Ich habe in diesem Jahr nicht viel gelesen, und die Wahl bestimmte oft der Zufall. Bücher, auf die ich neugierig bin: Mann "Die Betrogene", Wolfe "Geweb und Fels", Fitzgerald "Der große Gatsby" sind noch nicht in meine Hand gekommen. In den Buchläden sah ich alte Bekannte in neuen Kleidern: Kafkas "Amerika", für mich sein schönster Roman; des frühvollendeten Raymond Radiguet "Ball des Comte d’Orgel", ein Buch, das mich in jungen Jahren erregte, und den ersten Band Proust der neuen Übersetzung bei Suhrkamp. Ergriffen hat mich Georg Glaser mit "Geheimnis und Gewalt", seinem ernsten und wichtigen Lebensbericht. Mit dem "Verworfenen Erbe" faszinierte Faulkner wie stets. Und "Die sterbende Jagd" von Gerd Gaiser berührte mich nach anfänglichem Widerstreben wie eine alte Tragödie vom Sterben der Jünglinge.

Das Buch des Jahres aber war mir "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Monate las ich ihn, immer nur wenige Seiten, und immer wieder wurde ich erhoben und war hingerissen von der Luzidität dieses Geistes und seiner dabei doch naiven und darum so wahren Poesie.

C. W. Ceram: Wieder: Ernst Jünger

Welches Buch ich am liebsten las? "Am liebsten" – das heißt doch wohl: mit warmer Anteilnahme, mit Beglückung, zur Zeit der Muse. Da kann ich außer den Eulenspiegel-Geschichten von Don Camillo kaum Neueres nennen, wohl aber viel Altes.

Wenn jedoch die Frage lautete, welches Buch ich für bedeutend halte und welches sich mit der größten – geistigen Erregung lesen läßt, so müßte ich Ernst Jüngers "Gordischen Knoten" nennen. Dies schmale Bändchen scheint mir gegenwärtigster Geist – in der Essenz. Hier geschieht literarisch, was den Naturwissenschaften längst hätte abgesehen werden müssen: Grundlagenforschung. Nichts tut uns mehr not – besonders auf dem Gebiet, das im "Gordischen Knoten" behandelt wird, und besonders mit der Blickschärfe, die auf 150 Seiten zu erschöpfen weiß, womit die heute viel besprochenen soziologischen "Ortsbestimmungen" auf 1500 Seiten nicht fertig werden.

Jürgen Schüddekopf: Ölberge – Weinberge

In dem reichlich peinigend werdenden Prozeß der intellektuellen Gehirnwäsche, der sich vor unseren Augen in Europa abspielt, ist’s noch wichtiger geworden, genau zu sehen, genau zu denken und zu schreiben. Das ist natürlich sehr banal, aber wichtig für die (etwas heikle) Entscheidung der Frage nach dem "liebsten Buch" im Jahre 1953. Es gab, wenn ich’s recht bedenke, viele Bücher, die sehr nahe an diese Vorstellung herankamen. Aber schließlich doch nur eins, von dem rückhaltlos zu gestehen wäre, daß es das "liebste Buch" ist, nämlich Er hart Kästners "Ölberge Weinberge": sein zweites Griechenlandbuch, das mehr als zehn Jahre nach dem ersten zu uns gekommen ist. Auf den zarten und beständigen Bildern des ersten Griechenlandbuches liegt nun wie eine kostbare Goldschicht die denkende Erfahrung eines Mannes, der mutig genug ist, sich zum Mittelpunkt der entsicherten Welt zu setzen. Die glücklichen Zeichnungen von Helmut Kaulbach sind wieder beigegeben.