Da das sogenannte "Weihnachtsgeschäft" im deutschen Buchhandel mehr und mehr den Charakter einer sportlichen Veranstaltung, einer Art von Rennen zwischen Favoriten und solchen, die "ferner liefen", angenommen hat, darf ein Beobachter vielleicht auch einmal in den Jargon des Sportberichts fallen und sagen, daß in diesem Jahr aller Voraussicht nach, was die neue deutsche Belletristik betrifft, ein ganz krasser Außenseiter "das Rennen machen" wird: Albert Vigoleis Thelens "Insel des zweiten Gesichts". Noch ist das Buch, das bei Eugen Diederichs erschien, ein "Geheimtip" derer, die zu geschwindem Lesen verpflichtet sind – der Habitués sozusagen. Aber das wird sich ändern, sobald die eigentlichen Kenner – die gourmets der Literatur – den gourmands nachgekommen sind und sich durch die 990 Seiten durchgelesen haben.

990 Seiten, fast so viele wie "Vom Winde verweht"! Ein richtiger Wälzer, doch weder ein richtiger Roman noch ein richtiges Memoirenbuch, obwohl man es als Schelmenroman lesen könnte, wenn nicht alle vorkommenden Personen (und darunter so bekannte Figuren wie der Graf Hermann Keyserling, der Graf Harry Keßler und Robert von Ranke-Graves) wirklich gelebt hätten oder noch lebten. Und andererseits könnte der Leser es für Memoiren halten, wenn Thelen nicht immerfort ausdrücklich die Phantastik der Vorgänge hervorhöbe und glossierte. Was ist es also für ein Buch? Was besagen die romantischen Mystifikationen des Titels und des Untertitels "Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis"? Vigoleis ist ja Thelen, der Autor – und ist es doch nicht. Er ist sein "zweites Gesicht", mit dem sich das erste Gesicht, eben der Schreiber des Buches, Albert Thelen, unterhält, wie sich Romanciers der Romantik mit ihren Romanhelden unterhalten. "Vigoleis, wie war dir da zumute, als du deiner Beatrice im Wege stundest, und die liebe Beatrice dir im Wege stand ..." Man erkennt die romantische Ironie wieder, den spielenden Scherz mit der Identität, den auch Hermann Hesse treibt, wenn er Cervantes und Don Quijote gemeinsam auf "Morgenlandfahrt" gehen läßt – nur daß Vigoleis nicht eine Erfindung von Thelen ist, sondern dessen romantisch-ironisches Selbstporträt.

DieserThelen-Vigoleis hat bis zu seinem fünfzigsten Jahr gewartet, ehe er sein Werk druckreif befand. Zwanzig Jahre und mehr liegen die Begebenheiten zurück, von denen er so doppelgesichtig erzählt. Bald danach (also nach 1933) müssen die ersten Entwürfe entstanden sein. Die neun Jahre, für die nach der Mahnung des Horaz ein Dichter ein Carmen verborgen halten soll, hat Thelen weit überschritten und mittlerweile, wofern er nicht von Land zu Land fliehen mußte, seine Tage als Übersetzer und Kritiker zugebracht, zuletzt und bis heute in Holland. Er gehört zu jenen, die 1933 nicht zu emigrieren brauchten, weil sie schon im Ausland waren – und ebendiese Geschichte, wie Vigoleis mit seiner Beatrice, der Baslerin aus der Familie "derer mit de – dt", 1930 ins Ausland kam, nämlich nach Mallorca, und wie die Baleareninsel für ihn die "Insel des zweiten Gesichts" wurde, bildet den roten, niemals abreißenden Faden des Buches, das auch dann der deutschen Literatur angehören wird, wenn es das einzige seines Autors bleiben sollte.

Es strotzt so sehr von Handlung, daß es keine Fabel nötig hat und deswegen auch so wenig in Kürze nacherzählbar ist wie der "Simplicius Simplizissimus" oder der "Siebenkäs" von Jean Paul. Nur ein dürres Gerippe käme bei dem Versuch heraus: Vigoleis und Beatrice, auf einen SOS-Ruf des Basler "ck-dt", der auf den Vornamen Zwingli hört, nach Mallorca geeilt, werden dort von jenem bei einer Kokotte einquartiert, büßen im Nu ihr Bargeld ein, werden von der Kokotte an die Luft gesetzt, ziehen, solange das Geld reicht, in die Pension eines Grafen, der Anarchist ist und in seinem Keller Bomben herstellt, finden dann, völlig mittellos geworden, im Gebirge bei Palma eine Bleibe in dem alten Wachturm, der sich als dreißigfaches Abteigequartier herausstellt, kommen durch Stundengeben, Abschreiben und Fremdenführerspielen wieder zu einer Art solider Boheme-Existenz und müssen bei Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges fliehen – nein, es geht nicht, man kann hier keine "Inhaltsangabe" machen. Hunderte von Szenen, jede in sich plastisch, pointiert, komisch, erschreckend, rührend, zart, ergeben ein Gesamtbild, von dem sich kein "Digest" geben läßt.

Ein romantischer Nihilist, ein anarchischer Solipsist, ein Dandy, ein Ästhetizist und ein Liebhaber preziöser Sprachspiele – das und gewiß noch mehr wird man Thelen und seinem Vigoleis nachsagen. Mag sein, aber er hat 990 Seiten herrliche, farbige, geschmeidige Prosa geschrieben und ein Werk von solchem Umfang so überlegen komponiert, daß Atem, Rhythmus, Tempi, Crescendi und Decrescendi ihre einzig mögliche Placierung erhielten. Wenn das Anarchie ist! Chr. E. Lewalter