Der Verzweiflungsliteratur müde, bemühen sich Schriftsteller und Verleger um versöhnliche Bücher, die das Heilsein der-Welt, die Herrlichkeit des Menschen und den Glauben an einen Sinn des Geschehens verkünden. – Interessanterweise erreichen von fünf voliegenden neuen Romanen die beiden am ehesten eine innere Entkrampfung, die absichtslos dem Abenteuer des Lebens nachspüren. Der eine weicht auch nicht thematisch der finsteren Bedrohung des Daseins in diesem Jahrhundert aus, vielmehr gestaltet er die Fabel der Zeit, die Flucht schlechthin. Es ist der ausgezeichnete Roman des norwegischen Schriftstellers:

Arthur Omre: "Die Flucht", Universität Verlag, Berlin, Leinen, 310 Seiten.

ein Welterfolg, wie es in der Verlagsanzeige heißt. Ein Mann flieht vor der Polizei, seines Landes, die den entsprungenen Übeltäter wieder einfangen will, kreuz und quer durch Norwegen. Er vermag nicht einzusehen, was es der Gesellschaft nützen soll, ihn einzusperren, der als freier Mann ein neues sauberes Leben beginnen kann. Es gelingt ihm, in einem kleinen Küstenort einen flotten Fischhandel zu betreiben, aber keinen Augenblick vergißt er, daß er auf der Flucht ist. Sein Mißtrauen hetzt ihn weiter, bis er schließlich in eine Pechsträhne gerät und geschnappt wird. Das Buch enthält keine Anklage der Gesellschaft; es ist von kraftvoller Liebe zum Leben getragen, und das Ende ist ein Hinnehmen des Unvermeidlichen, spannend, frisch und atmosphärisch in einem Stil erzählt, der an Hemingway und Hamsun geschult ist. – Ein zweiter nordischer Erzähler in den Fußstapfen Hamsuns ist:

Nils Johan Rud: "Die Frau und der Elch", Claassen-Verlag, Hamburg, Leinen, 265 Seiten.

Ein junger Städter, der seine Ferien im Hochgebirge mit Jagen verbringt, ein karger, beherrschter Mensch, verliert den seelischen Zweikampf mit der Geliebten – sie verläßt ihn. Er schießt eine Elchkuh an; das verwundete Tier, Symbol seines Versagens gegenüber der Frau, verfolgt ihn in seinen Tag- und Nachtträumen. Er sucht verzweifelt die Spur der waidwunden Kuh, um ihr den Gnadenschuß zu geben. Als er sie endlich findet, hat sie sich erholt, und er erlebt, besiegt von der unverwüstlichen Lebenskraft der Natur, ihr erregendes Liebesspiel – alles in allem eine durchgeformte, knapp und klar erzählte Geschichte. Auch dieses Buch bejcht, ohne Bekenntnisse abzulegen, das Leben. – Das Bekennen scheint den weiblichen Autoren vorbehalten zu sein. Der Roman der Autorin von "Frühling des Lebens":

Marjorie K. Rawlings: "Der ewige Gast", Paul Zsolnay-Verlag, Leinen, 414 Seiten,

ist wieder ein großer epischer Wurf. Der geliebte Sohn einer wahnwitzigen Mutter, Benn, pfeift auf Heimat, Familie und Landleben, zieht fort und verkommt. Der Ungeliebte, Ase, heiratet des Bruders verlassenes Mädchen, verwaltet die Farm, zeugt Kinder, lebt das schlichte, verwurzelte Leben des Bauern, ein schwerfälliger, im Herzen eirsamer, mit viel Liebe geschilderter Mann, dem das Menschliche und Gute mehr am Herzen liegt als Geld und Besitz. Die junge Generation hat für seine Art zu leben nichts übrig. Der Sohn wird ein Geldmann, der aus der Farm ein Industriegelände machen möchte, um mehr Geld herauszuschlagen. Der alte Ase überschreibt die Farm einer fremden Fimilie, die ihn besser versteht als die eigene.