Stuttgart, Ende November.

Die Sensation der Auktion Ketterer in Stuttgart war der Zuschlag einer Dürer-Zeichnung zum Preise von 22 000 DM. Sie blieb, was die wenigsten erwartet hatten, in deutschem Besitz. Die Zeichnung stammt aus der Sammlung des Fürsten zu Liechtenstein und war in der Schweiz seit Jahren ohne Erfolg zu erheblich höheren Preisenangeboten worden. (Auch im Auktionskatalog war sie noch mit einem Schätzpreis von 30 000 DM angesetzt.) Den Zuschlag erhielt der Leiter des Stuttgarter Kupferstichkabinetts, Petermann, gegen das Gebot eines aus München stammenden New Yorker Händlers, der den Auftrag hatte, die Zeichnung zum Preise von rund 20 000 DM für ein amerikanisches Museum zu erwerben.

Natürlich reicht der Etat des Stuttgarter Kupferstichkabinetts zu einem solchen Kauf nicht aus. Petermann, unter Hitler KZ-Häftling, hatte daher mit großer Energie in Stuttgart, eine Sammlung angeleitet. Der Galerieverein half, soweit es ihm möglich war. Den Löwenanteil der benötigten Summe aber zeichnete ein Industrieller, der namenlos auftrat. Rund ein Drittel stiftete Süddeutsche Rundfunk aus Mitteln des Werbe funks. Schon bei früheren Gelegenheiten hat er sehrüberlegt eingegriffen, so bei Autographenkäufe in für das Marbacher Schillerarchiv.

Interessant an diesem Kaufe ist die offenbar Stärkung des deutschen Selbstbewußtseins, die aus ihm hervorgeht. Um dies zu erkennen, ist nur nötig, sich daran zu erinnern, daß ein Dürer-Aquarell aus hannoverschem Besitz vor nicht langer Zeit für 15 000 DM an einen ausländischen Händler verkauft wurde, der es dann für 60 000 Schweizer Franken an Herrn v. Hirsch in Base weiterverkaufte. Man sieht: Auch bei Werken von Dürer schwankt heute noch der Preis mit der politischen Atmosphäre. So war noch vor einem Jahr die Summe, die in den USA für ein frühes Selbstporträt Dürers aus der Sammlung Lubomirski gezahlt wurde, mit 42 000 Dollar erstaunlich gering. In Stuttgart hat sich jetzt gezeigt, daß auch die Deutschen wieder den Mut haben, den Ausverkauf großer deutscher Kunst zu verhindern.

E. G.