München, im Dezember

Ministerpräsident Hans Ehard hat an den Präsidenten des Rundfunkrats beim Bayerischen Rundfunk, Prof. Dr. Dr. Heinrich Franke, wegen der skandalösen Saar-Sendung vom 30. Juli 1953 ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt:

"Der Vorsitzende des Präsidiums des Landesverbandes der Bayerischen Industrie e. V., Herr Dr. Seeling, hat mich auf einen in Nr. 32 der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 6. August 1953 erschienenen Artikel aufmerksam gemacht, in dem schwere Vorwürfe wegen eines vom Bayerischen Rundfunk gebrachten Hörspiels ‚Die Saar – La Sarre‘ erhoben werden. Der Landesverband der Bayerischen Industrie schließt sich diesen Vorwürfen an und wendet sich seinerseits entschieden dagegen, daß ein deutscher Sender eine solche Sendung zulasse und sich damit in den Dienst deutschfeindlicher Interessen stelle... Wörtlich wird hinzugefügt: ‚Ein deutscher Rundfunksender, der sich dafür einsetzt, daß das politische und wirtschaftliche Unrecht, das durch Frankreich und seine Helfer an der Saar begangen worden ist, bestehen bleibt, verstößt auf das schwerste gegen die deutschen Interessen und muß zur Rechenschaft gezogen werden.‘

Herr Dr. Seeling bittet mich schließlich, eine Untersuchung der Vorgänge einleiten, zu lassen. Dazu habe ich natürlich weder die Möglichkeit noch eine Veranlassung. Ich wollte Sie als Präsidenten des Rundfunkrats aber doch auf die Wirkung aufmerksam machen, die dieses Hörspiel offensichtlich in weiten Kreisen gefunden hat..."

Nach Empfang dieses Schreibens hat der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Walter v. Cube, das Hörspiel wiederholt.

Jetzt endlich hat sich der Rundfunkrat als das leitende Gremium mit der Affäre befaßt. Präsident Dr. Franke stellte fest, es handle sich hier um die bedauerlichste und entwürdigendste Sendung, die man bisher gebracht habe. Wenn sie, was nicht der Fall sei, die Meinung des Bayerischen Rundfunks darstellen würde, so müßte er sich schämen, seinen Fuß je wieder ins Rundfunkhaus zu setzen. Er sei kein Nationalist, aber was hier vorliege, sei nicht nur geschichtliche Urkundenfälschung, sondern der Ausdruck einer gemeinen Gesinnung, wie er sie noch selten erlebt habe. Man habe die Frage gestellt, ob der Verfasser "integer" sei. Gewiß habe er keine Bestechungssumme genommen. Aber es könne einer auch integer sein und dennoch (was er vom Verfasser nicht behaupten wolle) die Gesinnung eines Lumpen haben. Da werde z. B. die Haltung der Saarbevölkerung so dargestellt, als habe sie 1935 nicht für Deutschland, sondern für Hitler gestimmt, und als handle sie jeweils nach dem Grundsatz "ubi bene ibi patria". "Ich lehne die Sendung in vollem Umfang ab", schloß Dr. Franke, "und empfehle dem Rundfunkrat, sich in jeder Weise von ihr zu distanzieren und seiner Erwartung Ausdruck zu geben, daß ähnliches sich nie wiederholen möge."

In der Aussprache variierten die Meinungen nur im Grad der Verurteilung. Kultusminister Schwalber bestand darauf, daß man nicht nur die Form, sondern den Inhalt rüge. Er hatte bereits bei der Vorbereitung im Richtlinienausschuß erklärt, er habe vom Ministerpräsidenten den Auftrag erhalten, als Vertreter der Staatsregierung darauf hinzuwirken, daß dieses Hörspiel nicht mehr gebracht werde und ähnliche Mißgriffe künftig unterblieben. Nur so würde sich die Autonomie des Rundfunks auf die Dauer halten.