Ost-Berlin, im Dezember.

Weder das milde Klima noch die sowjetzonale Zurückhaltung in religiösen Dingen kann darüber hinwegtäuschen, daß bald Weihnachten ist. Überall bemühen sich die Kaufhäuser von Ost-Berlin und die Kaufleute der Zone um eine weihnachtliche Schaufensterdekoration. Und so mußten sich die weiblichen Angestellten der größten Berlin-HO-Verkaufsstelle in der Stalinallee versammeln, und wie es den Vestalinnen Merkurs ziemt, auf das kommende Fest ein Gelübde ablegen. Sie verpflichteten sich, daß sie – jede einzelne – im Gipfelmonat des Jahres, im Dezember, sage und schreibe 2100 Mark mehr Umsatz erzielen wollen als im Oktober. Nun sind die Preise in der HO bekanntlich nach der letzten Preissenkung lächerlich niedrig. Ein Kilo Schnitzel kostet 16,20 Mark, Schinken 20 Mark, gewöhnlicher Speck 14 Mark; ein Trainingsanzug kostet 60 Mark. Und die Berliner sagen: es werde Hansaplast mitgeliefert, falls man sich einen Splitter in den Körper reißt; er ist so holzhaltig.

Stellen wir uns also vor, was es bedeutet, wenn bei diesen Preisen sämtliche Angestellten geloben, den Weihnachtsumsatz so zu steigern, daß er etwa 2000 Mark höher wird als im Monat Oktober. Wohl eine Leistung, die in die Geschichte des Handels, aber auch in die des Wandels einziehen wird. Fräulein Edith, die in diesem Warenhaus Verkäuferin ist, weiß natürlich von vornherein, daß diese Umsatzsteigerung trotz der Weihnachtseinkäufe ohne weiteres nicht zu erreichen sein wird. Daher verpflichtet sie sich, die Verkaufskultur wesentlich zu verbessern. Und nun plappert die Musterverkäuferin in ihrer süßen Art, daß man "Qualitätskontrolle" einführen müsse; sie jedenfalls verpflichtet sich, wortwörtlich nach dem "Neuen Deutschland", "künftig nur noch qualitativ einwandfreie Waren der Bevölkerung anzubieten." Wir werden wohl nicht extra zu sagen brauchen, daß das nach dem sowjetischen Vorbild ist.

Man spricht so viel von der tragischen Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschland. Nichts aber zeigt die große Kluft zwischen Ost und West mehr als solche kleinen Momentaufnahmen aus dem Alltag. Im Westen, wo nach der östlichen Terminologie das Volk geknechtet und geknebelt ist, hat das tägliche Leben sogar für Leute, die sehr wenig Geld haben, viele Annehmlichkeiten, die sie gar nicht bemerken, weil sie ihnen selbstverständlich geworden sind. Jeder würde aufmerken, wenn er, sei es als Wohlhabender, nach dem Osten ginge. Er würde aufmerken, wenn ihm nach acht Jahren mustergültiger Sowjetwirtschaft eine Verkäuferin feierlich erklärte, daß sie ihm künftig nicht mehr stinkende Margarine, verfaulte Fische und ranzige Butter offerieren werde... Th. E.