Friedrich Sieburg: Geheimnis und Gewalt

Von den Büchern des Jahres 1953 ist mir "Geheimnis und Gewalt" von Georg K. Glaser das liebste. Allerdings ist die Beschränkung meiner Zuneigung auf 1953 ein wenig willkürlich, denn ich liebe das Werk schon seit einigen Jahren, und daß dies Gefühl sobald erlöschen werde, ist mir unvorstellbar. "Geheimnis und Gewalt" ist zuerst auf Französisch erschienen und dann im Original bei einem mir sonst unbekannten deutschsprachigen Verlag, der dem Buch kaum einen Leser zu gewinnen verstand. Erst jetzt liegt eine würdige deutsche Ausgabe vor, und zwar bei Scherz & Goverts, Stuttgart. Georg K. Glaser hat seinem Buch den Untertitel "Ein Bericht" gegeben, aber was gäbe es Höheres als die vollkommene, unbeirrbare Wahrhaftigkeit, mit der hier ein Mensch unserer Zeit über sein Leben berichtet: Georg K. Glaser war ein deutscher Kommunist, der in die ersten Kämpfe mit dem Nationalsozialismus blutig verstrickt war und nach Frankreich floh, wo er schließlich Arbeit und eine zweite Heimat fand. Er lebt heute als Silberschmied in Paris. Kommunist ist er schon lange nicht mehr. Aber seine Abkehr von dem "Gott, der versagte", hat nichts mit den wortgewandten und schön orchestrierten Bekehrungen zu tun, zu deren Zeugen uns die literarische Prominenz im letzten Jahrzehnt öfter gemacht hat. Nein, Glaser ist gänzlich "unverwendbar", denn seine Geschichte ist nicht die eines Doktrinärs, der von einer Sache zur anderen übergeht, sondern die eines Zeitgenossen, der "die Sache" aufgibt und den Menschenwählt. Das klingt so einfach –, aber wieviel es ist, das bricht mit überströmender Gewalt aus den Seiten dieses Berichts. Alle Begriffe haben sich als ausgehöhlt erwiesen, alle Bindungen haben versagt, jede Enttäuschung und Bitternis ist über den ruhelosen Wanderer gekommen. Aber inmitten einer Verwüstung, der man kein Hälmchen mehr zutraut, erhebt sich still, aber fest diese Stimme der Liebe und spricht von dem, was das Herz des Menschen vermag, wenn es in der Wahrheit bleibt und den Menschenhaß nicht über sich kommen läßt. Ich kann nicht ohne Tränen an diesen Bericht denken, dessen taktvolle Zartheit, dessen absichtslose Natürlichkeit jegliche literarische Absicht beschämt, wie sie heute aus hundert angestrengten Büchern "zeitnaher" Musterknaben auf uns eindringt.

Günter Eich: Keine Neuerscheinung

Leider muß ich feststellen, daß sich unter den Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, keines befindet, das im Jahre 1953 erschienen ist. Ich bin in meiner Lektüre etwas zurückgeblieben. Aber da es sich um Sympathie, ja um Liebe handeln soll, darf ich wohl den Jahrgang außer acht lassen und ein Buch nennen, das mir seit mehr als Wochen oder Monaten teuer ist. Es hat in der jetzigen Gestalt bereits ein Alter erreicht, wo Neuerscheinungen für gewöhnlich vergessen sind – es ist 1949 im Manesse-Verlag, Zürich, erschienen und heißt "Die Erzählungen der Chassidim". Es sind dies legendäre Anekdoten aus einer Glaubensbewegung des osteuropäischen Judentums, gesammelt von M. Buber. Es zählt zu den Büchern, die über das Lesen hinaus heilsam beunruhigen. Ein ganz kurzes Stück auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite sei zitiert, das stellvertretend für die Eindringlichkeit des Ganzen zeugen mag. "Rabbi Michal sagte einmal zu seinen Söhnen: Mein Leben war damit gesegnet, daß ich nie eines Dings bedurfte, ehe ich es besaß."