Die große Französische Revolution wird immer wieder die Phantasie der Menschen beschäftigen. Sie hat so viele Aspekte, daß der Betrachter leicht geneigt ist, sie einseitig nach persönlichen Neigungen zu beurteilen. Der Royalist etwa wird ihr Hauptverbrechen in der Hinrichtung des Königspaares sehen, er wird das wahre Frankreich bei den Königstreuen der Vendée und bei den Chouans in der Bretagne suchen. Der Republikaner wird die Jahre, in denen die Franzosen die Fesseln des Absolutismus zerbrachen, als ein unsterbliches Verdienst der Revolutionäre preisen. Und die Kommunisten endlich haben das Scheusal Marat unter die Ahnherren ihrer eigenen Revolution erhoben. Das Thema ist eben unerschöpflich. Wenn daher ein Schriftsteller und Historiker wie Paul Sethe, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zu dessen Verdiensten, wie seine Leser wissen, auch die Eigenwilligkeit gehört, es unter nimmt, eine Geschichte der Französischen Revolution zu schreiben, dann darf man mit Recht mit gespanntem Interesse an die Lektüre dieses Buches gehen:

Paul Sethe: "Die Großen Tage." Von Mirabeau zu Bonaparte. Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main.

Sethe hat den Vorzug vor vielen ausländischen Historikern, daß er als Deutscher, der die Jahre vor und nach 1933 in Deutschland erlebt hat, für manches, was von 1789 bis 1799 geschah, Parallelen in der jüngsten Geschichte findet. Das erleichtert ihm und dem Leser das Verständnis vor allem für den formalen Ablauf der Geschichte. Er teilt sie in zwei große Abschnitte, ja, er spricht sogar in diesem Zusammenhang von zwei verschiedenen Revolutionen. Einer ersten, die von 1789 bis 1793 reicht, in der es darum ging, den Absolutismus zu zerstören und eine liberale Staatsidee durchzusetzen. Die zweite Revolution ist für Sethe diejenige, die im Jahre 1793 den totalitären Staat gebar, der sich dann unter Napoleon I. bis 1814 fortsetzte.

Wie konnte es zu dieser Entwicklung, überhaupt kommen? Das ist die Frage, die uns – gebrannte Kinder – besonders interessieren muß. In vorzüglichen Formulierungen – die überhaupt eine Stärke dieses Buches sind hat Sethe zu Beginn auf wenigen Seiten dargestellt, wie vor der Erhebung die führenden Stände bereits geistig so ausgehöhlt waren, daß sie nicht mehr die Fähigkeit hatten, für ihre Vorrechte und Interessen kühl einzutreten. "Daß die Kirche", so heißt es bei Sethe, "eine längst überholte Einrichtung sei, die jeden Spott herausfordere, war für die meisten Gebildeten zu einem Gemeinplatz geworden. Und vor den Augen der Bewunderer Montesquieus oder Rousseaus fand auch das absolute Königtum keine Gnade. Aber schon die beiden Namen machen sichtbar, daß es nicht nur frivole Verachtung des ehrwürdig Überkommenen war, was die innere Loslösung vom alten Staat trug; Dahinter stand eine weltfremde, aber edle Schwärmerei für die Vernunft, für Freiheitund Gerechtigkeit, stand die tiefe Überzeugung, eine neue Gemeinschaft freier Menschen werde die Entfaltung. aller edlen Tugenden bringen und ein schöneres Reich menschlicher Würde heraufbringen."

Wie aber kam es zu dem Umsturz, der schließlich zur Errichtung des napoleonischen Regimes führte? "Seit Jahren schon lief die Revolution an der großen Mehrheit der Franzosen vorbei. Was noch kämpfte, redete, mordete oder starb, war eine schmale Schicht von Erhitzten ... Viele von den Besten kämpfen an der Front. Zu Hause denken wieder viele in patriotischer Sorge nur an die Front und haben für andere Dinge kaum direkte Aufnahmefähigkeit. Viele wissen auch nichts Genaues, und vor allem: was geschieht, geschieht im Namen der rechtmäßigen Obrigkeit. In Paris ist es der Gemeinderat, der die Hinschlachtungen organisiert. Ein Stück des alten Respektes vor der Obrigkeit vermischt sich mit würgender Angst vor den Sansculotten... Ist es nicht besser, zu schweigen und nachts den Kopf in die Kissen zu vergraben, wenn die schlimmen Gedanken kommen an das Unheil, das draußen geschieht?"

Zweifellos hat hier das Erleben unserer eigenen Geschichte den Verfasser hellsichtig gemacht – und darin besteht ein besonderes Verdienst dieses Buches. Gerade im Detail zeigt sich dies immer wieder, so, wenn er schildert, wie einen Tag vor dem Putsch Napoleons vom 19. Brumaire 1799 das fünfte Mitglied des Direktoriums, Gohier, als man ihn warnte, kühl erklärte, "die Revolution könne gar nicht gelingen, da er allein das Siegel der Republik besitze. Am Abend sieht er sich von Grenadieren umringt, die den Teufel nach dem Siegel der Republik fragen". Wer denkt hier nicht ohne weiteres an das Ende des Weimarer Staates? Es ist – so scheint es uns – Paul Sethe, eben auf Grund seiner deutschen Erfahrungen, in besonderem Maße gelungen, das spezifisch Revolutionäre, nämlich das Ungeistige jener Revolution, das sich in den beiden Epochen von 1789 bis 1815 manifestiert hat, herauszuarbeiten. Das ist ein großer Vorzug dieses Buches, insbesondere deshalb, weil dies nicht durch abstrakte Gedankenfolgen erreicht wird, sondern durch eine Fülle eingehender Schilderungen der handelnden Personen und eine dramatische Darstellung der ebenso dramatischen Ereignisse und Situationen. Richard Tüngel