Wenn böse Absicht die Feder führt – Querschuß aus der linken Ecke

Den meisten Amerikanern geht es wirtschaftlich miserabel, die Verkehrsmittel sind schlecht, das Brot ist ungenießbar, der Analphabetismus ist hoch, die Erziehung ist eine Katastrophe, die Religionslosigkeit beherrscht das Land, so daß es nicht einmal Atheisten gibt, die Armee taugt nichts, jeder vierzehnte Amerikaner ist geisteskrank, das Rechtsystem ist korrupt und die Außenpolitik ist imperialistisch – das ist das Bild Amerikas, das uns unter dem Titel "Die Entdeckung Amerikas Anno 1953" von L. L. Matthias (Rowohlt-Verlag, Hamburg) vermittelt wird. Der Autor, der zehn Jahre in Amerika gelebt hat, fügt seinem Buch ein umfangreiches Literaturverzeichnis bei, aber in den 400 Quellen, durchweg amerikanische Bücher, Zeitschriften und so weiter, hat er nicht ein einziges freundliches Wort über Amerika gefunden. Denn: wenn eine Statistik von 1952 zu günstig ist, verwendet er eine von 1936. Wer immer Ressentiments gegen die Amerikaner hat, wird bei ihm die Nägel finden, um sie daran aufzuhängen und zu konservieren. Das und etwas mehr liegt auch offensichtlich in der Absicht des Buches. Es geht darum, einen Mythos zu zerstören: den "amerikanischen Mythos", der besagt, daß die Amerikaner auch Menschen sind.

Schlecht bezahlte Arbeiter

Matthias, der das amerikanische Rätsel soziologisch lösen möchte, befaßt sich zunächst mit dem Arbeiter. Er sieht sich veranlaßt, zuzugeben, daß "mancher" amerikanische Arbeiter ein Auto hat. Aber: der Arbeiter kann sich das Auto nicht kaufen, weil sein Lohn hoch ist, sondern weil das Auto so billig ist. Wie unangenehm! Dafür haben die allermeisten Arbeiter nicht einmal ein eigenes Haus! Ein Haus von vier Zimmern kostet nämlich über 10 000 Dollar, während das Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters 2815 Dollar beträgt. Daß der Bergarbeiter 5000 Dollar, der Longshoreman 6000 und viele Spezialarbeiter 7000 und mehr Dollar verdienen, wird nicht erwähnt. Dagegen wird unterstrichen, daß es auch Leute gibt, die weniger als 2000 Dollar Jahreseinkommen haben. Mit welchem Land sollen diese Zahlen eigentlich verglichen werden? Wohnen die deutschen Arbeiter in Vierzimmervillen oder die französischen oder die sowjetischen? Fahren die Arbeiter in England im Auto oder in der Tschechoslowakei? Haben sie den durchschnittlichen Jahreslohn des amerikanischen Arbeiters von 2815 Dollar?

Aber die amerikanischen Löhne sind nicht das Hauptärgernis. Am meisten erbittert ist Herr Matthias darüber, daß dem amerikanischen Arbeiter das Klassenbewußtsein fehlt, daß es keine Arbeiterpartei gibt und daß die Gewerkschaften immer nur auf Lohnerhöhungen und nicht auf politische Macht ausgehen. Hier möchte man fragen, ob das so schlecht ist. Wer profitiert eigentlich vom sogenannten Klassenbewußtsein außer den Funktionären der sozialistischen und kommunistischen Parteien? Die Arbeiter jedenfalls nicht. Deshalb kommen sie neuerdings, seit sich die Reallöhne bessern, auch in Deutschland immer mehr vom Klassenbewußtsein ab.

Der unfähige Professor

Der amerikanische Professor ist nach Auffassung des Autors unter allen Umständen ein Esel: "Wer nichts kann, der lehrt." Er leistet in der Forschung wenig, kann seine Schüler nicht ausbilden, und das einzige, was ihm in der Hochschulerziehung gelungen ist, ist die "Entsexualisierung" der gebildeten Frau. (Bei dieser Gelegenheit behauptet Matthias, daß die Liebe erst im elften Jahrhundert erfunden worden sei; er scheint nicht zu wissen, daß die Liebe, wie die meisten anderen erfreulichen Einrichtungen, von Joseph Wissarionowitsch Stalin erfunden wurde.) Die Unfähigkeit des Erziehungssystems behindert die Produktion, nicht einmal brauchbare Waffen können erzeugt, geschweige brauchbare Offiziere erzogen werden. Man wundert sich, daß nicht die Amerikaner, sondern wir den Weltkrieg verloren haben, und noch mehr, daß das amerikanische Sozialprodukt, zu höchst konkurrenzfähigen Preisen gerechnet, weit mehr als 300 Milliarden Dollar im Jahr beträgt, das heißt pro Kopf der Bevölkerung dreimal so viel wie in Westdeutschland und siebenmal so viel wie in der Sowjetunion.