Die Freie Universität Berlin beging das Jubiläum ihres fünf jährigen Bestehens. Gegründet in einer Zeit, da die Deutschen um das Schicksal der alten Reichshauptstadt bangten, wirkt diese Hochschule in Berlin als Stätte weltoffenen Geistes und freier Forschung.

K. W. Berlin, Anfang Dezember

Die Freie Universität werde eine politische Kampfstätte und sehr viel weniger eine Stätte der Wissenschaft sein: so hat man vielfach skeptisch geurteilt, als sie sich vor fünf Jahren im Berliner Titänia-Palast konstituiert hatte. Es war das ärgste Nachkriegsjahr Berlins. Der Winter mit Dunkelheit, Kartoffelpuder und pausenlosem Transportfliegerlärm über der Stadt war angebrochen. Die Insel, böse und hartnäckig umklammert, war Wirklichkeit geworden. An einem jener trübkalten Dezembertage, am 4. des Jahres 1948, gründeten die Berliner eine Universität. Die 2301 Studenten, die an diesem Tage immatrikuliert wurden, hatten kaum Hörsäle, geschweige denn Institute, Laboratorien, Bibliotheken, Seminare, Kliniken. Irgendwo in Berlin-Dahlem existierte eine kleine Villa, die alles war: Kuratorialverwaltung, Quästur, Rektorats- und Professoren-Colloquium, ein wirrer, ungeordneter, schwärmender Haufen von willigen, hoffenden, planenden und wartenden Menschen. Sie alle und viele tausend mehr – über fünftausend Studierende hatten sich fürs erste, vollkommen unbestimmte Semester gemeldet – wollten die neue, die "freie Universität". Die meisten von ihnen, weil sie keine andere mehr hatten, weil die andere, die traditionelle "Unter den Linden", sie ausspie oder ihnen das Leben schwer machte.

Die Freie Universität war ein Protest. Ein Protest gegen das, was drüben im östlichen Sektor der Stadt passiert war und täglich weiter passierte. Wie das Magistratsgebäude, hatte das Nachkriegsgeschick auch die alte Humboldt-Universität in den sowjetischen Sektor verlegt. Die Russen und die von ihnen eingesetzte "Zentralverwaltung für Volksbildung" hatten mit gierigen Händen nach der bombenzerfransten alten Alma Mater gegriffen. Gesellschaftswissenschaften und Vorrang der Arbeiterfakultäten, Wissenschaftsterror und Meinungsknebelung machten sehr rasch das Studium an der Universität Humboldts zur Farce. Studentenführer, von allen gewählt, wurden von den Russen verhaftet, die Herausgeber der studentischen Zeitschrift "Colloquium" relegiert. Von den Studierenden und ihrer Not ging der Ruf nach einer neuen, einer wirklich freien Universität im Westen Berlins aus. Der Ruf ballte sich zu großen Massenkundgebungen an der Sektorengrenze. Es war nichts anderes, als der Ruf, frei studieren zu können.

Die Studenten also haben diese Universität erzwungen: unter ihnen vor allem die jungen Menschen aus Leipzig und Halle, Jena und Görlitz, Eisenach und Magdeburg. Darum ist ihre Mitwirkung an dieser Universität auch fünf Jahre danach anders als in Tübingen und Heidelberg, in Bonn oder München. Sie haben im Winter 1948 nicht danach gefragt, wer sie deutsche Geschichte und Betriebswirtschaft, wer deutsche Philologie oder Anatomie lehren sollte. Und es war schwer genug, in diesem stürmischen Gründungsjahr Dozenten und Professoren für das vage Unternehmen zu bekommen. So war also das erste Semester mit seinen Vorlesungen, Seminaren und Übungen nicht mehr als ein Provisorium. Ein Vorlesungsverzeichnis gab es noch nicht. Erst am Semesterende erschien es; auf schmutzig grauem Papier berichtete der erste Rektor, Deutschlands berühmter Historiker Meinecke, von 143 Vorlesungen und Übungen, die stattgefunden hatten...

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"Die Zahlung der Gebühren kann in DM Ost erfolgen ..." stand damals in den Mitteilungen über die Gebührenordnung. Und unter den Zulassungsbedingungen war der Passus zu lesen, daß bei gleicher Eignung zweier Bewerber der den Vorzug erhalte, der "nachweisen kann, daß er sein Studium an einer Hochschule der Ostzone gegenwärtig aus politischen Gründen nicht beginnen oder nicht fortsetzen kann". Beinahe die Hälfte der heute an der Freien Universität studierenden Sechstausend sind aus dieser Zone. Sie kommen aus einem Land minderen Geldes. Darum ist heute das "Währungsstipendium" für die Mehrzahl der Studierenden die Lebensgrundlage. Zum schlechten Sozialstatus der Studenten an den bundesrepublikanischen Universitäten tritt in Berlin die Not der Flucht. Was Wunder, daß die meisten dieser "Studiker" Stipendiaten des freien Berlins und amerikanischer Hilfsgelder sind. Und wenn auch die studentischen "Heinzelmännchen" vom Teppichklopfen bis zur Kinderwartung, vom Botendienst bis zur Schreibhilfe zusätzlich ein paar Mark verdienen – die Last der Existenz, die in Westberlin freilich mit 150 bis 175 Mark im Monat zu schaffen ist, liegt auf der öffentlichen Hand.