Von Egon Brinkmann

Über sechzig Dramen, zwei Romane und hundertdreißig Gedichte sind das Lebenswerk Georg Kaisers, dessen Geburtstag sich dieser Tage zum fünfundzsiebzigsten Male jährte.

In dem literarisch so turbulenten Jahrzehnt zwischen 1920 und 1930 war Georg Kaiser ein international bekannter Dramatiker. Zusammen mit Gerhart Hauptmann gehörte er im Deutschland jener Jahre zu den am meisten gespielten Autoren. Eine Aufführung hatte seinen Namen kometengleich aufsteigen lassen: die denkwürdige Premiere der "Bürger von Calais" am Frankfurter Neuen Theater 1917. Dies Bühnenspiel hob den Dichter heraus aus der Vielzahl der üblichen Ekstatiker und Stammler, deren Namen heute längst vergessen sind. Im selben Jahr kamen gleich vier weitere Stücke von ihm auf die Bühne, darunter "Von morgens bis mitternachts". Diese Tragödie eines Bankkassierers, der mit unterschlagenen 60 000 Mark in der Tasche aus der Enge seines Schalterraumes ausbricht, um das uneingeschränkte, echte Leben zu suchen, ist auch im Ausland viel gegeben worden. Auf den Spielplänen der deutschen Bühnen durfte jetzt der Name Georg Kaiser einfach nicht mehr fehlen. Eine Premiere jagte die andere. Und trauten sich die Dramaturgen und Regisseure nicht so recht an Werke, wie die großartige "Gas"-Trilogie, diese düstere, unheimliche Vision von der endgültigen Vernichtung alles Lebens durch den Menschen, wollten die Theater kein Risiko mit einem Stück wie den erbarmungslos demaskierenden "Lederköpfen" oder dem "Geretteten Alkibiades" eingehen –, nun, der Mann mit dem treffsicheren Theaterinstinkt hatte ja auch andere, leichter verdauliche Kost auf Lager: "Kolportage" etwa, eine unverwüstliche Komödie, geschrieben "zur Förderung der Kinderfürsorge und des zeitgenössischen Theaters". Dies "Meisterwerk an Fehlgeburt", wie Kaisers erster namhafter Kritiker Bernhard Diebold das Stück bezeichnete, wird augenblicklich an nicht weniger als 15 Theatern gespielt. Oder das unbeschwerte, luftige Tanzspiel "Europa", eine reizvolle Parodie auf blasiertes Ästhetentum. Öder die Tragikomödie jenes lebensfremden Archäologen, dem ausgerechnet griechisch: Mäuse sein Butterbrot anknabbern, woraufhin er die Archäologie Archäologie sein läßt und mit viel Fleiß und Akribie eine – natürlich altertümliche – Mausefalle konstruiert.

Gegen Ende des Jahrzehnts war es um Kaiser stiller geworden. Eine 1928 an seinem 50. Geburtstag vom Kiepenheuer-Verlag begonnene und auf sechs bis acht Bände berechnete Gesamtausgabe seiner Dramen kam über den dritten Band nicht hinaus. Alfred Polgar hatte recht, als er für das expressionistische Drama die lakonische Formel fand: "Gestern noch eine Sache von übermorgen, heute schon eine Sache von gestern." Aber Georg Kaiser hat sich nie darum gekümmert, ob man seine "Denkspiele" aufführte oder nicht. Er lebte einsam und zurückgezogen in seinem Haus am Rande Berlins und arbeitete weiter. Kaum, daß er einmal ins Theater ging, zu Aufführungen von eigenen Stücken – "Exekutionen" nannte er in seiner eigenwilligen Sprache so etwas – schon gar nicht. Als 1931 Jürgen Fehling am Staatlichen Schauspielhaus den "König Hahnrei" mit Heinrich George als König Marke auf "modern" spielte – George zeigte sich in Frack und Panamahut, während hinter der Szene Hilde Körber als ungetreue Isolde brav ihr Czerny-Pensum übte –, da forderten die erbosten Kritiker den "dramatischen Radfahrer von Grünheide" energisch auf, sich doch gefälligst mal um seine Inszenierungen zu bekümmern. Wahrscheinlich hat Kaiser diese Kritiken nie gelesen; gerichtet hat er sich jedenfalls nicht danach. "Ich interessiere mich nicht für den Dramatiker Georg Kaiser", war seine Antwort an einen Schriftsteller, der ein Buch über ihn geschrieben und ihm ein Exemplar zugeschickt hatte.

Seit einem organisierten Theaterskandal in Leipzig, Februar 1933, anläßlich der Uraufführung des Wintermärchens vom "Silbersee" – die Musik dazu stammte von Kurt Weill –, ist in Deutschland bis zum Ende der Hitler-Herrschaft kein Stück mehr gespielt worden. Sein Werk war verboten. In Not und Entbehrung hat er noch fünf Jahre, tief vereinsamt, gelebt, nur mit sich und der Bewältigung seiner Visionen beschäftigt. Dann mußte er Deutschland verlassen. "Mir blieb in Grünheide nur noch die Wahl: Hungertod oder Selbstmord", heißt es in einem Brief an einen gleich ihm Vertriebenen. Freunde in der Schweiz nahmen den Flüchtling bei sich auf. Hier in der Emigration schrieb er die Geschichte vom "Soldaten Tanaka", dem Sohn des ärmsten Reisbauern im finster gewordenen Reich der Sonne. Die japanische Botschaft in der Schweiz protestierte damals gegen eine Aufführung dieses Stückes, das in einer einzigen Anklage gegen den unmenschlichen Krieg, gegen den Absturz in Barbarei, in einer Anklage gegen den Staat gipfelte. "Ich habe der Menschheit auf den nackten Nabel gesehen – ich will aufschreiben, was ich sah. Das ist mein Mut und mein Fluch." Und er schrieb ihn auf, den Fluch der meertreibenden Kinder, das "Floß der Medusa". Wie so oft hatte auch hier eine Zeitungsnotiz dem Dichter die Anregung zu der ergreifenden Kindertragödie gegeben: im September 1940 war ein Dampfer, der Kinder aus den bombardierten Städten Englands nach Kanada bringen sollte, von Torpedos getroffen worden. Thomas Mann nennt diese moderne Odyssee der dreizehn Kinder, von denen eines sterben muß, ein Stück "voll seltsamer, zu Herzen gehender Poesie." Und endlich sein letztes Werk, Abschluß und zugleich Krönung seines dramatischen Schaffens: die Vers-Trilogie der griechischen Dramen.

Kein Dichter erträgt die Wirklichkeit. Dieses Nietzsche-Wort beweist im Leben Georg Kaisers seine Gültigkeit. Er hat die Wirklichkeit erlitten wie selten ein Mensch. In den Briefen aus der Zeit der Emigration finden sich Stellen wie diese: "Wenn ich einmal diese Epoche meines Lebens schildere, so wird eines der bittersten Bücher geschrieben sein. Es wird die Dichtung inmitten weniger Wahrheit klingen – aber es ist Wahrheit." Oder: "Wenn ich in letzter Zeit so viele Werke geschrieben habe, so geschah es nicht, um nicht wahnsinnig zu werden, sondern um wahnsinnig zu werden. Diese Art des Selbstmordes erschien mir die würdigste. Doch ich überstand die Schöpfung meiner, Werke." Homer, Hesiod und die Tragiker halfen ihm in den letzten beiden Jahren, die verhaßte Wirklichkeit zu überwinden. Im antiken Mythos fand er die Stoffe für seine letzten Dramen. Mit schöpferischem Zorn gestaltet er "Zweimal Amphitryon" und "Pygmalion", göttliche Gnade erlöst Georg Kaisers letzte dramatische Gestalt, "Bellerophon".

Kurz vor seinem Tode hat der Dichter bekannt: "Es war alles mehr als zuviel – jetzt bin ich müde, wie es einst Georg Büchner war. Mir wäre es nur um die ungeschriebenen Werke leid –, um mich selbst nicht."

Als Georg Kaiser starb, war der Krieg mit Deutschland zu Ende; die Explosion der ersten Atombombe mitzuerleben, blieb ihm erspart.