkommene, unbeirrbare Wahrhaftigkeit, mit der hier ein Mensch unserer Zeit über sein Leben berichtet: Georg K. Glaser war ein deutscher Kommunist, der in die ersten Kämpfe mit dem Nationalsozialismus blutig verstrickt war und nach Frankreich floh, wo er schließlich Arbeit und eine zweite Heimat fand. Er lebt heute als Silberschmied in Paris. Kommunist ist er schon lange nicht mehr. Aber seine Abkehr von dem "Gott, der versagte", hat nichts mit den wortgewandten und schön orchestrierten Bekehrungen zu tun, zu deren Zeugen uns die literarische Prominenz im letzten Jahrzehnt öfter gemacht hat. Nein, Glaser ist gänzlich "unverwendbar", denn seine Geschichte ist nicht die eines Doktrinärs, der von einer Sache zur anderen übergeht, sondern die eines Zeitgenossen, der "die Sache" aufgibt und den Menschenwählt. Das klingt so einfach –, aber wieviel es ist, das bricht mit überströmender Gewalt aus den Seiten dieses Berichts. Alle Begriffe haben sich als ausgehöhlt erwiesen, alle Bindungen haben versagt, jede Enttäuschung und Bitternis ist über den ruhelosen Wanderer gekommen. Aber inmitten einer Verwüstung, der man kein Hälmchen mehr zutraut, erhebt sich still, aber fest diese Stimme der Liebe und spricht von dem, was das Herz des Menschen vermag, wenn es in der Wahrheit bleibt und den Menschenhaß nicht über sich kommen läßt. Ich kann nicht ohne Tränen an diesen Bericht denken, dessen taktvolle Zartheit, dessen absichtslose Natürlichkeit jegliche literarische Absicht beschämt, wie sie heute aus hundert angestrengten Büchern "zeitnaher" Musterknaben auf uns eindringt.

Günter Eich: Keine Neuerscheinung

Leider muß ich feststellen, daß sich unter den Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, keines befindet, das im Jahre 1953 erschienen ist. Ich bin in meiner Lektüre etwas zurückgeblieben. Aber da es sich um Sympathie, ja um Liebe handeln soll, darf ich wohl den Jahrgang außer acht lassen und ein Buch nennen, das mir seit mehr als Wochen oder Monaten teuer ist. Es hat in der jetzigen Gestalt bereits ein Alter erreicht, wo Neuerscheinungen für gewöhnlich vergessen sind – es ist 1949 im Manesse-Verlag, Zürich, erschienen und heißt "Die Erzählungen der Chassidim". Es sind dies legendäre Anekdoten aus einer Glaubensbewegung des osteuropäischen Judentums, gesammelt von M. Buber. Es zählt zu den Büchern, die über das Lesen hinaus heilsam beunruhigen. Ein ganz kurzes Stück auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite sei zitiert, das stellvertretend für die Eindringlichkeit des Ganzen zeugen mag. "Rabbi Michal sagte einmal zu seinen Söhnen: Mein Leben war damit gesegnet, daß ich nie eines Dings bedurfte, ehe ich es besaß."