Wir hörten:

Wir haben in Deutschland sieben Sendegesellschaften. Jede sendet wöchentlich mindestens ein Hörspiel auf der Mittelwelle. Das ergibt theoretisch einen Jahresbedarf von rund 350 deutschen Hörspielen. Das Hörspiel ist eine junge Kunstform, daher gibt es im Hörspielprogramm nichts, was dem Klassikerspielplan der Theater entspräche. Woher kommen 350 gute Manuskripte? Manche Autoren, in denen das Zeug zum Dramatiker steckt, sind zum Funk abgewandert, andere haben sich Routine im "Verfunken" von Theaterstücken und Romanen erworben. Manchmal eignet sich auch eine ältere Bühnendichtung zur wörtlichen Übertragung (Hölderlins "Tod des Empedokles", Calderons "Prozeß des Menschen mit Gott", Immermanns "Merlin", Lessings "Minna von Barnhelm" waren eindrucksvolle Beispiele dafür). Dennoch bleibt der Bedarf groß und muß durch funkerfahrene und lebenskundige Hörspielautoren gedeckt werden, die etwa denjenigen Bühnenschriftstellern entsprechen, die in früheren Zeiten den deutschen Theatern die (heute so sehr vermißten) aktuellen Problemdramen und Zeitstücke lieferten. Der Dichter im Ursinn des Wortes ist auch im Funk ein seltener Vogel. Man kennt Günter Eich, Walter Jens, Fred von Hoerschelmann, Walter Oberer – wenige Namen, alle der mittleren Generation über dreißig angehörend. Unter den Jüngsten trat mit eigenem Profil bisher Gerhard Oelschlegel mit seinem "Romeo und Julia 1953" hervor, dem tragischen Spiel an der Berliner Sektorengrenze. Nun macht ein zweiter blutjunger Dichter auf sich aufmerksam: Mattias Braun, Jahrgang 1933, Werkstudent der Medizin, also kein werdender Berufsliterat, sondern ein "Nebenherdichter" wie Gottfried Benn, Heinz Risse und Werner Warsinsky. Sein erstes Hörspiel, "Ein Haus unter der Sonne", von einem so anspruchsvollen und registerreichen Regisseur wie Wilhelm Semmelroth in Stuttgart herausgebracht, zeigt eine ungewöhnlich kräftige und eigene Handschrift, nicht nur in dem kühnen Bau der Fabel – eine afrikanische Negerin wird vom Kolonialgericht verurteilt, weil sie ihr neugeborenes Albinokind dem Glauben ihres Stammes gemäß hat opfern lassen, während die weiße Frau des Kolonialbeamten, die einen Neger erschießt, um sich vor ihrer Begierde nach ihm zu retten, ein Ehrendiplom erhält –, sondern vor allem auch in der beklemmenden Gespanntheit der Dialoge. Die tropisch vergiftete Erregung des weißen Paares, die unbekümmerte Suada des Wanderhändlers in der Wüste, die schwermütige Sehnsucht der Schwarzen, die sich des Abstandes der Kulturen bewußt zu werden beginnen, alles ist in der fiebernden Atmosphäre der Begegnungen mit fast unbegreiflicher Sicherheit dargestellt. Und nichts davon ging inWilhelm Semmelroths Inszenierung verloren, die sich mit voller Kraft für eine erkannte Begabung einsetzte.

Wir werden sehen:

Mittwoch, 9. Dezember, 20.15 im NWDR:

Ein Novum für die deutschen Fernseher: die erste abendfüllende Operninszenierung. Vor hundert Jahren wurde Verdis "Traviata" in Venedig uraufgeführt, damals eine Sensation, weil es die erste Oper war, die im Gegenwartskostüm spielte. Heute trägt die Kameliendame natürlich historisches Kostüm, aber Verdis Musik ist auch in der Zeit des Fernsehens nicht veraltet.

Wir werden hören:

Donnerstag, 3. Dezember, 23.15 vom NWDR: