Lindau, Anfang Dezember

Die Bundesrepublik ist auf dem Wege, einen ihrer "Bundesstaaten" zu verlieren. Nein, nicht etwa ans Ausland. Das Gebiet bleibt uns erhalten. Nur –: der Staat verliert seine Staatlichkeit. Dieser "Staat" war von der Franzosen Gnaden und hatte sich im südlichsten Winkel unseres Landes gebildet, damit er eine Brücke zur französischen Besatzungszone in Österreich darstellen könne –: der Kreis Lindau. So nahmen ihn die Franzosen einfach aus der Geographie Bayerns heraus. Natürlich war der Kreis Lindau offiziell niemals ein eigener Staat. Aber praktisch hatte er die Wesensart eines selbständigen Bundeslandes, mit einem Kreispräsidenten an der Spitze.

In Lindau gibt es das alte Gebäude des Damenstifts. Dort sitzt neben dem Kreispräsidenten ein Regierungsdirektor. Es gab in Lindau auch ein eigenes Parlament; es nannte sich freilich "Beratungsausschuß", aber das änderte die Sache nicht. Hatte je ein Grenzkreis das Recht, den Zoll selbst zu behalten? Stattliche Summen, zeitweise durch die bestraften Kaffeeschmuggler monatlich auf Millionendicke gemästet. Im Finanzamt schrieb der Kreis sich selbst die Steuern gut. Industrien legten hier Ausweichunternehmen an; eine große ausländische Firma machte ihre deutsche Niederlassung in Lindau auf. Sonst ist die Wirtschaftsform des Kreises Lindau einfach und problemlos –: Von den Voralpengräsern des Allgäu leben die Kühe und erfreuen die Menschen durch Milch von bekannt feiner Qualität. Nun, jene Zeiten der Lindauer Blüte und Selbstherrlichkeit sind vorbei.

Nicht einmal der Kreispräsident spricht mehr davon, obwohl es ihm offensichtlich schwerfällt, die Lindauer Souveränität jetzt so dahinschwinden zu sehen. Wie denn? Der "Kreis Lindau" war par ordre de Mufti entstanden, und einst, wenn man dem Präsidenten vorhielt, welche Anforderungen diese Kuriosität einer Kriegsnachgeburt an die Glaubwürdigkeit stellte, antwortete er: "Wir vespern, wo wir wollen!" Das war eine folkloristische Ausdrucksweise für die Weisung, die Nase in eigenen Dingen zu halten.

Von Beruf Ingenieur

Der Kreispräsident kommt weder aus einer Beamten-, noch einer politischen Laufbahn, sondern aus einem Entnazifizierungskomitee. Er ist von Beruf Ingenieur, Besitzer einer kleinen Fabrik, die landwirtschaftliche Maschinen herstellt und die er von seinem Vater geerbt hat: der war Schmied und eine – Persönlichkeit. Der Präsident ist also im Kreis beheimatet, und mit Namen heißt er Anton Zwisler. Mit befriedigtem Humor hört er sich noch heute gern "Landesvater" oder "Toni I." nennen. Kurz, er hat auch als Regierungschef den Mut und den Charme zu seinen Eigenheiten.

Weitere Einzelzüge seiner Persönlichkeit? Nun, bekannt sind seine Beziehungen zu Frau Musica. Gelegentlich der eingeschlafenen "Lindauer Wochen" huldigte er ihr, indem er sich im Festzelt, sooft es ging, von der bayerischen Blechkapelle aufs Podium locken ließ, den begamsbarteten Hut des musikalischen Chefs aufsetzt und dessen Taktstock in die Hand nahm. So bewaffnet, führte er die Zwanzig-Mann-Kapelle so hingerissen durch die Takte eines Marsches, daß es schien, er gebe über die Seite der Musik eine Probe seiner politischen Dirigierfähigkeiten über die 55 000 Seelen seines Kreises.