Der Leiter des Delphischen Instituts", Professor Wilhelm Leyhausen, der alle zwei Jahre du internationalen Studentenchöre zu den sogenannlängst in Mainz Gonsenheim gestorben. Es war an einem Winterabend zur Zeit der Blockade Berlins, als ich Wilhelm Leyhausen zum ersten Male begegnete Er führte den "Aga memnon" von Aischylos vol> und dies hatte mich angelockt. In Mäntel gehüllt saßen die Zuhörer. Kerzen flackerten, brannten ab und wurden wieder erneuert, während das gewaltige Drama um Aga , memnon und Klytaimnestra Gestalt und Wirklichkeit wurde. Jluft das Lied s das Lied der Klage: aber das Gute muß siegen" schon wareine Atmosphäre geschaffen, welche die Hörer völlig in Bann schlug.

Auf dem Podium saß ein einziger Mann: Wilhelm Leyhausen. Er verfügte über eine geschulte Stimme, in der jeder Konsonant und jeder Vokal genau angesetzt wurde, eine Stimme, die freischwingend in den Raum stieß, deren Piano wie ein Hauch war, aber auch das leiseste Wort wurde verstanden. Denn hinter ihm stand die Vision. Und so kam e_s zu jener Bezwingung, zu jener überzeugend poetischen Wirkung.

Es war ein mittelgroßer Mann, der sich fast unbemerkt, doch mit auffallender, beweglicher An nut an sein Lesetischchen begeben hatte. Weiße Wollstrümpfe, Sandalen an den kleinen Füßen, liager von Figur mit einem sehr wachen Gesicht, in dem dunkle Augen brannten.

Dieser Abend, der zu dem, blockierten und belagerten Berlin in einer seltsamen Parallele stand, einer Stadt, deren nach Entladung drängende Spannungen jedem Hörer fühlbar waren und ihn aufgeschlossen machten für die nur scheinbar abgelegene Welt der Tragödie, hatte noch ein anderes Ergebnis: Das Volksbildungsamt in Zehlendorf gab lekannt, daß Professor Leyhausen sich bereit erklärt habe, neben seinem Lehrauftrag an der Universität Vorlesungen über Poetik und Rhetorik zu, lalten, verbunden mit praktischen Übungen, Es war keine sehr große Gemeinde, die sich allvöchentlich an einem Spätnachmittag in einer Gymnasialschulklasse versammelte, aber sie war einprägsam. Für Poetik und Rhetorik schienen sich vsntmchiedslos Mann und Frau zu interessieren, Schüler und Schülerinnen, Studenten und Arbeitslose. Alte und junge Menschen nahmen Platz auf den Schulbänken. Einige paßten noch hinein, die aideren setzten sich auf die Eckplätze und plazierten Knie und Beine außerhalb des Pults. Kalt war es auch. Aber das elektrische Licht funktionierte schon wieder und bestrahlte kalkweiß die uisagbare Nüchternheit dieser Klasse, wo an der schwarzen Tafel, nur halbwegs weggewischt, noch eine geometrische Formel an die letzte Mathematikstunde erinnerte, während der Geruch von Tinte, geöltem Fußboden und unausgelüf teter Kindergtrderobe noch in der Luft hing. Aber alles war vergessen, wenn die Leyhausensche Vorlesung begann, wenn dieser "letzte Grieche" an seinem Tisch Platz nahm und anfangs sehr leise, wie im Märchenstil verkündete: "Vor rund zweitausendfütAundert Jahren lebtenrim- alten Griechenland drei Dichter; Von den fast hundert Dramen Sie> jeder dieser drei schrieb, sind von keinem mehr als zehn, gleichsam als Reliquie, erhalten " Darauf entwickelte Wilhelm Leyhausen das Wesen dieser drei Großen, von denen er behaup tete, daß sie in der Talebene der folgenden Jamv tausende immer noch als die Gipfel erscheinen? Euripides t nannte er "hart in seiner Verbitterung, von vernichtender psychologischer Klarheit". Sophokles war für ihn "ein ruhig philosophierender und gläubig duldender Poet", während er Aisehylos "den Beethoven des Mittelmeers" nannte. Dem Aischylos gehörte seine Bewunderung, weil er "begabt mit dem tiefsten Blick der Intuition, in die menschliche Seele, den Menschen zum ersten Male vor freie Entscheidungen und Verantwortungen stellte".

Griechenland war die geistige Heimat Wilhelm Leyhausens, der, im Rheinland geboren, anfangs Musik studiert hatte, um sich auf die Dirigentenlaufbahn vorzubereiten. In gewissem Sinne war er der Musik treu geblieben. Sprache war für ihn Musik; immer bediente er sich der musikalischen Terminologie, Szenen und einzelne Auftritte glie derte er in Andante, Adagio oder Furioso; manchen Chorspruch nannte er ein Adagio maestoso. Auf diese Weise begriffen die Lauschenden, daß Poesie und Musik untrennbare, Geschwister sind. Und nun zu den Hörern, die verschieden reagierten, je nach Alter und Weisheit. Eines verband alle: sie waren gekommen, weil sie in einer, manchmal etwas verschämten Beziehung zur Lyrik standen Die einen hofften, durch die glänzende Interpretation etwas mehr über die Kunstwerke zu erfahren, um sie noch, inniger lieben zu können; der anderen Ehrgeiz reichte weiter: sie rezitierten selbst. Leyhausen ließ alt und jung nacheinander vortreten: grauköpfige Damen und kaum der Schule entwachsene Pennäler —, er ließ sie das aufsagen, was ihnen am Herzen lag, ob es Lenaü, Conrad Ferdinand Meyer, Rilke, Goethe öder Schiller war. Nie gab er ein schnelles Urteil ab. Mit großer Geduld verbesserte er den vom heiligen Feuer erfaßten Debütanten. Er korrigierte Aussprache, Rhythmik, Tonfall, und stieß zu dem Sinn des Kunstwerks vor. Stets waren seine Worte überraschend, manchmal schockierend. Daß Goethe nur in Italien, nicht in Griechenland gewesen war, empfand Leyhausen als_ein großes. Unglück für die ganze europäische Geistesgeschichte. Er meinte, daß Goethe, wenn er die Akropolis gesehen, Mykene, Cap Sunion, die Landschaf t und das Lieht von Hellas kennengelernt hätte, eine ganz andere "Iphigenie auf Tauris" geschrieben hätte — die Leyhausen, bei besonders sprühender Laune, zum Entsetzen mancher Hörer als "etwas hausbacken" bezeichnete — und daß der Helena Akt, ja, die ganze Faustdichtung ein anderes Gebilde geworden wäre; Kein Wunder, daß es bisweilen bei solchen Frontalangriffen hoch herging. Aber das stärkte nur den