Michel de Saint-Pierre, dessen Roman "La mer à0 boire" mit dem "Grand Prix de la Société des Gens de Lettres" ausgezeichnet wurde, diente bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges als junger Rekrut auf einem Kreuzer der französischen Mittelmeer-Flotte.

Wir sind in der Wüste, tief im Innern der Türkei. Am Horizont der violette Gipfel des Hassan-Dagh und dieses unerbittliche Vunder, das seit dem Morgen vor meinen müden Augen einen Fries von frischem Schilfrohr über Wassern aus altem Silber erstehen läßt.

Ich steige wieder ins Auto ein. Hazim Bey gibt seiner Kürbisflasche einen haarigen Kuß. Auch ich habe Durst und trinke wie ein biblischer Pilger.

Dieses ist keine Straße. Es ist die Fußspur eines Weges, der von einer tiefen, vielleicht zehn Jahrhunderte alten Wagenspur gesäumt ist. Wir braten in dem alten Kasten, den ich gemietet habe. Wir sind wie Krebse in kochendem Wasser. Keine Menschenseele. Kein anderes Merkzeichen als das ferne Gebirge Hassan-Dagh, fünfzig Kilometer weit. Hier und da steigen staubige Wirbelwinde in einer unheilvollen Sandhosenspirale zum Himmel auf. Und wenn der Wind vorbeistreicht, die glühende Brise, empfange ich durch die offene Wagentür den gleichen Atem des Würgeengels.

Mit einem bärtigen Lächeln erklärt mir Hazim, daß ich gegenwärtig die Seidenstraße benutze, jene, die aus China kam und sich bis zum Meer hinzog. Wir entfernen uns aus der Wüste und erreichen die Steppe, die in dem tanzenden Licht wie die Flanke eines Löwen zu atmen scheint. Schwarz, riesenhaft, wie sie ihre Federn mit dem herrischen Schnabel glätten und mir zuweilen ihre Augen von eisigem Gold zuwenden – so sehe ich die Adler.

Bald erscheint das, was ich von weitem für eine Unebenheit des steinigen Erdbodens gehalten hatte, in seiner Wirklichkeit: ein Dorf. Es handelt sich wohl um ein Dorf mit Lehmhütten, staubfarbene Wände und Dächer gekalkt, unter der Sonne zusammengedrückt wie eine nackte Faust.

Ein Dorf. Eine winzige, graue Moschee, gekrönt von einem kleinen Glockenturm, der die Rolle eines Minaretts spielt und den man mit einer einzigen Hand schwingen könnte. Bei dem kleinen, aufregenden Geräusch, das unser Auto macht, laufen Frauen zu Fuß herbei, ein kreischender Kinderschwarm und mit Knütteln bewaffnete Männer, die auf ihrem grauen Esel traben. Trotz der Hitze sind die Leute mit alten Kleidungsstücken und Stoffen bedeckt. Hazim erklärt, schreit, erläutert, droht, stöhnt, fleht, rauft seinen Bart mit beiden Händen, hebt den mit inbrünstigen Bitten belasteten Blick gen Himmel. Dann sagt er zu mir: "Geben Sie mir zwei türkische Pfund." Ich geb sie ihm – und der Schein wandert von Hand zu Hand bis zu dem großen Kerl mit dem Apostelkopf, der wohl Stadtoberhaupt ist.