Von Walter Abendroth

Die Rückwendung zu religiöser Weltdeutung, die nach dem nicht mehr zu bestreitenden Fiasko des Aberglaubens an den Sieg der Vernunft und den Fortschritt der Menschlichkeit, nach einer Kette unmißverständlicher Katastrophen mehr Ratlosigkeit als wahrhafte Einsicht bezeugt, findet ihren Ausdruck auch in einer auffallenden Häufung von Romanen um die Probleme des Christentums. Betrachtet man sie näher, so bestätigt sich nur, daß es sich dabei oft eher um ein vorsichtiges Tasten und Prüfen handelt, ob der alte Boden noch – oder wieder – tragen kann, als um die Tatsache eines als sicher empfundenen, festen Standpunktes. Ja, sogar der Gedanke an eine literarische Konjunktur drängt sich auf, gerade, wenn man vor Beispielen steht, die in erster Linie durch den Glanz der schriftstellerischen Leistung wirken, nicht durch den Eindruck, daß der Autor selbst in der Not der Frage steht, die ihm den Stoff geliefert hat. Gewiß, das ist des berufenen Erzählers gutes künstlerisches Recht. Aber an der Unterscheidung zwischen der Ungebundenheit dieses Rechtes und der Bindung durch einen inneren "Auftrag" (also gleichsam eine subjektive "Pflicht") ist in solchen Dingen in solcher Zeit immerhin einiges gelegen. Schon deshalb, weil niemand ausgerechnet religiöse Romane liest, der sich nicht irgendeine "Antwort" davon erhofft, eine Art von Entscheidung, ein Ja oder Nein zum positiven Glauben.

Ein literarisches Glanzstück, dessen künstlerische Tugend geradezu in kühler Unbeteiligtheit, in nahezu vivisektorischer Objektivität besteht, hat sich bereits kurz nach dem Erscheinen sowohl im englischen Orginal wie jetzt in der vortrefflichen Übersetzung einen riesigen moralischen und geschäftlichen Erfolg errungen:

H. F. M. JPrescotts "The man of a donkey" (deutsch von Maria von Schweinitz unter dem Titel "Der Mann auf dem Esel" in der Frankfurter Verlagsanstalt. 906 Seiten).

Eine bewunderungswürdige Kombination von freier Erfindung und exakter, dokumentarisch belegter Historiographie; fast darf man sagen: ein mit wenigen erdachten Gestalten ausgeschmückter Tatsachenbericht; denn selbst viele-der wichtigsten Situationen sind aktenmäßig überliefert. Der "Mann auf dem Esel" ist Christus, wie ihn in frommer Ekstase die bis zur Vertiertheit blöde Magd Malle erschaut hat. Nur ihr, und gerade ihr, ist so etwas wie visionäre, prophetische Sprache in den Mund gelegt, die an die Urgedanken der Christologie rührt, während alles um sie herum, ob kirchlich oder weltlich, in Schuld, Verbrechen, Aufruhr, Machtkampf, Verblendung, Hoffart oder Heuchelei verstrickt ist. Es ist die Zeit und das Land Heinrichs VIII., des großen Gewissenlosen, der zuerst gegen Luther theologisch polemisierte, dann aber, als der Papst seinen Wünschen nicht dienen wollte, den Cäsaropapismus verwirklichte und die Staatskirche inthronisierte, die Unterordnung des Glaubens unter die Staatsräson. Oder auch die biegsame Verschmelzung beider.

Die unter dem Namen "Gnaden-Wallfahrt" bekannt gewordene Volkserhebung gegen dieses Beginnen bildet den Handlungsmittelpunkt des Romans, der überreich an Geschehnissen und menschlichen Charakterbildern ist, brillant gemalt, so virtuos, wie nur die bewußte Distanzierung von den Erlebnisinhalten es vermag. Daß Gott, an dem zu zweifeln und gegen den sich zu empören die Schrecken und Wirrnisse der Welt genug Anlaß zu geben scheinen, sein Wesen, wie in all und jedem, so besonders im Schmerz und in der ihn überwindenden Liebe offenbarte, ist die sehr allgemeine, aber effektvoll vorbereitete und als Schlußakkord eingesetzte, im Grunde nichts klärende Zauberformel, die alle ungelösten Fragen bannen und binden soll.

Auch wenn Hans Urs von Balthasar (der Verfasser einer Monographie über Reinhold Schneider) es in seinem Nachwort nicht so eindringlich feststellte und begründete, und auch wenn man von Georg Bernanos sonst nichts wüßte, würde einem nicht entgehen können, aus wie anderem Boden der Roman