Zur Zeit befindet sich Bundeswirtschaftsminister Erhard in den USA, um, nach seinen eigenen Worten, nach dem dortigen Regierungswechsel im Frühjahr mit den neuen Männern in "Tuchfühlung" zu kommen. Nach seinen ersten Besprechungen mit hohen Beamten der USA-Regierung in der amerikanischen Bundeshauptstadt erklärte der Bundeswirtschaftsminister, daß die wirtschaftliche Lage und die Entwicklung in den Vereinigten Staaten keinen Anlaß zu Besorgnissen gäbe. Alle europäischen Befürchtungen über ein etwaiges Absinken der amerikanischen Konjunktur mit entsprechenden Rückwirkungen auf die europäischen Länder entbehrten "jeder realen Grundlage". Wir haben unseren Korrespondenten in New York gebeten, uns einige Zeilen über die augenblickliche wirtschaftliche Situation in den Vereinigten Staaten zu schreiben.

New York, im Dezember

In den letzten Augustwochen hat in den USA eine scharfe Abwärtsbewegung an den Börsen eingesetzt, die sich bis etwa um den 20. September fortsetzte. Von da an stiegen die Kurse langsam, und heute sind sie im Durchschnitt wieder auf dem Stande, von dem die Abwärtsbewegung ihren Ausgang genommen hatte. Man mag die symptomatische Bedeutung von Börsenbewegungen so hoch und so niedrig einschätzen, wie man will, in diesem Falle sind sie jedenfalls analog den Berichten aus der Wirtschaft selbst verlaufen und analog dem steigenden und wieder weichenden Pessimismus, mit dem sie in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle interpretiert worden sind.

Große Sorgen hat man sich zeitweilig wegen der hohen Lagerbestände im Automobilhandel gemacht. Hier war die Zahl der unverkauften Wagen in manchen Fällen bis auf das Fünffache des Bestandes vom Vorjahr gestiegen. Finanzierungsgesellschaften hielten sich besonders vom Markte der gebrauchten Wagen zurück. Inzwischen wurde gemeldet, daß nach weiteren Preisreduktionen der Umsatz in gebrauchten Wagen wieder lebhafter geworden ist. Weiterhin ist bekannt geworden, daß im Oktober 530 000 neue Personenwagen hergestellt worden sind. Das entspricht ungefähr dem Monatsdurchschnitt der Produktion während der ersten neun Monate 1953. Mit 530 000 Personenwagen liegt die Produktion etwa 12 v. H. über der vom Oktober 1952.

Wenig günstig lauteten die Prognosen, die noch bis vor kurzem der Bauindustrie gestellt wurden. Die Aufnahme von neuen Hypotheken war schwieriger geworden und nur zu härteren Bedingungen möglich als bisher: es wurden höhere Anzahlungen verlangt, und auch dann waren Hypotheken nur mit kürzerer Laufzeit erhältlich als früher. Diese Verhältnisse änderten sich, als die Kurssteigerungen auf dem Markt der festverzinslichen Werte, der Bundes-, Staats- und Kommunalanleihen, einsetzten und damit die Effektivverzinsung daraus zurückging. Das führte zu einem stärkeren Interesse der Sparkassen und ähnlicher Institute am Hypothekenmarkt und zu einem Rückgang der hier üblich gewordenen Diskontsätze.

Als einen besonders zuverlässigen Maßstab für die Beschäftigung in der Konsumindustrie pflegt man hier die Nachfrage nach Kartons und anderen Behältern sowie nach Packpapier und dergleichen anzusehen. Sie ist zur Zeit hoch, und hieraus sowie aus der guten Beschäftigung in der Stahlindustrie, der Autoindustrie und dem Baugewerbe schließt man auf eine wesentlich bessere wirtschaftliche Gesamtsituation, als man sie noch von wenigen Monaten für möglich gehalten hatte. Damals verursachte die schwindende Kauflust der Konsumenten erhebliche Besorgnis. Man hatte sich überlegt und reichlich in der Presse diskutiert, daß eine Hebung des Konsums um nur 5 v. H. einen Ausfall von 15 Mrd. Dollars an Regierungsaufträgen ausgleichen konnte, und man wußte auf Grund der Ergebnisse neuester Erhebungen, daß die Einkommen und Rücklagen in allen Konsumentenkreisen hinreichend angewachsen waren, um eine solche Ausweitung des Verbrauchs zu ermöglichen. festgestellt blieb sie aus, und zwar, wie weiterhin festgestellt wurde, weil zugleich mit dem reichlicheren Angebot von Waren auf den Märkten für die Zivilbevölkerung das Tempo der Nachfrage von Seiten der Verbraucher – und übrigens nicht nur des verbrauchenden Publikums – sich verlangsamt hatte. Man konnte wieder in Ruhe aussuchen und Preise und Qualitäten vergleichen, ohne befürchten zu müssen, daß die heute angebotene Ware morgen nicht mehr zur Verfügung sein würde.

Diese Vergleiche führten dazu, daß viele der angebotenen Waren sich nicht absetzen ließen, weil sie geschmacklich nicht entsprachen und im Preise zu hoch lagen. Auch die so vielfach angekündigten "neuen Produkte", die während der Zeit des Koreakrieges entwickelt worden waren, ohne daß bisher die Möglichkeit bestanden hätte, sie für die Zivilmärkte zur Verfügung zu stellen, ließen sich nicht so leicht verkaufen, wie man das angenommen hatte. Man reorganisierte Verkaufsorganisationen im ganzen Lande, weil sich herausstellte, daß das bisherige Verkaufspersonal in der Zeit der reichlichen Regierungsaufträge vergessen hatte, wie man verkauft und nicht im Stande war, beim Käufer neue Bedürfnisse zu entwickeln oder, wie man das hier nennt, "creative selling methods" anzuwenden.