Von Christoph er Emmet

Bereits in der vorigen Ausgabe haben wir einen amerikanischen Bericht über den Fall Dexter White gebracht, der damit schloß, daß White zu dem berühmten deutschen kommunistischen Spion Sorge Verbindungen gehabt hat. Wir setzen diese Veröffentlichung heute mit weiteren sensationellen Einzelheiten der Untersuchung fort.

New York, Ende November

Viele der Entscheidungen, die White beeinflußt hat, gingen Deutschland sehr nahe an. So hat sich bei der Vernehmung vor einem Senate Committee, das von Senator Everett Kirkson von Illinois geführt wurde, gezeigt, daß White für die Beschlagnahme des deutschen Privateigentums in den Vereinigten Staaten verantwortlich war, die gegen die entschlossene Opposition des State Department erfolgte. Am 20. November dieses Jahres erinnerte der liberale Columnist Marquis Childs in der New York Post daran, daß White 1944 vorgeschlagen habe, es solle Sowjetrußland erlaubt sein, eine Armee von einer halben Million deutscher Arbeiter einzuziehen, um sie im Innern Rußlands einzusetzen. Diese Maßnahme, so meinte White, stelle einen Teil des deutschen Beitrages an Reparationen dar, mit deren Hilfe die von den Nazis verwüsteten Gebiete wieder aufgebaut werden sollten. Kriegsminister Stimson und Botschafter W. Averiii Harriman stellten sich diesem Plan mit Erfolg entgegen. Immerhin erreichte White, wenigstens teilweise, später dann doch noch sein Ziel, indem man deutsche Kriegsgefangene, die der amerikanischen Armee in die Hand gefallen waren, den Russen überlieferte. Sie wurden dann als Sklaven in sowjetische Arbeitslager gesteckt.

Wie White seinen Einfluß auf Regierungsbeschlüsse zugunsten der Sowjetunion ausnützte, dafür ein anderes Beispiel: Unmittelbar nach der japanischen Kapitulation billigte das Treasury Department die sofortige Beendigung des lendlease-Abkommens mit England, was in England als harter Schlag empfunden wurde und leicht die Nachkriegsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien nachhaltig hätte stören können.

Aber vielleicht das sensationellste Beispiel für Whites Einfluß auf die Politik steht in der kürzlich veröffentlichten historischen Studie The Undeclared War von William Langer und Everett Gleason über die Ereignisse, die dem Angriff auf Pearl Harbor vorausgingen. Professor Langer war Chef der Abteilung Research and Analysis für die OSS, später Assistent in besonderem Auftrag beim Außenminister und danach stellvertretender Direktor der Central Intelligence Agency. Mr. Gleason war ebenfalls in der OSS und ist jetzt stellvertretender Executive Secretary des National Security Council. Der Bericht dieser beiden kann daher mindestens als offiziös betrachtet werden: Am 17. November 1941 übermittelte White dem Finanzminister Morgenthau ein Memorandum, das dieser einen Tag darauf an Präsident Roosevelt unter seinem eigenen Namen weiterreichte. Der Inhalt dieses Berichtes spiegelt sich wider in der Zehn-Punkte-Note an Japan vom 26. November, die einem Ultimatum gleichkam und die ganz offenbar den japanischen Entschluß, die Verhandlungen abzubrechen und Pearl Harbor anzugreifen, entscheidend beeinflußt hat.

Eines allerdings kommt in dem Langer-Gleason-Buch nicht zum Ausdruck, obgleich das McCarran Committee viele interessante Einzelheiten dazu gebracht hat. Daß nämlich, während White und andere amerikanische Kommunisten sich in Washington bemühten, den Krieg zwischen den USA und Japan anzuzetteln, der deutsche kommunistische Agent Richard Sorge von Tokio aus auf dasselbe Ziel hin arbeitete. Die Verbindung zwischen diesen beiden kommunistischen Gruppen bestand nicht nur darin, daß sie beide ihre Direktiven von Moskau bekamen, sondern auch in direktem persönlichem Kontakt.