E. P. S. New York, im Dezember

Unweit von Los Angeles in Kalifornien gibt es einen Platz, an dem man in die Tiefen eines längst vergangenen Zeitalters hinabsteigen kann: den Hancock-Park. Hier liegen die Asphaltgruben von La Brea, die ehedem eine riesige Falle für die Tierwelt aus Ur-Urzeiten darstellten.

Es war gegen das Jahr 1850, als das Landgebiet von La Brea in den Besitz der Familie Hancock kam. Der erste der Hancocks sah die Sümpfe, die ölhaltiges Wasser enthielten und deren Grund aus Asphalt bestand. Er erwarb auf bequeme Art ein Vermögen dadurch, daß er in den Tagen des großen Goldrausches Öl und Asphalt an die Goldgräber verkaufte. Beim Schürfen stießen die Arbeiter Hancocks auf große Mengen von seltsam aussehenden Knochenresten. Die Mann er dachten: da sei wohl vor langen Zeiten eine Viehherde in den zähen Asphalt hineingeraten und dort zugrunde gegangen. Mit der Zeit kamen so viele Knochen zutage, daß die einheimischen Arbeiter dem Sumpf den Namen "Knochenfriedhof" gaben. Und als schließlich gar Knochen von einer Größe und einem Gewicht zutage kamen, daß vier starke Männer zu ihrem Transport nötig waren, zog man die Wissenschaftler zu Rate. Das war im Jahre 1906.

Damals begannen die Leiter des Museums von Los Angeles eine Reihe systematischer Ausgrabungen, die bald die unglaublich erscheinende Menge von drei Millionen Knochen ausgestorbener Tiere uns Tageslicht brachte. Darunter waren vollständig erhaltene Skelette von mächtigen Elefanten, von säbelzähnigen Tigern, Kamelen, Riesenfaultieren, gewaltigen Wölfen, übergroßen Bären und einem Vogel, der eine Flügelspannweite von weit über drei Meter gehabt haben muß. Amerika lachte. Wie? Es sollten auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten Tiger gelebt haben? Und was gar die Kamele anbelangt, die in der Umgebung von Los Angeles aufgetreten sein sollten: die Ansicht des Publikums war, daß aus dem Zirkus Barnum ein paar exotische Tiere ausgerissen und in den Asphaltsümpfen elend zugrunde gegangen seien. Das war die "Barnum-Theorie", von der heute kein Mensch mehr spricht. Heute gelten die Sümpfe von La Brea als eine unerschöpfliche Fundgrube unserer Kenntnisse von den vergangenen Formen des Lebens.

Das Sumpfgebiet von La Brea bestand ursprünglich aus über hundert einzelnen Teichen, in deren Abgrund sich Öllagerstätten befanden. Das Wasser war stark ölhaltig. In der Sonne verdunsteten die flüchtigeren Bestandteile des Petroleums; die Teiche versickerten, und es blieb ein dickflüssiger, zäher Teer und Asphalt zurück. Gegenwärtig sind noch dreizehn solcher Teiche erhalten, die man mit einer Mauer eingefaßt hat. Diese Teiche waren viele Jahrhunderte lang eine unheimliche Tierfalle. Wenn ein Tier an diesen Sümpfen seinen Durst löschen wollte, geriet es unweigerlich in den zähen Asphalt. Und die auf leichte Beute bedachten Raubtiere stürzten sich auf die hilflosen Opfer und gerieten gleichfalls in die Fänge dieses klebrig-zähen Asphaltsumpfes. Die Asphalthülle, welche die Tiere umgab, bildete nun ein vorzügliches Konservierungsmittel. Auf diese Weise sind viele Tierskelette unversehrt erhalten geblieben. Und so wissen wir heute mit Sicherheit, daß auch Pferde und Kamele, deren Heimat bis dahin Asien zu sein schien, auf dem amerikanischen Kontinent heimisch waren. Freilich waren Pferde und Kamele längst ausgestorben, als der weiße Mann Amerika entdeckte. Für die Reisenden, die La Brea heute besuchen, gibt es eine besondere Attraktion: Neben den erhalten gebliebenen Gruben hat man viele der Tiere, die einstmals in ihnen umgekommen sind, in voller Lebensgröße modelliert. Seither sieht man viele Besucher, die andachtsvoll oder skeptisch die Lebenswelt längst verschollener Jahrtausende mit Muße bewundern und dabei in Gedanken in graue Vergangenheit reisen.