Was die Landwirtschaft leistete – Das neue Agrarprogramm

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer über das deutsche Wirtschaftswunder staunt, tut dies im allgemeinen wegen der vielen neu aufgebauten Fabriken und der hohen Exportzahlen der Industrie – an die ebenso staunenswerten Leistungen der Landwirtschaft denken nur sehr wenige. Überhaupt fällt die Landwirtschaft den meisten Menschen immer nur dann auf, wenn sie einmal nicht genügend Nahrungsmittel liefert. In normalen Zeiten vergißt man ganz, daß sie existiert und gibt sich jedenfalls nicht Rechenschaft über die Größenordnung dieses Teiles der Grundproduktion. Wer beispielsweise ist sich klar darüber, daß die Zahl der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen mit 4,5 Millionen fast genau so groß ist wie die Zahl der Industriearbeiter? Oder daß der Wert der Eiererzeugung etwa so groß ist wie der Produktionswert der Schuhindustrie und die Milchproduktion wertmäßig nahezu der Kohlenproduktion entspricht? Und schließlich, wer bedenkt, daß die Verkaufserlöse der deutschen Landwirtschaft 1952/53 über 12 Milliarden DM betrugen und daher die Landwirtschaft ein entscheidend wichtiger Käufer am Markt ist – wie ja auch umgekehrt fast die Hälfte der meisten Einkommen für die Ernährung ausgegeben wird.

Zur Zeit der Währungsreform wurde jeder zweite Deutsche vom Ausland ernährt. Eine baldige Besserung erschien damals angesichts der um Millionen gewachsenen Bevölkerung kaum möglich. Und doch ist nun der Landwirtschaft in wenigen Jahren das "Wunder" gelungen, nicht nur die Höhe der normalen Friedensernten wieder zu erreichen, sondern die Produktion je Hektar in fast unglaublicher Weise zu steigern. Heute werden schon wieder Dreiviertel der Bevölkerung der Bundesrepublik aus eigener Scholle ernährt. (1947/48 erzeugte die Bundesrepublik 19 Mill. Tonnen Getreidewert, 1952/53: 37 Mill. Tonnen.)

Lübkes Zehnjahresplan

Inzwischen ist eine gewisse Zäsur eingetreten. Es beginnt sich nämlich wieder einmal ein Zustand herauszubilden, den man als die Preisschere der Landwirtschaft bezeichnet. Mitte 1953 betrug der Index der landwirtschaftlichen Produktionsmittelpreise 210, während der Preisindex der landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf 194 stand. Dies ist mit ein Grund, warum die Forderung nach Preisparität, die immer wieder vom Bauernverband aufgestellt wurde, lange Zeit mit magischer Faszination das Denken vieler Landwirte beherrschte. Im Grunde durchaus verständlich, weil mit diesem Schlagwort scheinbar auch das Problem der Lohndifferenz zwischen Landwirtschaft und Industrie zu lösen war. Doch, wie gesagt, nur scheinbar, denn niemand kann im Ernst annehmen, daß es möglich wäre, die Preise für landwirtschaftliche Produkte heraufzusetzen, ohne damit gleichzeitig die Preis-Lohn-Schraube in Bewegung zu bringen. Insofern ist es sehr zu begrüßen, daß der neue Ernährungsminister diesen Schlachtruf abgewandelt hat und statt einer Parität der Preise die Parität der Kosten fordert.

Ernährungsminister Lübke hat, und auch das ist sehr verdienstvoll, ein langfristiges Programm entworfen, nämlich einen Zehnjahresplan. Innerhalb dieser Frist soll die Landwirtschaft auf höchste Rentabilität und Produktionsleistung gebracht werden. Als nichtigste Punkte hat er genannt: Flurbereinigung, Verbilligung des Agrarkredites, Mechanisierung der bäuerlichen Betriebe, Typenbeschränkung und Normung der landwirtschaftlichen Maschinen. Gewiß ist dieses Programm keineswegs neu. Typenbeschränkung beispielsweise ist seit den Zeiten des Reichsnährstandes immer wieder gefordert worden, trotzdem gibt es heute noch 146 verschiedene Schleppertypen. Und Flurbereinigung steht seit vielen Jahrzehnten als einer der wichtigsten Punkte auf dem Agrarprogramm jedes neuen Ernährungsministers und wird dort wahrscheinlich noch lange stehen, denn es kommt häufig vor, daß Flächen, die gestern mit Mühe "bereinigt" wurden, beim nächsten Erbfall von neuem realgeteilt und also aufgesplittert werden. Ob die 7 Mill. Hektar Land, die umlegungsbedürftig sind, tatsächlich in zehn Jahren bewältigt werden können, scheint mehr als fraglich, aber es ist gut, daß dieses Problem endlich einmal mit aller Energie angepackt wird.