Von Heinz Panka

Eine hamburgische Spezialität ist es, daß am Fischmarkt in der Hafengegend sonntags in allerfrühester Morgenstunde ein Markttreiben beginnt, das am Vormittag erlischt. Die folgende Schilderung ist der Versuch, Szenen vom Fischmarkt lebensgetreu – doch ohne jegliche Reflexion aufzeichnen: Wort-Photographie.

Um die frühe Stunde des Sonntagmorgens war der Fischmarkt ein einziges Gewimmel von Menschen. Der sonst so leere Platz hallte wider vom Lärm der Verkäufer, Käufer und Schaulustigen. Gleich vorn, an der abfallenden Straße, die zur Elbe führt, stand einer, der ein Mittel anbot, das Bügelfalten haltbar machte. Er verknotete eine Hose und verdrehte sie, daß sie aussah wie ein Korkenzieher, warf sie in die Luft und schlug sie auf den Tisch: die Bügelfalten waren unversehrt. – An einem langen, überdachten Stand, der ein Knie bildete, wurden Schuhe verkauft. Die Paare lagen ausgepackt oder türmten sich in Kartons zu Bergen. Eine junge Frau mit kupferrotem Haar ließ einen gleichgültigen Blick über Verkäufer und Waren gleiten. Sie war schmal, hatte ein blasses Gesicht und tiefrot gefärbte Lippen. Neben ihr stand eine Einkaufstasche.

Als der Verkäufer gerade mit einem Kunden verhandelte, beugte sie sich über den Tisch und stieß dabei wie unachtsam einen Karton an, der in ihre geöffnete Tasche fiel. Dann richtete sie sich wieder auf, nahm die Tasche und ging. Ein Seemann starrte sie voll Bewunderung an. Er hatte ein vergnügtes Gesicht. Im Knopfloch trug er eine rote Papierblume, die er wohl an einem Schießstand erobert hatte. "Oh!", sagte er, "oh!" Er noch nach Alkohol und steuerte einen schwanken, ständig auf Stützpunkte bedachten Kurs. Als er sich aufraffte, der Frau nachzugehen, war sie schon in der Menge verschwunden, die sich um einen Stand mit Gemischtwaren ballte: Knöpfe, Hosenträger, Schnürsenkel, Spiegel, Schals, auch Mützen. Ein Schiffer probierte eine nach der anderen. "Paßt nicht", sagte er, "zu groß ... paßt nicht, zu klein." Er beobachtete sich in einem Handspiegel. – "Paßt schon", sagte der Verkäufer ärgerlich, "bloß dein Kopp taugt nix."

Vor einer der Kneipen am Fischmarkt stand eine Frau. Sie hielt eine Teufelsgeige in der Hand: Es war eine lattenartige Stange mit ein paar Drähten. Oben waren an einer Querleiste vier Glöckchen angebracht. Mit einem Stöckchen, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Geigenbogen haben mochte, strich sie bald über den Draht, bald stieß sie die Teufelsgeige auf den Boden, so daß die Glöckchen erklangen. Die Melodie spielte sie auf einer Mundharmonika, die ihr ein über die Schultern gelegtes Drahtgestell vor den Mund hielt. Die Frau trug blaue, weite Seemannshosen und eine graue, gestreifte Jacke mit ausgerissenen Taschen. Auf das strähnige, graue Haar hatte sie eine Schiffermütze gesetzt. Mit aller Kraft mußte sie in die Mundharmonika blasen, denn der Lärm war groß.

Neben ihr pries einer "tropenfeste" Würste an, das Stück 2,50 Mark. Ihr gegenüber formte einer mit wohlgefälligem Lächeln und durch kräftiges Pusten seiner Lungen einen Luftballon aus einer knetbaren Masse. Auf einem Dreiradwagen bellten drei junge tapsige Bernhardiner und warteten auf ihre neuen Herren. Der größte Lärm freilich tönte aus dem Lokal, in dem eine Kapelle mit Klavier, Schlagzeug und Saxophon spielte. Ein hoher Raum, der Boden fliesenbelegt. Auf der Tanzfläche drängten sich die Paare. Zwei Mädchen tanzten, sie trennten sich, drehten sich, wirbelten zuweilen mit den Füßen vor und zurück, und fanden sich doch im rechten Augenblick wieder wie Mann und Frau.

An der Tür stand ein dicker Mann mit offenem Staubmantel. und einem ins Genick geschobenen Hut. Er aß eine fette Bockwurst. Ei war groß und konnte das Lokal überschauen. Drei Stufen führten ins Innere. Auf der untersten saß eine junge Frau, einen Männerhüt auf dem Kopf. Sie zog die Stirn in Falten und schien angestrengt nachzudenken. Vielleicht kämpfte sie gegen die Müdigkeit, vielleicht gegen den Alkohol. Der Dicke biß in die Wurst und betrachtete abwechselnd die Tanzenden drinnen und die Harmonikaspielerin draußen. Inzwischen hatte sich ein großer Kreis von Zuschauern um sie gebildet. Sie verdoppelte ihre Anstrengungen. Neben ihr stand ein kleines Mädchen. Über einem roten Kleidchen trug es eine blaue Schürze. Wenn jemand ein Portemonnaie zog, trippelte es langsam zu dem Spender und nahm den Groschen an. Es gab auf dem ganzen Markt kein unähnlicheres Paar als diese Frau und das kleine Mädchen, das allein schon durch sein Dasein die Mildtätigkeit herausforderte. Aber die Frau hatte ja auch nicht behauptet, daß dies ihr Kind sei.